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  • Miteinander sprechen, voneinander lernen

    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Interview 05/2016

"Zeichen der Menschlichkeit"

Gerda Schaffelhofer ist Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ). Die katholische Kirche in Österreich ist durch die Popularität von Papst Franziskus im Aufwind, sagt sie und hofft, dass seine Botschaften gerade im Bereich der Flüchtlingspolitik noch mehr gehört werden.

Gerda Schaffelhofer ist seit 2012 Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich. Im Herbst 2015 wurde sie bei der KAÖ-Konferenz in Graz in ihrem Amt für weitere drei Jahre bestätigt. Zehn Jahre lang, bis zum Eintritt in den Ruhestand im Juni dieses Jahres war die studierte Theologin Verlegerin beim österreichischen Styria-Verlag. Gerda Schaffelhofer hat sich in den vergangenen Monaten immer wieder zu Wort gemeldet, wenn es um Grenzzäune, Obergrenzen und eine abwehrende Haltung gegenüber Flüchtlingen ging. „Für mich ist der Schutz von Menschen in Not, die vor Krieg und Gewalt fliehen, ein Kernelement des Christentums“, sagt sie. Dieses ethische Grundprinzip fehle ihr jedoch vielfach in der aktuellen Politik.


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Gemeinde creativ: Sie die Stimmung in Österreich mit Blick auf die Flüchtlinge in den vergangenen Monaten erlebt?

Gerda Schaffelhofer: Durchaus ambivalent. Zunächst gab es eine Welle der Hilfsbereitschaft. Das hat mich sehr bewegt, weil ich das gar nicht so erwartet hätte. Überall haben sich Helfer gefunden, haben die Flüchtlinge mit dem Nötigsten versorgt und sind ihnen zur Seite gestanden. Dann ist das abgeebbt. Was war der Grund dafür? Ich denke, dass drei Dinge den Ausschlag gegeben haben: Das eine war die Hilflosigkeit der Politik, die es nicht verstanden hat, die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung aufzugreifen und damit zu arbeiten, sondern eher gebremst und plötzlich von Grenzen gesprochen hat. Dann sind in Einzelfällen Schwierigkeiten mit Flüchtlingen aufgetaucht, wie zum Beispiel in Köln. Das haben die Medien ausgeschlachtet. Damit haben sie zu einer Stimmung beigetragen, dass es gefährlich für uns Europäer wird und schon zu viele Flüchtlinge da sind. Und das hat plötzlich Angst gemacht.

Die Wahl zum Bundespräsidenten ging denkbar knapp aus, nun muss noch einmal gewählt werden – worauf hoffen Sie?

Diese Wahl ist eine Richtungswahl zwischen einem offenen Österreich, das in Europa einen aktiven Platz einnimmt und sich seiner Verantwortung für eine gesamteuropäische Politik bewusst ist und zwischen einem Österreich, das sich abschottet, die Grenzbalken hochzieht und sich mit der eigenen Befindlichkeit befasst. Ich hoffe, dass sich jene, die für ein offenes Österreich votieren, letztendlich durchsetzen werden.

Die Alpenrepublik Österreich gilt mit ihren Bergen, Seen und Traditionen vielen als Inbegriff von „Heimat“. Wie passt das zu den Abschottungstendenzen der vergangenen Monate?

Das passt in gewisser Weise schon. Heimat ist ein Begriff, der positiv besetzt sein sollte. Ich glaube, dass durch die Internationalisierung der Politik, durch mangelnde Transparenz in Europa und durch unsere eigene Unfähigkeit, die Dinge zu durchblicken, Ängste wachsen. Man fühlt sich ausgeliefert. Und das lässt zugleich die Sehnsucht nach dem Überschaubaren, nach dem Eigenen, nach dem Kleinen größer werden. Diese Heimat glaubt man beschützen zu müssen und das führt zu dieser Abschottungspolitik.

Wollte man mit den Abschottungstendenzen Angela Merkels europa- und flüchtlingsfreundliche Politik „im Sande verlaufen“ lassen?

