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  • Miteinander sprechen, voneinander lernen

    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Interview 03/2016

Selfie mit Gott

Würzburgs Weihbischof Ulrich Boom koordiniert für die Deutsche Bischofskonferenz die Aktivitäten zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit. In Gemeinde creativ spricht er über seine Eindrücke, die Bedeutung des Sakraments der Versöhnung, und warum Gott immer mit auf‘s Bild möchte.

Ulrich Boom geboren im Münsterland, wurde 1984 zum Priester geweiht. Im Jahr 2008 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. zum Weihbischof. Die Bischofsweihe durch Bischof Friedhelm Hofmann empfing er im Würzburger Kiliansdom am 25. Januar 2009. Seit 2010 ist er Bischofsvikar und Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Ordinariat Würzburg. Zuvor war Ulrich Boom Pfarrer in Miltenberg. Für Aufsehen sorgte er im Jahr 2006, als er die Glocken der Miltenberger Jakobuskirche 20 Minuten lang läuten ließ und so eine Kundgebung einer NPD-Jugendorganisation verhinderte. Dafür wurde er mit dem „Aschaffenburger Mutig-Preis“ ausgezeichnet.


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Gemeinde creativ: Herr Weihbischof, Sie sind der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für das Heilige Jahr der Barmherzigkeit. Welche Aufgaben sind damit verbunden?

Ulrich Boom: Hauptsächlich koordiniere ich das, was die Bischofskonferenz gemeinsam auf den Weg bringen kann. So haben wir beispielsweise einen Impuls herausgegeben und kürzlich ist eine Internetseite zum Themenkomplex Schuld-Vergebung- Versöhnung online gegangen. Damit wollen wir helfen und inspirieren. Ich bin froh, dass es viele Initiativen in unseren Pfarrgemeinden, Gemeinden und Gemeinschaften zum Jahr der Barmherzigkeit gibt.

Waren Sie persönlich überrascht, als Papst Franziskus das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen hat?

Ja, das war ich. Papst Franziskus sagt damit: Ich gebe keine Abschlussbotschaft zum 50-jährigen Konzilsjubiläum heraus, sondern ich gehe mit dem Volk Gottes ein Jahr lang in Exerzitien. Ich finde, das ist eine ganz wunderbare Idee. Sie bietet die Möglichkeit zurückzublicken, aber wir sollten auch fragen, welche Impulse aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil wir für die nächsten Jahrzehnte mitnehmen möchten. Für mich ist der größte der, dass über unser aller Leben Gottes Barmherzigkeit steht. Das sollten wir uns wieder neu klar machen – natürlich nicht nur in diesem Heiligen Jahr.

Welche Reaktionen nehmen Sie wahr? Ist das Jahr der Barmherzigkeit überhaupt bekannt genug?

Ob nun hier in der Diözese Würzburg, in anderen Regionen Deutschlands, oder auch weltweit: das Thema ist angekommen. Ich durfte dies auch gerade erst bei einem Besuch in Afrika erleben. Ich glaube, die Thematik hat einen Nerv getroffen. Schauen wir auf das Evangelium. Die Mitte des Lukasevangeliums platziert nicht zufällig die drei großen Gleichnisse vom Verlorensein. Sie erzählen uns von Gott; dass er sich freut wie der Hirte über das verlorene Schaf, dass er sich freut wie die Frau, die die Drachme wieder findet, diese kleine, unscheinbare Münze, und dass er sich freut, wenn der Mensch zurückkommt wie im Gleichnis des verlorenen Sohnes. Das ist nicht nur die Mitte des Lukasevangeliums, sondern letztlich die Mitte des Evangeliums überhaupt. Die Freude Gottes darüber, dass alles Verlorene wieder heim findet.

Wie wird das Jahr der Barmherzigkeit in anderen Ländern aufgegriffen?

