Nachhören

  • Miteinander sprechen, voneinander lernen

    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

    Zum Anhören herunterladen oder direkt hier im O-Ton anhören:

Schreiben Sie uns

    • Ihre Meinung zu Beiträgen
    • Fragen, die beim Lesen aufgetaucht sind
    • Reaktionen an die jeweiligen Autoren
    • Themenwünsche und Ideen für zukünftige Ausgaben

    Kontaktdaten

Aktuelle Ausgabe

  • GC 002 2017 Titel

Kommentar 02/2016

Spannende Krisen

Von Wunibald Müller
Theologe, Psychologe und Leiter des Recollectio-Hauses der Abtei Münsterschwarzach

Für die Tiefenpsychologin Verena Kast ist es wichtig, dass man sich klar macht und dazu steht, dass Krisen zum Leben gehören und sehr viele Umschlagpunkte im Leben mit Krisen verbunden sind. Wir müssen dahin kommen, schon möglichst früh im Lauf unseres Lebens eine Art Krisenkompetenz zu lernen. So beginnt die erste große Bewährungsprobe in der Entwicklungsstufe vom Kind zum Erwachsenen, die uns ganz schön durcheinanderwirbeln kann und auf die wir dankbar zurückschauen können, wenn wir sie gut bewältigt haben.

Krisen haben viele Gesichter. Wenn ich an Krisen denke, fallen mir die unzähligen menschlichen Schicksale ein, wenn Beziehungen, Lebensentwürfe, wichtige Vorhaben scheitern. Ich denke an das Scheitern der Ehe meiner Eltern, die seelischen Schmerzen, die Scham, die Enttäuschungen, die Verzweiflung, die damit einhergehen. Ich denke an die Priester und Ordensleute, die ihr Priesteramt aufgegeben haben, ihren Orden verlassen haben, die große seelische Not, die damit oft einhergegangen war, die Zerreißproben, die in der Regel vorausgegangen waren.

Jedem werden viele andere Beispiele aus dem eigenen Leben oder der näheren und weiteren Umgebung einfallen und sie werden wohl auch zustimmen: Niemand will sich einer Situation ausgesetzt sehen, die ihn in seinen Augen und vor den Augen der Welt, so jedenfalls der Eindruck und die Befürchtung, schlecht dastehen lässt, die den Eindruck vermittelt, schwach zu sein, mit bestimmten Situationen, dem Leben nicht zurechtzukommen. Und da sollen Krisen eine Chance sein?

Krisen können das Ende sein, sie können in ein endgültiges Scheitern führen. Nicht aus jeder Krise erwächst eine Chance. Sie können sich aber eben doch als Chance erweisen. Es hängt dabei auch von uns ab, wie wir mit diesen Krisen umgehen, wie wir sie für unser Leben deuten. In solchen Augenblicken erscheint uns das ganze Leben oft als ein Scheitern. Setzen wir uns und unser Leben mit dem, woran wir gescheitert sind, gleich und reduzieren wir unser Leben darauf, kann es tatsächlich für uns sehr eng werden. So etwa, wenn der einzige Sinn meines Lebens in der Beziehung zu einem Menschen besteht, den ich über alles liebe und ich diesen Menschen verliere.

Wie ich mein Scheitern deute, kann also Einfluss darauf nehmen, wie ich mit Krisen umgehe, ob ich mich durch das Scheitern lähmen lasse und aufgebe oder aber auch im Scheitern und der damit einhergehenden Krise eine Chance für mich entdecken kann, die ich für mich nutzen möchte. Das wird auch davon abhängen, über wie viel Resilienz, der Fähigkeit flexibel mit schwierigen Situation zurechtzukommen, wir verfügen. Sie ist oft die Voraussetzung dafür, dass wir die in einer Krise steckenden Chancen entdecken und nutzen können.

Krisen können sich dann als Chancen erweisen, die uns unabhängiger und freier machen; die dazu führen, dass wir noch mehr wir selbst werden; die uns in unsere Tiefe führen, uns mehr mit unserem Lebenstraum in Berührung bringen, uns demütiger machen. Aus unseren Krisen erwächst dann eine Kraft, die unser Leben verwandelt, die uns nach vorne gehen lässt, die uns ermutigt, Neues zu wagen und auszuprobieren. Verena Kast formuliert es so: „Wenn es kriselt in unserem Leben, dann passiert auch wenigstens etwas. Also da spitzt sich dann das Leben zu und plötzlich merkt man, etwas hat schon länger nicht mehr gestimmt im Leben, und die Krise bringt uns dazu, dass wir uns mit uns selber eigentlich in Übereinstimmung bringen. Und von daher können Krisen spannend sein.“