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  • GC 002 2017 Titel

Schwerpunktthema 05/2016

Ein Stützpunkt auf dem eigenen Lebensweg
Warum Pfarrgemeinden wie Berghütten sein müssten

Von Herbert Haslinger
Professor für Pastoraltheologie in Paderborn

Im alltäglichen Sprachgebrauch begegnet man mitunter dem Begriff „Heimatgemeinde“. Ihm unterliegt unüberhörbar ein ideales, mit positiven Emotionen aufgeladenes Verständnis von Heimat. Sie gilt als der regionale oder soziale Ort, an dem ein Mensch durch Wachstum und Erziehung seine Persönlichkeit ausbildet, durch das Netz seiner Beziehungen soziale Geborgenheit erfährt, sich die jeweilige Kultur (Lebensformen, Werte, Normen, Traditionen) aneignet und sich dadurch als zugehörig erweist. Kurzum: Heimat ist der Ort, an dem ein Mensch seine Identität ausbildet und mit dem sich dieser Mensch folglich auch identifizieren kann. Auch kirchlichen Gemeinden schreibt man die Qualität einer solchen Heimatgemeinde zu. Das Ideal lautet: Gemeinde soll Heimat sein. Christen sollen ihre Gemeinde als Heimat erleben. Dieses Ansinnen stößt auf zwei Probleme.

Zum einen: Die Idee der Heimat erweist sich schon seit Langem als prekär. Im Kontrast zu den Lebenseinstellungen der Moderne haftet ihr der Geruch des Provinziellen an. Die Nationalsozialisten haben sie für ihre Blut- und Bodenideologie pervertiert. Ein vom Aufschwung verblendetes Nachkriegsdeutschland hat sie zum spießigen Accessoire des Bürgertums trivialisiert. Durch die Folklore-Industrie des Volkstümlichen wird sie anhaltend kommerzialisiert. Gerade ihre Verknüpfung mit den einheitlich vorgegebenen Lebensformen früherer Gesellschaften, insbesondere der geschlossenen kirchlichen Milieus, lässt die Idee der Heimat eben nicht mehr als Ideal erscheinen. Sie wird assoziiert mit sozialer Kontrolle, kulturellem Zwang und geistiger Unbeweglichkeit. Die Hoffnung, die positive Aura des Heimatbegriffs auf die Kirchengemeinde umzuleiten und so Menschen an die Gemeinde binden zu können, ist verloren.

Zum zweiten: Die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens haben sich gravierend verändert. Es ist schier unmöglich geworden zu orten, wo Heimat gegeben ist, zu definieren, was Heimat ist, und zu beschreiben, wie Heimat erlebt wird. Die Menschen heute führen ihr Leben nicht mehr an ein und demselben Ort, an dem sie geboren werden, aufwachsen, als Familie leben, ihrem Beruf nachgehen und ihre Freizeit gestalten. Folglich können immer weniger Menschen einen regionalen oder sozialen Ort angeben, an dem für sie Heimat im Sinn einer solchen Integration aller wichtigen Lebensbezüge und Lebensvollzüge verwirklicht wäre. Heimat ist – mit Ernst Bloch gesprochen – das, „worin noch niemand war“. Und die oft zu hörende Auskunft „Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl“ wirkt eher als Beleg dafür, wie diffus die mit dem Wort ‚Heimat‘ bezeichnete Sache geworden ist, denn als echte Bestimmung des Begriffs.

Auf der anderen Seite erfährt der Gedanke der Heimat seit geraumer Zeit eine auffällige Renaissance. Die Münchener Kulturwissenschaftlerin Simone Egger beschreibt Heimat als Sehnsuchtsort auch der postmodernen Popkultur oder der globalisierten Gesellschaft. Sie hat dabei keine Scheu, die inhaltliche Füllung des Begriffs zwischen „Dichter und Denker“, „Essen und Trinken“, „Dirndl und Lederhosen“ sowie „Häuser und Gärten“ schwingen zu lassen. Der Bayerische Rundfunk bestreitet mit dem „dahoam“-Motiv – von der Daily Soap bis zum Pauseneinspieler – ein ganzes Programmdesign. Diese Konjunktur verdankt sich einem dialektischen Wirkzusammenhang: Gerade weil die Strukturen gesellschaftlichen Lebens bisherige Formen von Beheimatung auflösen, haben Menschen ein umso tiefer greifendes Bedürfnis, in neuer Weise Heimat zu erfahren. Die Sehnsucht bricht sich das eine Mal im Boom des Trachtenlooks Bahn, ein anderes Mal im Wieder- Aufleben-Lassen alter Bräuche und wieder bei anderen Menschen in einer Idealisierung des Familienlebens.

