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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Schwerpunktthema 03/2016

Barmherzig wie der Vater

Von Barbara Bagorski
Leiterin der Hauptabteilung Diakonale Dienste/ Apostolat im Bistum Eichstätt

Als Papst Franziskus am 13. März 2015 das Jubiläum der Barmherzigkeit ankündigte und als Termin für die Eröffnung dieses außergewöhnlichen Heiligen Jahres den 8. Dezember 2015, also den Tag nannte, an dem 50 Jahre zuvor das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende gegangen ist, staunten viele. Gewiss, Barmherzigkeit ist eines der zentralen Themen von Papst Franziskus, aber wozu ein Heiliges Jahr? Die Antwort auf diese Frage finden wir in der Ankündigung, wenn es heißt, dass es in diesem Jahr in besonderer Weise darum gehen soll, die Barmherzigkeit neu zu entdecken und für das tägliche Leben fruchtbar zu machen. Indem wir den Blick neu auf die Barmherzigkeit Gottes richten, können wir entdecken, was es bedeutet, barmherzig wie der Vater zu sein. „Barmherzig wie der Vater“ – so heißt das Leitwort dieses Jahres. Aber was ist genau diese Barmherzigkeit, von der der Papst nicht müde wird zu sprechen? Barmherzigkeit ist die gängige Übersetzung des Lateinischen ‚misericordia‘. Dieser Begriff setzt sich zusammen aus ‚Leid‘ und ‚Herz‘. Für die Kirchenväter verwies das ‚Leid‘ auf die Bedürftigkeit des Menschen, auf das, was sein Leben bedroht und von Gott wegführt. ‚Herz‘ dagegen steht für die Liebe, die auch das Dunkle umfängt und es mit ihrer Kraft überwindet.

Diese Grundgedanken leiten sich von der Heiligen Schrift her. Im Alten Testament wird das, was Barmherzigkeit meint, durch drei verschiedene Begriffe beschrieben: Da ist zum einen die Seite gemeint, die einer Tat zugrunde liegt. Das Gute tun entspricht dem Willen Gottes. Die Güte geht von Gott aus und offenbart den mütterlichen Charakterzug Gottes. Dieses Element findet eine weitere Ausprägung in der Bedeutung des sich Herabneigens, des Mitleid-Habens und der daraus erwachsenen liebenden Zuneigung. Dazu gehören das Geschenk der Umkehr, die Vergebung und das Ermöglichen eines Neuanfangs. Gottes Barmherzigkeit konkretisiert sich in der Vergebung der Schuld.

Daher kann Barmherzigkeit auch in Beziehung zu ‚gnädig sein‘ gesetzt werden, wobei es hier zu einem Zusammenspiel von Gefühl und Verstand kommt. Im Neuen Testament steht die Barmherzigkeit im Vordergrund der paulinischen und deuteropaulinischen Schriften (Texte, die unter dem Namen des Paulus verfasst sind, aber nicht auf ihn zurückgehen, Anmerkung der Redaktion.) Dabei wird betont, dass Gott in seinem Handeln absolut frei ist. Der Mensch ist im Gericht auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen.

DIE HELFENDE HAND

In den synoptischen Evangelien von Markus, Matthäus und Lukas steht die Barmherzigkeit Gottes im Vordergrund. Es lassen sich drei Grundnuancen für die Definition der Barmherzigkeit entdecken. Da ist die helfende Tat gegenüber einem notleidenden Menschen, die Bereitschaft zur Vergebung, die dem Aufbau der Gemeinde dient und das Erbarmen Gottes, das in Tod und Auferstehung Jesu Christi sichtbar und erfahrbar wird. Während seines Wirkens hat Jesus Barmherzigkeit weniger durch Worte, als vielmehr durch seine Taten erlebbar werden lassen. So weist Papst Franziskus ausdrücklich in der Verkündigungsbulle Misericordiae Vultus darauf hin, dass die Hinwendung Jesu zu den an den Rand Gedrängten ein einzigartiges Lehrstück der Barmherzigkeit ist. Es deutet darauf hin, dass zur Grundhaltung der Barmherzigkeit die Bereitschaft gehört, im Herzen des jeweiligen Gegenübers zu lesen und dessen Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Die Beispiele Jesu weisen auch auf eine Gefahr hin: den herablassenden Umgang mit den Notleidenden, ein Umgang, der nicht befreit, sondern erniedrigt, der nicht Zeichen der Liebe, sondern der Selbstgerechtigkeit ist. Jede Handlung, die nur den eigenen Bedürfnissen Rechnung tragen will, zerstört die Barmherzigkeit. Deshalb kann echte Barmherzigkeit nur da zur Wirklichkeit werden, wo das Hören auf Gottes Wort am Anfang jeden Tuns steht. Die höchste Form der Barmherzigkeit zeigt sich dort, wo der Mensch die Not eines anderen sieht und handelt, obwohl er dazu nicht verpflichtet ist.

