Nachhören

  • Miteinander sprechen, voneinander lernen

    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

    Zum Anhören herunterladen oder direkt hier im O-Ton anhören:

Schreiben Sie uns

    • Ihre Meinung zu Beiträgen
    • Fragen, die beim Lesen aufgetaucht sind
    • Reaktionen an die jeweiligen Autoren
    • Themenwünsche und Ideen für zukünftige Ausgaben

    Kontaktdaten

Aktuelle Ausgabe

  • GC 002 2017 Titel

Schwerpunktthema 06/2015

Bavaria terra benedicta

Von Pater Stephan Haering OSB
Professor für Kirchenrecht in München

Wer mit wachen Sinnen durch das bayerische Land fährt oder unsere alten Städte durchstreift, dem werden die zahlreichen Hinweise nicht entgehen, die auf die Präsenz von Klöstern und Ordensgemeinschaften hindeuten. Da gibt es die weithin sichtbaren großen Klosteranlagen der alten Orden wie Benediktbeuern, Niederaltaich oder Banz und viele andere, die das Landschaftsbild ihrer Region wesentlich mitprägen. Auch im städtischen Bereich kann man fündig werden. Im Zentrum von München etwa stößt man mit St. Michael und St. Kajetan, nur wenige Schritte voneinander entfernt, auf zwei vielbesuchte Ordenskirchen der Jesuiten und der Dominikaner. Wenige dagegen wissen, dass das nahegelegene Polizeipräsidium der Landeshauptstadt einmal ein Kloster der Augustiner-Eremiten gewesen ist. Und an vielen Orten erinnern noch Straßen- oder Flurnamen daran, dass es dort einst ein Kloster der Franziskaner oder der Barmherzigen Schwestern gegeben hat, selbst wenn heute keine baulichen Zeugnisse mehr davon bestehen.

Im Jahr des gottgeweihten Lebens, das Papst Franziskus für 2015 ausgerufen hat, sollte man sich durchaus auch vor Augen führen, wie intensiv Klöster und Orden mit der Geschichte unseres Landes verbunden sind und wie viel sie zur kulturellen, geistigen und humanitären Entwicklung der ganzen Gesellschaft beigetragen haben und nach wie vor beitragen. Wie haben die Nonnen und Mönche, die Ordensschwestern und -brüder, diese Christen mit dem besonderen Charisma, gelebt und gewirkt? Was bedeutet heute ein Leben in einer religiösen Gemeinschaft, deren Mitglieder sich auf Armut, ehelose Keuschheit und Gehorsam verpflichtet haben?

Alfons Goppel, der frühere bayerische Ministerpräsident, hat gerne in einer lateinischen Sentenz auf die klösterliche Prägung Bayerns und den daraus erwachsenen Nutzen für das Land hingewiesen: Bavaria terra benedicta, quia benedictina. – „Bayern ist ein gesegnetes Land, weil es benediktinisches Land ist.“ Man muss dieses Wort nicht pressen und es allein auf die Klöster der Benediktinermönche und -nonnen anwenden, die einst in Bayern besonders zahlreich vertreten waren, sondern darf es auf alle Klöster und Ordensleute beziehen, die im Lauf der Jahrhunderte hierzulande gewirkt haben und bis heute wirken.

In der Tat hat sich das Wirken der Ordensleute sehr segensreich für unser Land ausgewirkt, sozusagen als ein Nebenertrag ihres Daseins. Denn selbstverständlich geht es bei der Entscheidung des Einzelnen für das Ordensleben zuerst um einen religiösen Akt; der Ordenseintritt bedeutet die Verwirklichung des Entschlusses, Jesus Christus in diesem besonderen Lebensstand nachzufolgen, um so das eigene Heil zu finden.

Über die Jahrhunderte hin hat die Tätigkeit der Ordensleute wechselnde Zielrichtungen gehabt und unterschiedliche Ergebnisse erzielt. Bildeten im frühen Mittelalter die Mönchsklöster regionale Zentren, von denen aus das Land erschlossen und der christliche Glaube verkündet wurde, so wuchsen sie mehr und mehr auch in die Rolle von Stätten der Bildung und der Kulturpflege hinein. In den Klosterschulen wurde nicht nur der Nachwuchs für das Kloster selbst ausgebildet, sondern auch anderen jungen Leuten nützliche Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt. Wertvolle religiöse und profane Texte wurden in Klöstern durch Abschrift erhalten und in den Bibliotheken für den weiteren Gebrauch aufbewahrt. Auch die wirtschaftliche Bedeutung der Klöster für ihre Umgebung darf nicht unterschätzt werden; denn sie gaben vielen Menschen Arbeit in der Landwirtschaft und im Handwerk. Die von den Klöstern gepflegte Arbeitsweise bot den Bauern in der Nachbarschaft vielfach ein Vorbild zur eigenen Nachahmung. Auch was die Herstellung von Lebensmitteln angeht, konnten sich die Nachbarn manches im Kloster abschauen.

