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  • Miteinander sprechen, voneinander lernen

    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Interview 02/2016

Filmreifes Schurkenstück oder wahres Damaskus-Erlebnis?

Josef Müller (60) hatte alles: Geld, Häuser, Yachten, schnelle Autos. Er war zum Tee bei der Queen, sein Trauzeuge war Rambo Sylvester Stallone, auf fast keiner Party der Münchener High-Society hat er gefehlt, er erhielt politische Ehren und wurde sogar zum Honorarkonsul von Panama ernannt. Müller verspekulierte alles Geld, bediente sich bei seinen Mandanten. Es folgten der finanzielle und soziale Absturz und vier Jahre Gefängnis. In dieser Zeit hat er sein Leben und Denken radikal verändert. Heute tourt er als Glaubensbotschafter durchs Land. In seinem Buch „Ziemlich bester Schurke“ beschreibt er dieses vollkommen verrückte Leben, seinen Aufstieg und Fall, aber auch seine lebendige Beziehung zu Jesus. Mehr zu Josef Müller, seinem Buch und seinen Vorträgen finden Sie auf seiner Homepage: www.ziemlich-bester-schurke.de. (alx)


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Gemeinde creativ: Fangen wir vielleicht ganz am Anfang an, erzählen Sie von Ihrer Kindheit…

Josef Müller: Ich bin in einem gutbürgerlichen Elternhaus aufgewachsen. Ich hatte eine tolle Kindheit hier in Fürstenfeldbruck, wo ich auch heute wieder lebe. Meine Mutter war OP-Schwester, mein Vater Kriminalkommissar. Er hatte mit 50 Jahren einen Herzinfarkt und konnte nicht mehr in seinem Beruf arbeiten. Er hat sich dann als Handelsvertreter selbstständig gemacht, durfte aber nicht mehr Autofahren. Deswegen bekam ich, mit damals erst 16 Jahren, eine Ausnahmegenehmigung zum Führerschein. Kurz vor meinem 18. Geburtstag bin ich auf dem Rückweg von einer Party von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geknallt. Seitdem sitze ich im Rollstuhl.

Was haben Sie damals gedacht?

Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als ich aus dem Koma erwacht bin: Ein schemenhaft weißer Kittel stand vor mir. Der Arzt sagte mir, dass ich bei dem Unfall eine Rückenmarksverletzung erlitten habe und deswegen für den Rest meines Lebens querschnittsgelähmt sein würde. Mit 17, da denkst du, das Leben fängt grade erst an, da steht dir die ganze Welt offen. Für mich brach diese Welt erst einmal zusammen. Ein Buch mit dem Titel „Sorge dich nicht, lebe!“ hat mir damals neuen Mut geschenkt. Die Vergangenheit kann man nicht mehr ändern, wir leben im Hier und Jetzt und heute stellen wir die Weichen für unsere Zukunft. Ich habe aufgehört zu fragen, was ich alles nicht kann, sondern habe geschaut, was im Rollstuhl möglich ist; und das ist eine ganze Menge: Schwimmen, Bogenschießen, ich habe einen Bungee-Jumping-Sprung gewagt, den Bootsführerschein und die Pilotenlizenz gemacht.

Ihr weiteres Leben erinnert an eine Mischung aus Krimi-Thriller und James-Bond-Streifen.

Ich habe eine Ausbildung zum Steuerberater absolviert und meine erste Kanzlei eröffnet. Das Unternehmen lief gut, ich beschäftigte später 50 Mitarbeiter. Ich hatte eine liebe Partnerin, ein Ferienhaus am Gardasee, ein kleines Boot – ich hätte also durchaus zufrieden sein können. Aber dann passierte etwas, mit dem ich nicht gerechnet hätte: Mich packte die Gier. Ich wollte immer mehr, bekam einfach nicht genug. Heute sehe ich, welch abstruse Ausmaße das annahm: Ich hatte Wohnungen in Dubai, Los Angeles und Monte Carlo, mehrere Yachten, einen ganzen Fuhrpark. Ich war so dekadent, ich hatte einen weißen Rolls-Royce mit einem dunkelhäutigen Fahrer und einen schwarzen Rolls-Royce mit weißem Fahrer. Ich bin umgezogen nach München Herzogpark. Mein Nachbar war der Milliardär Flick. Damit wollte ich ein erstes Zeichen setzen. Ich habe es in der Münchner-Partyszene richtig krachen lassen, war auf Du und Du mit den Promis. Und dann begegnete mir Bruce, Sohn reicher Werftsbesitzer in Miami. Eigentlich wollte Bruce nur sein Erbe in Deutschland anlegen, dabei sollte ich ihm helfen. Das hat man mir zumindest gesagt.

Das klingt, als hätten Ihre Mandanten nicht mit offenen Karten gespielt?

Ich habe mich beim amerikanischen Konsulat und beim Hauptzollamt erkundigt und alle versicherten mir, dass es kein Problem sei, Bargeld von Amerika nach Deutschland zu bringen – per Flugzeug, im ganz normalen Reisegepäck. Aus heutiger Sicht natürlich Wahnsinn, aber völlig legal. Zehnmal bin ich hin und her geflogen, am Ende hatte ich Bruces‘ 40 Millionen Dollar sicher nach Deutschland gebracht. Anfangs lief alles wie am Schnürchen, bis der Dollar abstürzte. Ich hatte mich verspekuliert und die 40 Millionen waren weg. In dem Moment taten sich gleichzeig mehrere Probleme auf: zum einen war meine Geldquelle weg, das verlorene Geld gehörte ohnehin nicht mir und eines Tages standen zwei Agenten an meiner Haustür, die mir erklärten, dass Bruce gar nicht Bruce heiße und auf der Liste der zehn meistgesuchtesten Verbrecher Amerikas stünde. Die Werft war reine Tarnung, mit einer Schnellbootflotte wurden stattdessen Waffen und Drogen durch die Karibik befördert. Ich hatte Todesangst, weil ich wusste, dass diese Leute keine Kompromisse machen würden. Aber ich hatte Glück: Bruce wurde festgenommen. Aber dann habe ich den Blödsinn meines Lebens gemacht. Die Yachten, die Häuser, die Autos – ich musste das alles irgendwie unterhalten. Die Steuerkanzlei alleine hat das nicht abgeworfen, also habe ich mir von meinen Mandanten Geld geliehen. Irgendwann konnte ich das nicht mehr zurückzahlen, die Sache flog auf und ich wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt – zu Recht.