Papst Franziskus macht deutlich, dass wir – nicht nur in diesem Jahr – dazu aufgerufen sind, jede Form von Wut, Groll, Rache und Gewalt hinter uns zu lassen, damit ein vertrauensvolles Zusammenleben in Frieden Wirklichkeit werden kann. Auch hier geht es nach dem Beispiel Jesu nicht um schöne Worte, sondern um Taten, die die Liebe greifbar werden lassen. Bei aller Institutionalisierung des Sozialwesens kann die spontane und freiwillige Hilfsbereitschaft durch nichts ersetzt werden. Letztlich ist die Barmherzigkeit das Maß, mit dem jedes sozial-gesellschaftliche Leben gemessen wird. In besonderer Weise lässt sich das Geheimnis der Barmherzigkeit Gottes in der Feier der Sakramente spüren. Das Sakrament der Versöhnung macht Mut, auf das eigene Leben zu blicken und angstfrei auf Stärken und Schwächen zu schauen. Die Bereitschaft, die eigenen Fehler zu erkennen und zu bekennen, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Selbstund Gotteserkenntnis. Die zugesprochene und angenommene Vergebung macht bereit, auch anderen vergeben zu können.

MARIA ALS BEGLEITERIN

Aber ist das alles auch gerecht? Welchen Zusammenhang von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gibt es – bei aller Liebe – zu beachten? Ein Blick in das Neue Testament zeigt, dass in Christus das Maß von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gesprengt worden ist. So kann Isaak von Ninive sagen: „Wenn der Barmherzige nicht die Gerechtigkeit überwindet, ist er nicht barmherzig.“

Die schwer zu verstehende Beziehung von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit erklärt Franz von Sales, indem er auf die Arme Jesu verweist und betont, dass der eine Arm für die allmächtige und unparteiliche Gerechtigkeit steht, der andere für die Barmherzigkeit, und der sei über den der Gerechtigkeit erhaben. Dass diese Barmherzigkeit Gottes für den Menschen nicht unbedingt nachzuvollziehen ist und ihn in seinem Glauben herausfordert, hat schon der Heilige Benedikt erkannt, der die Werke der Barmherzigkeit um das „an der Barmherzigkeit Gottes nie verzweifeln“ ergänzte.

Das Jahr der Barmherzigkeit ist eine Einladung an jeden Einzelnen und an die Gemeinschaft der Kirche, gemeinsam durch Zeichen und Gesten die Botschaft Jesu von der Barmherzigkeit Gottes zu vermitteln. Dies muss durch glaubwürdige Worte und Taten geschehen, die nicht nur an der Oberfläche bleiben, sondern die Herzen der Menschen berühren. In diesem Zusammenhang lädt Papst Franziskus dazu ein, Oasen der Barmherzigkeit zu schaffen und die Begegnung mit den anderen Religionen und Traditionen zu fördern.

Begleiterin auf dem Weg durch das Jahr der Barmherzigkeit ist Maria, die Mutter der Barmherzigkeit. Ihr Leben ist von Anfang an durch ihr „Ja“ zu Gott und seiner Barmherzigkeit geprägt. In allem was sie tut, verweist sie auf ihren Sohn. Bei der Hochzeit von Kana ist sie die Bittende, unter dem Kreuz ist sie Zeugin der Vergebungsworte, die Jesus spricht, und kann bezeugen, wie weit die Vergebung Gottes geht. Der Blick auf Maria macht Mut, sich wie sie ganz auf die je eigene Berufung einzulassen und in Gemeinschaft der Kirche vertrauensvoll die Wege Gottes zu gehen.

Das Motto des Jahres „Barmherzig wie der Vater“ fordert dazu heraus, an einer „Kultur der Barmherzigkeit“ zu bauen: durch den Blick auf sich selbst, Umkehr und Neuanfang, gemeinsames Gebet und einer Orientierung des Handelns an den Werken der Barmherzigkeit.