Nachhören

  • Miteinander sprechen, voneinander lernen

    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

    Zum Anhören herunterladen oder direkt hier im O-Ton anhören:

Schreiben Sie uns

    • Ihre Meinung zu Beiträgen
    • Fragen, die beim Lesen aufgetaucht sind
    • Reaktionen an die jeweiligen Autoren
    • Themenwünsche und Ideen für zukünftige Ausgaben

    Kontaktdaten

Aktuelle Ausgabe

  • GC 002 2017 Titel

Kommentar 06/2015

Vom Jahr der Orden zum Ende der Klöster?

Von Pater Guido Kreppold OFMCap
Kapuzinerpater und Psychologe

In den Ordenshäusern sieht man zurzeit kaum noch junge Gesichter. In einem großen Teil der Gemeinschaften ist die oder der Jüngste 70 Jahre alt. Vor allem sozial und seelsorglich tätige Orden mussten in den vergangenen 50 Jahren bis zu 90 Prozent ihrer Niederlassungen schließen. Wie es aussieht, werden in kurzer Zeit die meisten Klöster verschwunden sein. Es findet eine Säkularisierung statt, welche an die Zeit vor 200 Jahren erinnert. Die Kirche verstand sich seitdem als Festung, welche die Angriffe des liberalen Zeitgeistes abwehrt.

Dies währte bis zum großen Einbruch vor 50 Jahren, in welchem eine völlig neue Lebenseinstellung auch den kirchlichen Raum erreichte. Dreh- und Angelpunkt ist das Verhältnis zur Autorität, zu den vorgegebenen Werten der Tradition. Es lässt sich umschreiben mit Mündigkeit und Eigenständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Dazu stehen die alten Ordensstrukturen in krassem Gegensatz. Statt eigenem Denken gelten Gehorsam und Unterordnung. Die Einführung in den Orden besteht darin, den Bewerber an die bestehende Struktur anzupassen. Grundlegend war die Ausrichtung auf die Oberen. Die einzelnen Regeln stammten aus der Zeit vor hundert Jahren; sie haben die meisten der heute lebenden Ordensleute geprägt. Wer im Geist unserer Zeit aufwächst, empfindet eine Atmosphäre aus der Generation der Urgroßeltern als bedrückend. Sie stoßen sich an allen Ecken und Enden.

Wie kann aber eine Gemeinschaft funktionieren, wenn alle Selbstbestimmung wollen? Hier dürfen wir den heiligen Franziskus selbst fragen. Er hat sich auf der Suche nach seiner Berufung keiner schon bestehenden Gemeinschaft untergeordnet. „Er folgte dem Antrieb seines Herzens“ heißt es in den frommen Lebensbeschreibungen. Er wird einer, der nirgends hineinpasst, einer, den man für verrückt hält. Aber gerade darin ist er ganz er selbst, Franziskus in seiner Einmaligkeit. Er verwirklicht damit ein Höchstmaß an Individualität. Es ist sein ganz eigener Weg, welcher ihn zu dem macht, als der er heute noch bewundert wird. Seine überraschenden Bemerkungen und Reaktionen und seine Anziehungskraft sind Ergebnisse einer überwältigenden religiösen Erfahrung. Als er öffentlich auftritt, sind die Leute hingerissen. Es fällt wie Feuer in ihre Herzen. Es bildet sich eine Gruppe von Gleichgesinnten, welche in dieser Atmosphäre leben wollen. Es ist ein Zusammensein auf einer neuen Ebene. Der Punkt, der alle anzieht, ist zugleich der innerste eines jeden, der Funke Gottes. So war es in den Ursprüngen der Orden.

Es waren Menschen, die sich auf Grund desselben Ergriffenseins zusammenschlossen. Dies ist auch meine Erfahrung mit Gruppen, in denen belastende persönliche Geschichten bearbeitet werden oder in Stille meditiert wird. Ohne es zu beabsichtigen kommt man in der existentiellen und spirituellen Tiefe an. Es entsteht ein Raum, in dem jeder sich frei fühlt, wo die Teilnehmer spontan aufeinander zugehen und offen miteinander reden. Die Spur der Nachfolge und die Kraft der Erneuerung der Orden sind in der Tiefe jedes Einzelnen. Wie Franziskus seinen Weg gegangen ist, so muss jeder den seinigen finden. Nicht die Imitation, die Nachahmung, bringt uns hier weiter, sondern die Inspiration, die Anregung zur eigenen Entwicklung.