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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Kommentar 03/2016

Die Inkonsequenz Gottes

Von Matthias Drobinski
Redakteur, Süddeutsche Zeitung

Barmherzigkeit – das ist ein Leitmotiv des Papstes. Barmherzig soll die katholische Kirche gegenüber Geschiedenen sein, die wieder heiraten – im Rahmen des geltenden Kirchenrechts jedenfalls. Barmherzigkeit fordert der Papst von der Weltgemeinschaft gegenüber den Flüchtlingen in Idomeni und den Opfern des Klimawandels. Der Barmherzigkeit hat er ein Heiliges Jahr gewidmet, zur großen Pilgerfahrt aufgerufen und dafür gar einen Ablass in Aussicht gestellt. In diesem Jahr, das jetzt zur Hälfte herum ist, steckt eine große Chance für die katholische Kirche, gar für die gesamte Christenheit – aber auch eine Gefahr.

Die Chance ist die: Barmherzigkeit bedeutet, das Herz zu wenden, hin zu dem, der in Not ist und bedürftig, völlig egal, ob es dieser Mensch verdient hat oder nicht. Das ist subversiv, weil es dem Wahrheitsanspruch der Lehre und dem Geltungsanspruch des Rechts eine andere Ebene gegenüberstellt: die Wirklichkeit des Menschen und des Lebens. Die Barmherzigkeit ist die Inkonsequenz Gottes um der Menschen willen – aus souveräner Liebe. Sie setzt Lehre und Recht nicht außer Kraft. Sie bedeutet nicht das Ende der Wahrheitssuche. Aber sie durchbricht alle von Menschen formulierten Absolutheitsansprüche: Werden sie unbarmherzig, dann taugen sie nichts. Man kann verstehen, dass dieses Gottesbild viele Gläubige irritiert – so, wie in der hebräischen Bibel der Prophet Jona irritiert war, als er tapfer Ninive den Untergang gepredigt hatte und Gott ihn ausfallen ließ, im Angesicht der reuigen Bewohner. Es unterminiert die Eindeutigkeit der Lehre. Es zerstört jedes klerikale Überlegenheitsgefühl und jeden kirchlichen Triumphalismus. Die Barmherzigkeit macht aus einem bequemen Versicherungsglauben einen Verunsicherungsglauben. Er stellt die Kirchen und Christen auf die Seite der Schwachen, Armen, Benachteiligten, Einsamen. Er propagiert die Anarchie des Guten. Das ist die eigentliche Entscheidung, vor der die katholische Kirche steht. Kreist sie, getragen vom Versicherungsglauben, weiter um sich, um den Erhalt der Institution, um ihre Position in Politik und Gesellschaft – oder geht sie hinaus zu den Menschen?

Die Rede von der Barmherzigkeit ist aber auch in anderer Hinsicht riskant. Sie beschreibt immer auch ein Machtgefälle. Einer ist oben und lässt Gnade vor Recht ergehen. Einer ist unten und braucht jemanden, der sich seiner erbarmt. Das ist dann kein Problem, wenn derjenige, der Barmherzigkeit übt, weiß, dass er täglich darauf hoffen muss, das jemand barmherzig mit ihm ist. Es wird aber dann ein Problem, wenn eine Kirche sich im absoluten Besitz der Wahrheiten sieht und aus diesem vermeintlichen Besitz heraus jenen Menschen von oben herab Barmherzigkeit zukommen lässt, die nicht so leben, wie sie es wünscht – ob es die Geschiedenen sind, die wieder heiraten, oder den Partnern in schwulen oder lesbischen Lebenspartnerschaften.

Doch wenn es gelänge, das Projekt Barmherzigkeit? Wenn man nun tatsächlich der wachsenden Unbarmherzigen die Großherzigkeit entgegensetzte? Dem Besitzstandsdenken eine Kultur des Teilens, der Abschottung die Aufnahme? Dafür könnte man zur großen Pilgerfahrt aufrufen. Gerne auch mit Ablass.