Im hohen Mittelalter kamen neue Gemeinschaften hinzu. Die neu entstandenen Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner ließen sich bevorzugt in den Städten nieder und wirkten dort seelsorglich und auf anderen Gebieten. Die Beschäftigung mit Philosophie und Theologie und überhaupt das Studium spielte bei ihnen eine große Rolle. Mitglieder der Bettelorden waren in den Lehrkörpern der in Europa nun neu entstehenden Universitäten gut vertreten. In der frühen Neuzeit kamen weitere neue Ordensgemeinschaften auf, die besonders apostolisch und missionarisch ausgerichtet waren. Bei den neuen Orden ging es nun regelmäßig auch darum, eine ganz bestimmte Aufgabe zu erfüllen: Kinder und Erwachsene unterrichten, Kranke pflegen und für Arme sorgen, als Missionare arbeiten.

In Bayern förderten die katholischen Herzöge und Kurfürsten besonders die Jesuiten, die mit ihrer Tätigkeit als Prediger und Lehrer erheblich dazu beitrugen, dass die Bevölkerung in Zeiten der Reformation dem katholischen Bekenntnis treu geblieben oder dazu zurückgekehrt ist.

Als im späten 17. und im 18. Jahrhundert die Bewegung der Aufklärung an Bedeutung gewann und sich auch in Bayern ausbreitete, waren es nicht zuletzt Ordensleute, die neue geistige Ansätze aufnahmen und das Vertrauen auf das eigene Nachdenken und Forschen förderten. In vielen Klöstern wurden naturwissenschaftliche Forschungen betrieben und Sammlungen angelegt. Geschichtliche Zeugnisse wurden gesammelt, bearbeitet und systematisiert. Der 1759 begründeten Bayerischen Akademie der Wissenschaften gehörten viele Ordensmänner aus den sogenannten Prälatenklöstern an. Im 18. Jahrhundert blühte das Ordensleben im Kurfürstentum Baiern, wie man auch an den zahlreichen barocken Klosteranlagen ablesen kann. Es war nicht eine innere Schwäche der Klöster, die zu deren vorläufigem Ende führte. Nach der Säkularisation im Jahr 1803 und einer weitgehenden Beseitigung des Klosterlebens in Bayern entwickelte sich im 19. Jahrhundert geradezu ein neuer Ordensfrühling. König Ludwig I. sorgte zunächst dafür, dass einige Benediktinerabteien wieder- oder neueröffnet wurden, die sich in der Seelsorge, Erziehung und Wissenschaft betätigen sollten. Auch andere männliche und weibliche Orden erfreuten sich der Förderung durch den König, darunter auch neue Gemeinschaften wie die von Maria Theresia Gerhardinger gegründeten Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau. Sie haben in den vergangenen zwei Jahrhunderten sehr viel zur Mädchenbildung vor allem auf dem Land beigetragen. Es entstanden verschiedene neue Frauenkongregationen, meist franziskanisch ausgerichtet, die in der Krankenpflege, der Altenfürsorge und der Kindererziehung unglaublich viel geleistet haben.

Unser Land wäre heute nicht so wie es ist ohne die Orden und Klöster. Sie wurden in erster Linie dafür eingerichtet, um Christen mit einem speziellen Charisma der Nachfolge die Möglichkeit zu geben, ihren Weg in den Spuren Jesu Christi zu gehen. Sie sind aber über die Jahrhunderte hin in ihren verschiedenen Formen auch für unser Land prägend und nützlich geworden, bis zur Gegenwart.

Berufungen zum Ordensleben sind auch ein Zeichen für die Glaubensvitalität der Ortskirchen. Wie steht es damit heute bei uns? Es ist zu wünschen, dass Klöster und Ordensleben in Bayern präsent bleiben – in alten und in neuen Formen. Mit dem Jahr des gottgeweihten Lebens macht uns Papst Franziskus darauf aufmerksam, dass dies ein Anliegen der ganzen Kirche ist. Die Zeugnisse aus der Vergangenheit sollen auch in die Zukunft weisen.