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  • Miteinander sprechen, voneinander lernen

    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Interview 06/2015

Welche, wie viele und in welcher Größe?

Abt Hermann Josef Kugler OPraem hält klassisches Ordensleben für zeitgemäß und wünscht sich mehr Verzahnung von Kloster und Pfarrgemeinde

Hermann Josef Kugler wurde 1966 in Lauingen an der Donau geboren und ist seit 2003 Abt der Prämonstratenserabtei Windberg in Niederbayern. Schon als kleiner Bub wollte er Pfarrer werden, sein Faible für Liturgie und die Freude am Gemeinschaftserlebnis haben ihn schließlich zum Eintritt ins Kloster bewegt: Das war 1983, auch schon in Windberg. „Das Kloster habe ich schon als Jugendlicher kennengelernt, als eine bodenständige Gemeinschaft, und ich wusste einfach: Da passe ich dazu“, sagt er heute. Seit 2006 ist er zudem Administrator der Abtei Speinshart in der Oberpfalz und seit 2007 auch für die Klosterpfarrei in Windberg zuständig. 2010 wurde er zum Vorsitzenden der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK), der offiziellen Vertretung aller römischkatholischen Ordensgemeinschaften in Deutschland, gewählt.


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Gemeinde creativ: Wie sehen Sie die Situation der Orden in Deutschland?

Kugler: Das ist sehr unterschiedlich. Vieles ist gerade im Umbruch. Einige Ordensgemeinschaften versuchen ihre Kräfte zu bündeln. Niederlassungen werden aufgegeben, weil die Mitgliederzahlen sinken. Das ist die eine Seite. Andererseits entstehen neue Gemeinschaften.

Welche Motive bewegen heute Frauen und Männer, in einen Orden einzutreten?

Die Motive sind vielschichtig. Aber ohne eine persönliche Gottesbeziehung, eine religiöse Sehnsucht kann ein Leben in einer geistlichen Gemeinschaft keine Zukunft haben. Wir erleben es, dass ältere Menschen an die Klosterpforte klopfen. Da muss man noch einmal genauer hinschauen, was die Motivation war: Der Glaube, die Sehnsucht oder doch der Wunsch im Alter versorgt und nicht alleine zu sein. Vor 100 Jahren hat es viele kinderreiche Familien gegeben. Da hat man dann welche ins Kloster „gesteckt“ ohne sie zu fragen. Man wusste, die jungen Leute sind dort versorgt. Man muss aber auch sehen, dass das mit einer Mitgift verbunden war. Viele konnten sich das nicht leisten. Bei meiner Großmutter war das so. Die durfte nicht ins Kloster, obwohl sie wollte. Heute kennen wir diesen Gedanken der Existenzsicherung vor allem aus den Missionsländern. Dort treten viele in ein Kloster ein, um der Armut zu entfliehen.

Nun gibt es Orden und Abteien, die recht großen Zulauf haben, andere dagegen so gut wie gar keinen – wie erklären Sie sich das?

Ein Grund ist sicher: Wo junge Leute da sind, tun sich andere junge Leute leichter. Wenn einmal ein Bruch da ist und eine ganze Generation ausfällt, dann ist es für einen jungen Menschen schwierig in eine Gemeinschaft einzutreten, wo lauter Opis und Omis sind. Außerdem ist ein Koster immer ein Ort mit ganz bestimmten Menschen. Da muss man hinpassen, da muss man sich wohlfühlen und dazugehören. Der gleiche Orden kann an einem Standort eine Gemeinschaft haben, wo man sich nicht wohlfühlt. Ich denke, so eine Entscheidung ist eine ganz individuelle Sache: Das Ordensideal, das Profil einer Gemeinschaft, die Art des klösterlichen Lebens spielen natürlich auch eine gewisse Rolle. Nicht jeder kommt beispielsweise mit geschlossenem Ordensleben klar, sondern wäre viel lieber in der Seelsorge tätig. Andere dagegen umgekehrt.

Bei Ihnen in Windberg scheint es auch kaum Nachwuchssorgen zu geben – warum?

Die Frage ist immer, wie man „viel“ definiert. Wir sind im Moment 36. Ist das viel, wenn andere in Deutschland noch bis zu 90 Mönche haben, wieder andere aber nur noch drei oder vier? Es gibt aber noch einen Faktor, den Altersdurchschnitt, und der ist bei uns mit 48 Jahren noch relativ jung. 36 mit einem Durchschnittsalter von 48 Jahren ist natürlich nachhaltiger als 90 Mönche mit einem Durchschnittsalter von 70 Jahren aufwärts. Zudem bieten wir als Priestergemeinschaft, die unter der Augustinus-Regel lebt, eine Alternative für junge Menschen, die Priester werden und gleichzeitig in einer Gemeinschaft leben wollen. Die Prämonstratenser sind keine abgeschlossene Klostergemeinschaft, die sich allein auf Gebet und Meditation ausrichtet. Für uns sind Seelsorge und Gottesdienst gleichwertig. Das macht es vielleicht auch noch einmal attraktiver.

Ist das traditionelle Ordensleben überhaupt noch zeitgemäß?

Sicher. Viele Menschen suchen in unserer hektischen Welt genau das, was Klöster bieten: Ruhe, Regelmäßigkeit, eine feste Tageseinteilung. Angebote wie „Kloster auf Zeit“ gibt es viele und sie werden sehr gut angenommen.

Sie haben die Seelsorge schon angesprochen. In welchen Bereichen sind hier die Mitglieder tätig?

