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  • GC 002 2017 Titel

Schwerpunktthema 02/2016

Übergänge im Leben gestalten

Von Monika Hellmeier-Schmittner
Referentin für Persönlichkeits- und Familienbildung am Kardinal-Döpfner-Haus

Immer mehr setzt sich in unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Professionen die Vorstellung durch, Menschen nicht nur in ihrer jeweiligen Lebenssituation zu betrachten, sondern die menschliche Entwicklung unter einer Lebenslaufperspektive wahrzunehmen. Dabei kann man Lebensläufe einerseits als Abfolge von Lebensaltersphasen betrachten (Kindheit, Jugend, etc.) oder man kann den Fokus auf die Lebensübergänge – das „nicht mehr, aber auch noch nicht“ – legen. Übergänge sind „prinzipiell Zonen der Ungewissheit und Verwundbarkeit“ (Walther, Stauber 2013) und bedürfen daher häufig der Begleitung und Unterstützung. Übergänge lassen sich differenzieren in einerseits erwartbare, vorgegebene Lebensübergänge, die ein normales Leben mit sich bringt: bei kleinen Kindern der Übergang aus der ausschließlichen Familienumgebung in eine Kindertagesstätte mit neuen Zeitabläufen, Sozialformen und Kontaktpersonen, dann in die Schule, später in eine Ausbildung oder ein Studium, in eine Berufstätigkeit, in den Ruhestand. Zum anderen lösen kritische Lebensereignisse unerwartbare Übergänge aus. Das können Krankheiten, Unfälle, Trennungen, Verlust des Arbeitsplatzes, Todesfälle sein.

Eine andere Klassifizierungsmöglichkeit ist, berufliche von eher privaten Übergängen zu unterscheiden. Das sind zum einen der Übergang von der Schule in die Berufsausbildung, von der Ausbildung in die Berufstätigkeit, in Erwerbsunterbrechungen (freiwillige oder unfreiwillige) bis zum Übergang in den Ruhestand, und zum anderen Übergänge wie der Auszug aus dem Elternhaus, das Eingehen einer verbindlichen Partnerschaft, der Übergang in die Elternschaft oder in die Großelternrolle, Trennungen und neue Partnerschaften.

Und es gibt viele Zwischenformen: Stellen- oder Berufswechsel, Phasen der Weiterbildung oder Umschulung, Wechsel in Arbeitszeitformen, Umzüge. Je differenzierter und individualisierter unsere Lebensformen sind, desto weniger kann man von eindeutig erwartbaren Übergängen sprechen und desto mehr Lebensübergänge und –umbrüche finden in einem Leben statt. Gemeinsam ist, dass es in Übergangssituationen immer um Veränderungen geht. Bisherige Muster, bewährte Bewertungen und Handlungsroutinen tragen nicht mehr, müssen angepasst oder ganz neu entwickelt werden. Übergange sind potentiell krisenbehaftet.

Dabei sehen wir, dass Menschen unterschiedlich mit Veränderungen umgehen, vor allem abhängig davon, wie sie ihre Situation deuten. Übergänge benennt Heide von Felden als „Zeiten für (Um)Deutungen“. Dies führte sie auch im Rahmen einer Tagung aus, die im März 2015 im Bildungszentrum Kardinal-Döpfner-Haus in Freising stattfand. Die Tagung fungierte als Auftaktveranstaltung für ein innovatives Projekt der Erwachsenenbildung in der Erzdiözese München und Freising, das sich exemplarisch mit dem Übergang in die nachberufliche Lebensphase befasste. Heide von Felden zeigte anhand von Interviewauswertungen, dass Übergänge biografisch unterschiedlich gedeutet werden: der Übergang in die nachberufliche Zeit kann als Verlust oder als Befreiung interpretiert werden. Es können Risiken oder Chancen in den Vordergrund gestellt werden. „Übergänge bewirken vor allem zunächst Verunsicherungen, Klärung der eigenen Basis, Entwicklung von neuen Perspektiven, Annehmen oder Verändern der neuen Situation, Freisetzen von Energie und Aktivitäten zur Bewältigung der Veränderungen“ (von Felden 2007).

