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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Meditation 032/2016

Die Tür steht offen

Von Maria Rehaber-Graf

"In St. Felix wird Heilige Pforte eröffnet." -

So kündigte es vor ein paar Wochen die Zeitung an. Viele wollten dabei sein. Sie standen erwartungsvoll rund um das geschmückte Portal der Wallfahrtskirche. In einer kleinen Zeremonie öffnete der Franziskaner vom Kloster die Pforte und lud ein, durch das „Tor der Barmherzigkeit“ in die Kirche einzutreten. Und die Menschen folgten der Einladung, Alte wie Junge, da und dort ein bekanntes Gesicht, eine junge Frau mit ihrem Zweijährigen auf dem Arm. Die Kirche füllte sich, Stühle wurden aufgestellt, hinten in den Ecken standen die, die keinen Sitzplatz mehr bekommen hatten. Schmunzelnd meinte der Pater, das erste Wunder habe die Heilige Pforte schon bewirkt: So viele Menschen beim Gottesdienst!

Durch ein geöffnetes Portal zu treten – das ist erhebend. In meinem Alltag gehe ich durch viele Türen, meist nebenbei und eher unbewusst: von einem Zimmer ins andere, von der Wohnung ins Treppenhaus, vom geschlossenen Raum ins Freie. Durch Haustüren, Bürotüren, Autotüren. In Geschäfte und Restaurants, oder in private Räume, wenn ich Jemanden besuche. Jedes Mal, wenn ich die Schwelle überschreite, wechsele ich die Umgebung. Die Tür ist ein Ort des Übergangs, manchmal mit Spannung verbunden: Was erwartet mich auf der anderen Seite? Werde ich willkommen sein? Wird es mir gut ergehen? Ein anderer Raum öffnet sich mir, und wenn ich eintrete, öffne ich mich selbst für neue Eindrücke, Erfahrungen und Begegnungen.

Zu einer heilsamen Erfahrung möchte Papst Franziskus die Menschen im Jahr der Barmherzigkeit auf den Weg schicken: Wer durch die Pforte der Barmherzigkeit hindurch schreitet, möge die tröstende Liebe Gottes erfahren, welcher vergibt und Hoffnung schenkt, schreibt er in der Verkündigungsbulle Misericordiae vultus. Das ist eine große Einladung, und ein Versprechen. Die Antwort auf die Einladung scheint zunächst einfach darin zu bestehen, durch eine geschmückte Pforte zu gehen, zu beichten, die Messe mitzufeiern und zu beten.

Das ist nicht mehr und nicht weniger als die Einladung, mich aufzumachen und mich zu öffnen für eine Begegnung. Mich aufzumachen mit allem, was mich ausmacht. Mit meinem guten Willen, mit meinem Vertrauen. Mit meiner Not, meinen Belastungen, meinen Widersprüchen, meinen Fragen – mit meiner ganzen Wahrheit. Mich aufzumachen, um Gott zu begegnen. Wenn ich das ernst nehmen will, brauche ich Mut.

Ein biblisches Bild kann vielleicht helfen, den Schritt zu wagen: Es ist das Bild vom barmherzigen Vater, der nicht wartet, bis sein jüngerer Sohn an die Tür klopft. Er hat lange nach ihm ausgeschaut, und als er ihn von Weitem kommen sieht, hat er Mitleid mit ihm und läuft ihm entgegen. Später bemüht sich dieser Vater ebenso um den älteren Sohn. Auch ihm geht er entgegen, auch um ihn wirbt er. Auch ihm hält er die Tür auf und lädt ihn ein zum Fest der Begegnung (vgl. Lk 15,11-32).

Das mag uns daran erinnern, dass immer Gott derjenige ist, der den ersten Schritt schon getan hat. Dass er derjenige ist, der sich schon immer nach Begegnung mit uns sehnt: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten, und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir“ (Offb 3,20).

Wen es hinzieht zur Pforte der Barmherzigkeit, wen es drängt, wer es wagt, sich aufzumachen, an dessen Herz hat Gott längst leise geklopft. Und wer zögert, den umwirbt er weiterhin mit zärtlicher Geduld. Und wenn Einer durch das offene Tor der Barmherzigkeit schreitet, um sich der Wahrheit des eigenen Lebens zu stellen, mag er erleben, wie sich in ihm selbst etwas öffnet. Wie Verlorenes sich findet und Bruchstücke sich neu zusammenfügen. Versöhnend und heilend.

Die Tür steht offen.