Weltweit gibt es zwei verbindende Elemente: Das sind zum einen die Heiligen Pforten. Manchmal glaube ich, es sind mehr Heilige Pforten als den Bischöfen bekannt ist, erst recht, wenn man die Türen der Herzen hinzunimmt. Außerdem ist überall das Logo zum Heiligen Jahr wieder zu finden. Das Motiv ist mehrdeutig. Man erkennt darin den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, den Guten Hirten und den Barmherzigen Samariter. Da halst sich einer etwas auf – an diesen Ausspruch musste ich denken, als ich das Bild zum ersten Mal sah. Gott halst sich sozusagen uns Menschen auf. Und dann, bei genauerem Hinsehen, erkennen wir, die beiden Gesichter werden eins. Das ist das Motiv der Barmherzigkeit: Mach es wie Gott, werde Mensch, sei den Menschen ganz nah, sieh im Menschen Gott.

War Barmherzigkeit bislang ein vernachlässigtes Thema?

So kann man das nicht sagen. Papst Franziskus hat mit seiner Ausstrahlung und auch mit seinen Handlungen – ich erinnere an die Fußwaschung im Gefängnis, gleich zu Beginn seines Pontifikats – starke Zeichen in diese Richtung gesetzt. Er tut es immer wieder. Die Barmherzigkeit findet man aber auch bei seinen Vorgängern, zum Beispiel in den Predigten von Papst Benedikt XVI. Der heilige Papst Johannes Paul II. hat uns zum Jahr 2000 den Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit ans Herz gelegt, ein Vermächtnis an der Schwelle zum neuen Jahrtausend.

Wo zeigt sich Barmherzigkeit konkret im Alltag?

Zum Beispiel bei den vielen Menschen, die gerade in unser Land kommen – egal welcher Herkunft oder Religion – zeigt sich momentan in unseren Gemeinden gelebte Barmherzigkeit. Die Ehrenamtlichen setzen die Werke der Barmherzigkeit in die Tat um. Viele von denen, die sich zurzeit tagtäglich für Flüchtlinge engagieren, Sprachkurse geben, Kleider- und Sachspenden organisieren, bei Behördengängen helfen und vieles mehr, gehören zum engeren Kreis der Gemeinden. Aber, und das finde ich bedenkenswert: Viele andere bringen sich hier ein, auch solche, die sonst im kirchlichen Leben nicht zu sehen sind. Barmherzigkeit ist Thema vieler Menschen.

Jedes Heilige Jahr steht im Zeichen der Vergebung. Kritiker sagen, mit diesem Heiligen Jahr sollen das Bußsakrament und die Beichte rehabilitiert werden …

Wenn es gelingen würde, dass die Beichte wieder mehr in der Gemeinde in den Blick kommt, dass das Sakrament der Versöhnung generell wieder mehr Beachtung fände, dann wäre den Menschen viel geholfen. Da sind wir wieder beim Gleichnis vom barmherzigen Vater und seinem verlorenen Sohn. Wir sind und bleiben immer Menschen, die vor Gott, vor anderen Menschen und auch vor sich selbst etwas schuldig bleiben. Und was kann mir dann Größeres geschenkt werden als der Zuspruch: „Du darfst trotz deines Versagens und deiner Schuld Freude am Leben haben.“ Vor unserem Bekenntnis steht Gottes Barmherzigkeit, steht Gottes Vergebung. So wie beim barmherzigen Vater. Der Sohn sagt nichts. Der Vater kommt ihm entgegen. Das Bekenntnis des Sohnes folgt dem Zuspruch des Vaters. In der Beichtpastoral haben wir Fehler gemacht. Das Versäumnis liegt nicht bei den Leuten, es liegt eher an uns Priestern. Wir müssen uns fragen, gibt es eine gute und eine weniger gute Beichte? Ist die Beichte da besser, wo viel gesprochen wird? Oder kann ein ehrliches Aussprechen „Ich habe gesündigt, in Gedanken, Worten und Werken“ nicht auch schon bewegend sein?