So erscheint es legitim, erneut danach zu fragen, ob auch eine kirchliche Gemeinde Heimat sein kann. Mit den pastoralen Großstrukturen, die derzeit landauf, landab in den Diözesen eingerichtet werden, ist der Anspruch des Heimat-Seins jedoch überflüssig geworden. Sie repräsentieren vielmehr jenen gesellschaftlichen Mechanismus, der Heimatstrukturen aufbricht, insofern sie die pastorale Praxis aus der lebensweltlichen Nähe zu den Menschen abziehen. Im Grunde passiert in ihnen sozialstrukturell das Gleiche wie vor ein paar Jahrzehnten beim Wechsel vom „Tante Emma“-Laden zum Supermarkt: Ein wichtiger Lebensbereich wird aus dem integrierten Gefüge der alltäglichen, tragenden Lebensbezüge herausgelöst. Er wird an zentralen Orten angesiedelt und von dort als spezialisiertes Handeln kirchlicher Funktionsträger angeboten. Die Soziologen sagen dazu „funktionale Differenzierung“. Das heißt: Das ehedem einheitliche Gefüge des gesellschaftlichen Lebens gliedert sich in viele separierte Felder und Institutionen aus. In ihnen werden jeweils bestimmte Belange des Lebens, aber eben nur diese in spezialisierter Form als Funktionen für die gesamte Gesellschaft erfüllt. Und umgekehrt: Die verschiedenen Funktionsbereiche sprechen die Menschen jeweils nur in den Anteilen ihres Lebens oder ihrer Persönlichkeit an, die für die Funktionserfüllung relevant sind; die Person als Ganze mit ihren anderen Lebensanteilen und -bedürfnissen gerät aus dem Blick. Die pastoralen Großstrukturen fügen sich in diese funktionale Differenzierung ein. Indem sie sich als parzellierter Anbieter von Beteiligungsmöglichkeiten verstehen, lösen sie sich aus dem Gesamtzusammenhang der alltäglichen Lebensvollzüge heraus. Sie sind nicht mehr Bestandteil dessen, was dem Menschen Identität verleiht, folglich auch nicht mehr das, womit sich die Menschen identifizieren können.

Ich möchte dem eine andere leitende Vorstellung von kirchlicher Gemeinde entgegensetzen. Es ist das Bild der Berghütte. Demnach erweist sich eine Gemeinde – also das soziale Gebilde aus Vollzügen, Einrichtungen, Strukturen und Personen, in denen sich eine Gemeinde sichtbar manifestiert – als „gute“ Gemeinde, wenn Menschen sie verlässlich an ihren Lebenswegen und Lebensorten antreffen; wenn Menschen sie mal regelmäßig, mal unregelmäßig, mitunter auch nur in schwierigen Situationen ansteuern können, um dort das zu bekommen, was sie für ihre Lebenswege brauchen: Schutz, Rast, Orientierung, Stärkung; wenn Menschen in ihnen so lange da sein können, wie es ihnen gut tut; wenn Menschen von ihnen auch wieder weggehen – weil nicht das Verbleiben in der „Hütte“, sondern das Gehen des eigenen Lebensweges die Bestimmung eines Menschen ist. Seelsorger bewähren sich – in Analogie zu den Hüttenwirten – dann in ihrer Rolle als Seelsorger, wenn sie am Ort der Gemeinde das verlässlich bereithalten, was die Menschen zum Bewältigen ihrer Lebenswege brauchen; wenn sie – unabhängig davon, ob die Menschen diese Hilfe regelmäßig, unregelmäßig oder nur in schwierigen Situationen in Anspruch nehmen – Menschen helfen, ihre Lebenswege auf erfüllte, gelingende Weise zu gehen.

Im Rahmen dieses Bildes der Berghütte stellt sich auch der Zusammenhang von Gemeinde und Heimat anders dar. Die kirchliche Gemeinde soll nicht beanspruchen, selber für die Menschen Heimat zu sein. Aufgabe einer kirchlichen Gemeinde ist es, ein verlässlicher Stützpunkt an den Lebenswegen der Menschen zu sein, der dazu beiträgt, dass die Menschen ihre alltäglichen Lebensfelder – Familien, Partnerschaften, Freundeskreise, Dörfer und Stadtteile, Arbeitskollegien und anderes mehr – als Heimat erfahren können