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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Meditation 05/2016

Zu Hause bei Dir

Von Maria Rehaber-Graf

Meine Tochter, Anfang zwanzig und Studentin, ist viel unterwegs. Sie war schon immer fasziniert von Menschen aus anderen Ländern und Kulturen, sie reist gerne da und dorthin, und auch wenn sie mal für ein paar Tage daheim ist, dann hält es sie hier nicht lange aus. Sie liebt die Abwechslung und unternimmt einfach gerne unglaublich viele spannende Dinge.

Ich habe den Eindruck, sie weiß, was sie will und braucht. Und sie findet sich in jeder neuen Umgebung schnell zurecht. Umso mehr hat mich ihre Reaktion erstaunt, als ich kürzlich von meinen Überlegungen gesprochen habe. Dass es doch jetzt, wo sie und ihr Bruder kaum mehr zu Hause wären, sinnvoll wäre, in absehbarer Zeit das Familienhaus zu verkaufen, und in eine Wohnung umzuziehen. Meine Tochter war entsetzt. Nein, bitte, das sollen wir auf keinen Fall machen! Dann würde sie ja ihr Zuhause verlieren! Das machte mich stutzig. Eine solche Reaktion gerade von ihr, die „überall in der Welt zu Hause“ ist?

Heimat haben. Für meine Tochter in ihrer Lebensphase ist das offenbar eng verknüpft mit der Vorstellung, in unserem Haus einen festen Ausgangs- und Bezugspunkt für ihre Reisen zu haben. Hier ist der Ort, von dem sie aufbricht, hier bleiben all ihre Dinge, die sie unterwegs nicht braucht, hierher kehrt sie mit neuen Eindrücken und Erfahrungen wieder zurück – um bald darauf wieder aufzubrechen. Das gehört wohl zu ihrer momentanen Lebensphase: Aufbrechen, sich in der Fremde bewähren, wieder heimkommen. Dabei die Welt entdecken. Und sich selbst.

Kürzlich habe ich bei einem zweijährigen Kind etwas Ähnliches beobachtet. Es war in einem Wartezimmer. Das Mädchen saß bei der Mama auf dem Schoß. Als es davon genug hatte, löste es sich und bewegte sich ein paar Schritte in den Raum hinein. Sie schaute ein Weilchen mit großen Augen zwei anderen Kindern zu, die gerade beim Spielen waren. Auf einmal drehte sie sich um, suchte mit dem Blick ihre Mama und lief zum sicheren Schoß zurück. Um sich bald wieder hervorlocken zu lassen.

Ein Grundmuster menschlicher Entwicklung. Ein Grundmuster auch für den Weg des Glaubens. Die Geschichte Abrahams, der von Juden, Christen und Muslimen als Stammvater ihrer Religion verehrt wird, zeichnet es uns vor. Abraham zog fort aus seinem Land, von seiner Verwandtschaft, von seinem Vaterhaus, um in das Land zu gelangen, das Gott ihm zeigen würde, und um Stammvater eines großen Volkes zu werden. Von vielen Stationen erzählt die Bibel im Buch Genesis in den Kapiteln 12 bis 25. Aufbrechen, Wege gehen, Herausforderungen bewältigen, sich niederlassen. Von Neuem aufbrechen … Sein Weg war alles andere als einfach. Doch die entscheidenden Augenblicke waren die, in denen er mit Gott im Gespräch war. Von ihm bekam er immer wieder den Segen zugesprochen. Das hat ihm den Mut gegeben, an der Verheißung festzuhalten und weiterzugehen.

Abraham, zusammen mit Sara, ist ein Reisender geblieben. In seine ursprüngliche Heimat ist er nie wieder zurückgekehrt. Sie war nicht mehr der Bezugs- und Angelpunkt seines Lebens. Davon hatte er sich gelöst. Sein Bezugspunkt war Gott, der ihn einst angesprochen hatte. Von dem er sich hatte herausrufen lassen. Der ihm eine Vision gegeben hat, die ihn in Bewegung hielt: die Vision vom neuen Land und die Vision von seiner Identität.

Gott als Bezugspunkt meines Lebens? Gott als Heimat, von der ich ausgehe, und zu der ich immer wieder zurückkomme? Das ist nicht so einfach. Er ist ja kein greifbarer Ort – auch wenn wir Kirchen bauen, so wie Abraham damals Altäre gebaut hat. Der lebendige Gott ist wohl eher wie ein Wort, das erklingt und wieder verweht. Und doch im Ohr bleibt. Weil es etwas in mir angesprochen hat: die tiefe Sehnsucht nach einem erfüllten Leben. Das ist eine Verheißung, die mich nicht in Ruhe lässt, die mich aufbrechen lässt und in Bewegung hält. Und die mich wieder zurückfinden lässt zu ihm. Hoffentlich mein Leben lang!