Überall auf der Welt gibt es Heilige Pforten. Aber ist es denn genug im Jahr der Barmherzigkeit durch eine solche Pforte zu gehen oder muss bei den Menschen auch noch etwas anderes geschehen?

Ich denke, bloß durch eine solche Pforte zu gehen, das ist vielleicht ein bisschen wenig. Ich war bei der Öffnung der Heiligen Pforte in Rom. Ich habe viele gesehen, die hindurch gegangen sind und schnell ein Selfie gemacht haben. Ob es das ist? Aber geboren im Münsterland, wurde 1984 zum Priester geweiht. Im Jahr 2008 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. zum Weihbischof. Die Bischofsweihe durch Bischof Friedhelm Hofmann empfing er im Würzburger Kiliansdom am 25. Januar 2009. Seit 2010 ist er Bischofsvikar und Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Ordinariat Würzburg. Zuvor war Ulrich Boom Pfarrer in Miltenberg. Für Aufsehen sorgte er im Jahr 2006, als er die Glocken der Miltenberger Jakobuskirche 20 Minuten lang läuten ließ und so eine Kundgebung einer NPD-Jugendorganisation verhinderte. Dafür wurde er mit dem „Aschaffenburger Mutig-Preis“ ausgezeichnet. (alx) Ulrich Boom FOTO: KNA-BILD auch das habe ich gesehen: Einen Mann im Rollstuhl, der von einem Helfer hindurch geschoben wurde. Ich habe mich gefragt, was wohl diese beiden Herzen bewegt. Entscheidend ist das grenzenlose Vertrauen in Gott. Wenn dies beim Durchschreiten im Herzen klar ist, dann ist schon viel gegeben. Und wenn man dann die Heilige Pforte als Herzenstür sieht, die man Gott und auch den Menschen öffnet, dann ist das vielleicht doch ein Selfie im wahrsten Sinne des Wortes. Die offene Tür heißt: Gott hat ein offenes Herz für uns, seine Tür steht uns immer offen. Der Schlüssel zur Herzenstür ist das Sakrament der Versöhnung. Selfies macht man nicht von sich allein. Meistens sind wir zu zweit und zu mehreren. Da sind wir ganz nah bei Gott. Er möchte mit uns Menschen aufs Bild. Und dann sind wir beim Logo zum Heiligen Jahr.

Barmherzigkeit ist heute ein eher sperriges Wort. Moderne, selbstbewusste Menschen empfinden sie vielfach als „Gnadenakt von oben“.

Papst Franziskus spricht in seinem Buch „Der Name Gottes ist Barmherzigkeit“ von der Barmherzigkeit als „Bauchgefühl Gottes“. Sie kommt aus dem Inneren, aus der Lebensmitte. Die Barmherzigkeit ist kein Gnadenakt. Sie ist Gnade. Barmherzigkeit kann man sich nicht verdienen. Im Lateinischen heißt Gnade ‚gratia‘. Der gute Vater begegnet dem verlorenen Sohn, indem er ihm entgegen kommt. Er begegnet ihm mit all seinem Versagen und mit all seiner Schuld. Ohne sein Verdienst, gratis, umarmt er ihn. Gnadenakt, das ist mir zu despotisch. Gott ist kein Despot.

Wann haben Sie zuletzt Barmherzigkeit erfahren?

Ich erfahre sie jeden Tag dadurch, dass es mir gut geht, dass ich in guten Verhältnissen leben darf. Oder in der täglichen Arbeit erfahre ich Barmherzigkeit. Ich weiß mich von vielen Menschen getragen und schließlich zeigt sich mir Barmherzigkeit in der Feier der Heiligen Messe: der barmherzige Gott legt sich in meine Hand und lässt sich verzehren, um mir Kraft zu geben für den bevorstehenden Tag. Wie schnell ist das wieder vergessen, wenn ich die Kirche verlasse und mich der rasante Alltag einholt?

Das Interview führte Alexandra Maier