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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Meditation 02/2016

Meine Zeit in Deiner Hand

Von Maria Rehaber-Graf

Die Teilnehmer meiner Kurse erleben mich oft mit der Gitarre in der Hand und einem Liederbuch auf den Knien. Ich mag es, bei Besinnungstagen mit den Leuten zu singen. Wenn ich sie dann ermuntere, sich etwas zu wünschen, fällt die Wahl meist schnell auf das Lied: „Meine Zeit steht in Deinen Händen“ von Peter Strauch. Das ist der Renner in all meinen Kursen, offensichtlich ein religiöses Lieblingslied für Menschen unserer Tage. Was gefällt uns so daran? Welches Bedürfnis, welche Sehnsucht in uns spricht es an?

Als erstes fällt mir das Wort „Zeit“ auf. Und mir fällt ein, wie ich selber unter Zeitdruck stehe: drei Mails muss ich dringend beantworten, am besten gestern schon, das Treffen heute Abend will vorbereitet sein, dazu brauche ich Ruhe, aber wann mach ich dann den Einkauf? Da klingelt auch noch das Telefon… Ich brauche Ihnen sicher nicht zu erzählen, wie sich das anfühlt. Meine Zeit ist oft so knapp, so vollgepfropft mit vielen Aktivitäten – seien es nun Pflichten oder schöne Dinge – dass mir schon die Luft ausgeht, wenn ich nur daran denke.

Und nun: „Meine Zeit steht in Deinen Händen.“ Ich lasse mir das mal auf der Zunge zergehen. Ich koste den Satz aus: „Meine Zeit steht…“ – Nein, spüre ich, meine Zeit steht nicht! Sie läuft, sie rennt, sie zerrinnt mir zwischen den Fingern … Und still stehen darf meine Zeit gar nicht, das wäre noch schlimmer, das wäre Langeweile, Stumpfsinn! Da würde ich mich fühlen wie auf dem Abstellgleis verlorenen Lebens!

„Meine Zeit steht in Deinen Händen“ – bei diesem Satz kann ich aufatmen. Da gibt es etwas Größeres. Da gibt es jemand Größeren, jemanden, der oder die meine Zeit in Händen trägt und hält. Ein Du, bei dem meine Zeit gut aufgehoben ist. Ein Du, bei dem ich gut aufgehoben bin. Das tut gut!

Und der Text führt weiter: „Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in Dir.“ Bilder steigen in mir auf: Von einem Kind auf dem Schoß, das sich an die Mama oder den Papa schmiegt, getröstet und gehalten. Von einer Katze, die zusammengerollt auf dem Sofa friedlich schläft. Von zwei Menschen, die sich innig in den Armen halten und dabei die Zeit vergessen. Ich wünschte mir, mich so in Gott bergen zu können.

Tatsächlich gibt es tief in mir diesen Ort, an dem ich gehalten und getragen bin. Den heiligen Raum, wo Gott in mir atmet. Wo ich ohne jeden Zweifel weiß, dass ich geliebt bin. Diesen Ort gibt es in mir, in Ihnen, in jedem Menschen. „Du gibst Geborgenheit“ – Manchmal meine ich ganz sanft eine ruhige und tiefe Geborgenheit zu spüren, die aus der Beziehung zu Gott erwächst.

Doch nicht immer ist das der Erfahrung zugänglich. Ich kenne auch das Andere: Angst und Unruhe, die mit dem Druck der Alltagsaufgaben einhergehen, ein schleichendes Unwohlsein, mit dem Gefühl verbunden: irgendetwas stimmt nicht, ich muss etwas verändern. Oder es passiert etwas, das mein Leben von einer zur anderen Sekunde auf den Kopf stellt und mich ins Gefühlschaos wirft.

Weiß ich dann, wohin ich mich wenden kann? In Liedern aller Zeiten haben Menschen versucht, sich selbst und einander zu versichern, wo die Anlaufstelle ist für Fragen und Klagen, für Zweifel und Glück: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“, beten wir mit den Worten des Psalm 130, und Johann Philipp Neumann lässt uns in der Schubertmesse singen: „zu dir … komm ich in Freud und Leiden“. Kann Gott meine Ansprechperson werden für alles, was mich bewegt? An dieser Frage entscheidet sich viel. Denn ebenso wie Not beten lehren kann, kann in der Not der Glaube auch Schiffbruch erleiden. Wenn sich im Leben etwas verändert, kann sich die Beziehung zu Gott vertiefen, oder auch versanden und versickern.

Unser Lied jedenfalls lädt ein, das Vertrauen in Gott zu setzen: „Du kannst alles wenden.“ Und fährt fort mit der Bitte: „Gib mir ein festes Herz, mach es fest in Dir.“ Was für ein kraftvolles Bild! Darin steckt die Sehnsucht nach Halt und Geborgenheit. Und auch die Erfahrung, dass wir uns diese Sicherheit nicht selber geben können. Wenn wir das Lied singen, stellen wir bewusst unser Leben in Gottes Gegenwart. Und bestärken uns gegenseitig darin, auf Ihn zu vertrauen, der unsere Zeit in Händen hält.

„Da gibt es jemand Größeren, jemanden, der oder die meine Zeit in Händen trägt und hält. Ein Du, bei dem meine Zeit gut aufgehoben ist. Ein Du, bei dem ich gut aufgehoben bin. Das tut gut!“