Für die Lebensphase Ruhestand können idealtypisch vier unterschiedliche Gestaltungstypen ausgemacht werden: Da gibt es die „Weitermacher“. Sie möchten weiter arbeiten, über die Altersgrenze hinaus und tun dies oft auch, oder sie setzen ihre Tätigkeit im Ehrenamt fort. Die „nachberuflich Engagierten“ haben auch weiterhin einen vollen Terminkalender. Gefüllt ist er jedoch mit anderen Tätigkeiten als zuvor. Viele ehrenamtlich engagierte Flüchtlingshelfer können sich hier einordnen. Die „Nachholer“ dagegen treffen wir im Seniorenstudium der Bildungswerke und Bildungshäuser oder Universitäten. Sie nutzen die frei gewordene Zeit für Lernfelder und Betätigungen, die ihnen im jüngeren Alter verwehrt waren. Die „Befreiten“ schließlich genießen es, viele Verpflichtungen ablegen zu können. Sie schätzen es, sich nicht mehr zu verplanen, sondern spontan zu Unternehmungen aufbrechen zu können oder auch nichts tun zu dürfen. So unterschiedlich wie Menschen am Übergang auf die nächste Lebensphase schauen, so unterschiedlich sollen auch Angebote zur Begleitung und Unterstützung sein.

Es erweist sich als hilfreich, einen Übergang bewusst zu gestalten. Von „rites de passage“ spricht die Fachliteratur. Die Theologin Adelheid Widmann verdeutlichte bei der Tagung in Freising die Bedeutung von Ritualen in Übergangssituationen. Rituale sind eine bewährte Form kirchlicher Praxis. Karl Gabriel definiert Rituale als „stilisierte, wiederholbare Handlungen an den typischen Übergängen und Brüchen des modernen Alltags“. Nach Widmann brauchen Menschen in Übergangssituationen „ressourcenorientierte Rituale, die zwei Zustände zusammenfügen, die in der Sinnkonstruktion des Menschen nicht zusammenpassen.“ Im Ritual bekommen Gegenstände oder Zeichen einen neuen Sinngehalt (vgl. Glinka 2013). In unserer Gesellschaft gibt es aktuell nicht mehr viele Symbole, die die Unbestimmtheit des Schwellenzustands in Übergangsphasen ausdrücken können. Es würde sich – besonders auch im kirchlichen Bereich – lohnen, zeitgemäße Formen zu entwickeln.

Seit den 1970er Jahren ist eine Entstandardisierung von Lebensläufen zu beobachten. Individualisierung und Flexibilisierung von Erwerbs- und Familienformen nehmen zu. Ulrich Beck hat das Individuum in diesem Zusammenhang als „Planungsbüro in Bezug auf den eigenen Lebenslauf“ bezeichnet. Das hat zur Folge, dass „Übergänge im Lebenslauf länger, differenzierter, vielfältiger und unbestimmter“ (Hof 2013) geworden sind und es deshalb in jedem einzelnen Leben immer mehr Übergangserfahrungen gibt (häufigere Stellen- und Berufswechsel, Lebensabschnittspartnerschaften, partielles Erwachsenwerden in der Postadoleszenz). Deshalb wird die Übergangskompetenz immer mehr zu einer Schlüsselqualifikation für ein gelingendes Leben. Übergangskompetenz wird lebenslang lernend erworben. Da ihre Ausprägung, wie aufgezeigt, immer individueller wird, werden zunehmend auch Beratung und speziell Bildungsberatung relevant. Außerdem ist es gerade hier sinnvoll, neben formalen auch nonformale und informelle Lernprozesse mit zu berücksichtigen.

Zur Stärkung der Übergangskompetenz ist besonders die Biografiearbeit als Angebot der (kirchlichen) Erwachsenenbildung hilfreich. Sie hat das Knowhow, verschüttete Ressourcen bewusst und handlungsrelevant werden zu lassen. Mit ihren Methoden unterstützt sie dabei, den Blick auf bereits gemeisterte Lebensübergänge zu lenken. Wer und was hat geholfen, diese zu bewältigen? Was waren positive Veränderungen und welche Faktoren haben dazu beigetragen, sie als gelungen zu erleben? In Übergangsphasen stellen sich Fragen nach dem Umgang mit Veränderungen, nach erlebtem Scheitern, nach der Einstellung gegenüber Risiken und Unsicherheiten. Biografiearbeit im erwachsenen-bildnerischen Setting kann dabei bewährte Begleitung sein. Erwachsenenbildung kann Deutungen und Umdeutungen anregen und damit zum Entdecken neuer Handlungsoptionen beitragen. Ebenso kann sie dabei unterstützen, Uneindeutigkeiten auszuhalten. Diese Kompetenz der Ambivalenztoleranz wird es künftig verstärkt brauchen. Für das Bewältigen von Übergängen heißt das, noch mehr die individuelle Situation jeder und jedes Einzelnen in den Blick zu nehmen.