Wir sind nicht festgelegt auf ein pastorales Feld, sondern wir sind zu „jedem guten Werk bereit“, so heißt der Wahlspruch unseres Ordens. In Windberg sind wir hauptsächlich als Priester im Einsatz. Neben sechs Pfarreien, die wir betreuen, sind wir auch in der Sonderseelsorge tätig. Konkret heißt das: Polizei,- Militärund Gefängnisseelsorge sowie die Jugendbildungsstätte im Kloster, die es schon seit fast 30 Jahren gibt.

Von welchen „Ordensregeln“ können wir alle etwas lernen?

Bekannt ist die Benediktsregel: „Bete und Arbeite“. Man muss diesen Rhythmus nicht streng mönchisch auslegen. Aber eine gewisse Regelmäßigkeit, ein ausgewogener Wechsel zwischen Zeiten für mich, Zeiten zum Gebet und den Zeiten der Arbeit tut jedem Menschen gut. Das ist etwas, was man gut auf den Alltag übertragen kann und hilft, eine Balance zu finden in einer immer säkulareren Welt.

Wo sehen Sie Berührungspunkte zwischen Pfarrgemeinden und Ordensgemeinschaften?

Es wäre wünschenswert, dass wir uns hier stärker verzahnen. Es hängt natürlich immer von der Gemeinschaft ab, was sie für ein Charisma hat, ob sie eher zurückgezogen lebt oder eher apostolisch ausgerichtet ist. Der offensichtlichste Berührungspunkt sind sicher Gottesdienste. In Zeiten des Priestermangels gibt es da viele Chancen für eine gute Zusammenarbeit, oder auch beim Stundengebet. Und man kann ja auch voneinander lernen. Man muss vielleicht ein paar Berührungsängste überwinden. Hier braucht es von beiden Seiten eine gewisse Offenheit. Auch Ordensgemeinschaften sind in ihrem Trott und schauen nicht immer über ihren Tellerrand hinaus, genau wie Pfarrgemeinden. Ich würde es schön finden, wenn wir hier viel öfter unsere Phantasie spielen ließen.

Papst Franziskus hat 2015 zum „Jahr der Orden“ erklärt, eine Chance, die bisher genutzt wurde?

Das Thema war heuer viel in den Medien präsent und es gab deutschlandweit zahlreiche Veranstaltungen. Es wurde damit Bewusstsein geschaffen, das ist sicher positiv. Man muss aber auch sehen, dass der Großteil des Echos innerkirchlich blieb. Nach außen – da darf man sich nichts vormachen – kam nur wenig. Der Ordensnachwuchs gerät bei alledem etwas aus dem Blick. Was mir fehlt, ist das direkte Ansprechen, die Ermutigung. Immer dann, wenn Niederlassungen aufgegeben werden, ist der Aufschrei groß, es gibt Unterschriftenaktionen und allerhand andere „Rettungsversuche“. Ich möchte dann immer fragen: „Wann ist denn aus Eurer Pfarrei zum letzten Mal jemand in einen Orden eingetreten?“ Für die Frage nach Neupriestern gilt das natürlich genauso.

Windberg ist auch ein Bildungshaus. Was bieten Sie Pfarrgemeinden an?

Wir haben spezielle Seminare für Pfarrgemeinderäte im Programm. Da geht es um Zusammenwachsen, um Kennenlernen und darum, auszuloten: Was sind die Ziele? Welche Projekte wollen wir zusammen verwirklichen? Was ist uns in unserer Pfarrei wichtig? Normale Sitzungen finden fast immer am Abend nach einem langen Arbeitstag statt. Bei uns hat man dann Zeit, sich einen ganzen Tag oder ein Klausurwochenende lang nur mit diesem einen Thema zu beschäftigen. Da kommt man sich auch menschlich näher. Gerade von jungen Pfarrverbänden werden diese Angebote sehr gerne genutzt.

Ihre Prognose für die Zukunft der Orden?

Die Orden werden Zukunft haben, da bin ich überzeugt, weil es immer Menschen gibt, die sich in die Fußspur Jesu begeben wollen. Die Frage ist nur, welche, wie viele und in welcher Größe. Es hat immer schon eine bunte Vielfalt an Orden gegeben und das wird auch so bleiben. Wobei ich schon denke, dass die Zeit der großen Kongregationen vorbei ist. Die Zukunft wird eher in Richtung familiäre, überschaubare Gemeinschaften gehen. Es hängt natürlich auch immer von der jeweiligen Gemeinschaft ab, wie und ob sie sich den Zeichen der Zeit stellt. Ob sie die Kraft hat, sich zu verändern und zu erneuern oder nicht. Wir dürfen nicht versuchen Orden krampfhaft am Leben zu erhalten. Viele Ordensgemeinschaften sind schon vor einigen hundert Jahren ausgestorben, weil ihr Charisma eingebracht war, weil ihre Aufgabe erfüllt war. Insofern sehe ich das mit Gelassenheit.

Kleine Gemeinschaften haben auch ihre Vorteile …

Das stimmt. Eine zahlenmäßig kleinere Gemeinschaft muss nicht die schwächere sein. Im Gegenteil. Oft ist die Arbeit kleiner Gruppen effektiver und fruchtbringender, weil nicht so viele einfach nur mitschwimmen und sich zu sehr auf andere verlassen. In kleinen Gemeinschaften ist jeder umso mehr gefordert, hat aber auch umso mehr Verantwortung. Das kann also auch eine Krux sein. Man muss auch hier die zwei Seiten der Medaille sehen. Wichtig sind hier wieder die konkreten Menschen. Mit motivierten, begeisterten und für den Glauben brennenden Leuten werden die Orden überdauern.

Das Interview führte Alexandra Maier