Wie hängen für Sie die Begriffe Glück und Gier zusammen?

Die Menschen versuchen viel zu oft ihre Habe zusammenzuhalten; nur nichts abgeben müssen. Christlich ist das natürlich nicht. Ich habe lange so gelebt, aber ich habe eines gelernt: Wenn alles um einen herum zusammenbricht, dann kann man auch diese Dinge nicht festhalten. Alle wollen glücklich sein, aber was bedeutet Glück denn überhaupt? Diese Frage muss eigentlich jeder für sich beantworten. Für die einen ist Glück, in der Welt herumzureisen, für andere die Familie, für wieder andere spiegelt sich ihr Glück im Kontoauszug. Glück bedeutet Zufriedenheit; ohne zufrieden zu sein kann man nicht glücklich sein. Wir müssen aufhören nur darauf zu achten, was wir nicht haben oder was andere mehr haben. Wir müssen selbst für uns definieren, was Zufriedenheit ist und diese Entscheidung nicht der Werbung oder dem Markt überlassen, denn die werden immer sagen: Konsumiere, Du brauchst noch mehr. Neben Zufriedenheit ist für mich eine lebendige Beziehung zu Jesus der zweite entscheidende Punkt, um wirklich glücklich zu sein. Wann haben Sie beschlossen, Ihr Leben zu ändern? Wenn man im Gefängnis aufwacht, holt einen die Realität ein. Ich war am Ende: Gesundheitlich ein Frack, meine Mutter war gerade gestorben, mein Vater war dement, meine Frau hatte mich verlassen und die Freunde hatten sich abgewendet. In dieser Zeit habe ich zu Jesus und zum Glauben gefunden. Jesus befreit, er hat mir die Kraft gegeben neuanzufangen. Zufällig ist mir ein Neues Testament in die Hände gefallen. Zuerst wusste ich gar nicht, was ich da eigentlich in der Hand hatte: „Die gute Nachricht nach Matthäus“, mein erster Gedanke war: Du bist im Gefängnis, gute Nachrichten kannst du brauchen. Dieses Buch hat mein Leben fortan nachhaltig verändert. Vor allem zur Geschichte mit dem verloren Sohn habe ich Prallelen gesehen und Hoffnung geschöpft, denn der Vater nimmt den Sohn, der sein Erbe verjubelt hat wieder bei sich auf. Ich wollte auch diese zweite Chance und ich wollte sie nutzen. Ich hatte dann das große Glück, mit Hilfe eines Stipendiums im Gefängnis Theologie studieren zu können. Diese Zeit hat mich frei gemacht und so seltsam das klingen mag, diese Zeit war wahrscheinlich die schönste meines Lebens.

Hatten Sie vorher schon Kontakt mit Kirche und Glauben?

In meiner Kindheit war ich Ministrant, meine Eltern waren in der Pfarrei engagiert. Später habe ich auch Gottesdienste besucht. Aber nicht, um wirklich aktiv mitzufeiern, sondern weil es in der Kirche so ruhig war. Dort konnte ich kurz abschalten, eine kleine Auszeit vom hektischen Alltag nehmen. Heute weiß ich, was fehlte, war eine lebendige Beziehung zu Jesus.

Wie erleben Sie Ihre Gemeinde heute?

Ich habe gemerkt, dass viele Menschen mir heute nicht mehr trauen. Diesen Stempel bekommt man nicht mehr weg. In solchen Dingen würde ich mir von den Menschen mehr Offenheit wünschen. Nicht nur für mich, sondern auch für andere; gelebte Nächstenliebe und dass sie einem eine zweite, ehrliche Chance geben. Ich habe auch den Eindruck, dass der sonntägliche Kirchgang für viele inzwischen zu einer „Abhak-Geschichte“ geworden ist, ähnlich dem wöchentlichen Gang ins Fitness-Studio. Das ist schade. Ich würde mir wünschen, dass der Glaube im Alltag der Menschen wieder eine größere Rolle spielt, dass sie sich durch den Tag getragen fühlen von Gott. Wir brauchen wieder mehr „brennende Herzen“ in unseren Kirchen. Gebete dürfen nicht zur bloßen Gewohnheit verkommen.

Menschen, die eine ähnliche Vergangenheit haben wie Sie, versuchen Ihre Weste reinzuwaschen, die Schuld auf andere zu schieben oder zu schweigen. Sie dagegen gehen selbstbewusst damit um. Warum haben Sie diesen Weg gewählt?

Wenn man nicht will, dass nur über einen gesprochen wird, dann muss man selbst erzählen. Ich stehe zu dem, was ich falsch gemacht habe und ich möchte andere ermutigen, sich von Rückschlägen nicht unterkriegen zu lassen. Es geht immer weiter.

Ein Laster, das Ihnen aus Ihrem „ersten Leben“ geblieben ist?

(überlegt) Naja, an der Selbstbeherrschung arbeite ich noch und die Leidenschaft für schnelle Autos vielleicht.

Das Interview führte Alexandra Maier