Mit der Vorreiterrolle Deutschlands und Angela Merkels hatte das nichts zu tun. Vielmehr hat man wohl Angst vor der eigenen Courage bekommen. Ich glaube aber nicht, dass man verstanden hat, welchen Akzent Merkel gesetzt hat, dass sie aus tiefer innerer, auch christlicher Überzeugung gehandelt hat, um ein Zeichen der Menschlichkeit zu setzen. Ich glaube diese Art von Politik ist uns vielleicht sogar ein bisschen fremd geworden. Viele haben gesagt, das war ihr erster großer Fehler, weil sie überhaupt nicht begriffen haben, welche Dimension der Menschlichkeit hier in ihr aufgeblitzt ist.

In einer Stellungnahme haben Sie kürzlich kritisiert, Politiker, die gerne zum Fototermin mit dem Papst nach Rom reisen, würden seine Appelle nicht ernst genug nehmen. Können Sie das konkretisieren?

Papst Franziskus hat eine enorme Ausstrahlung. Inzwischen gehört es fast schon dazu, nach Rom zu fahren, die Generalaudienz zu besuchen und ein Foto mit dem Papst zu bekommen. Wenn man sich früher zur Kirche bekannt hat, wurde man oft ein bisschen schief angeschaut. Das ist jetzt vollkommen anders. Dieser Papst hat durch seine neue Art der Sprache und seine Gesten eine neue Glaubwürdigkeit für sich und die Kirche geschaffen. Wenn nun Politiker dorthin pilgern, ist das eine wunderbare Geste. Es hat Zeiten gegeben, in denen niemand auf die Idee gekommen wäre, in den Vatikan zu fahren. Nur, dann sollten sie nicht nur Hände schütteln und Fotos machen, sondern sie sollten seine Botschaft hören und versuchen, diese auch umzusetzen. Und diese Botschaft heißt ganz eindeutig, dass wir an die Grenzen gehen müssen und dass wir den Armen, den Hilflosen, und damit sind auch die Flüchtlinge gemeint, zur Seite stehen müssen. Das scheinen nicht alle Politiker begriffen zu haben.

Um Grenzzäune und Mauern am Brenner ist es etwas stiller geworden. Vielen scheint nur noch wichtig zu sein, ob sie schnell genug ans Reiseziel kommen …

Ich wünsche mir, dass diese Debatte zur Ruhe kommt. Ich war wirklich erschüttert über die Brennerdiskussion und auch über die Positionen mancher Tiroler Landsleute. Jemand, der in Kärnten im Dreiländereck Slowenien, Italien, Österreich lebt, kann sich Grenzbalken überhaupt nicht mehr vorstellen. Man fährt nach Tarvisio, um einen Espresso zu trinken. Eine Grenze würde vernichten, was in Jahrzehnten zusammengewachsen ist. Das aufs Spiel zu setzen wäre etwas Furchtbares. Grenzbalken erzeugen auch mentale Balken, die das Völkerverbindende zerstören.

Was können die Pfarrgemeinden in der Flüchtlingshilfe leisten?

Wir als Christen können mehr tun als die „Basics“, also die Versorgung mit einem Schlafplatz und Nahrungsmitteln. Wir müssen den neu angekommenen Menschen Gesprächspartner sein. Brückenschlag und Wertschätzung gelingen nur über das Kennenlernen. Wir Christen müssen uns auf diese Menschen einlassen. Wir brauchen keine Angst zu haben, dass unsere Religion bedroht ist, dass hier irgendetwas verwässert wird. Wer im Glauben verwurzelt ist, braucht nie Angst zu haben. Das heißt, wir können auf diese Menschen zugehen und wir können völlig angstfrei das Gemeinsame herausarbeiten. Wir machen zum Beispiel von der Katholischen Aktion ein Freundschaftsbuch für christliche und muslimische Kinder, mit dem sie voneinander lernen können. Wir wollen so Wertschätzung und Freundschaften fördern.

Nun hat die katholische Kirche in Österreich laut einer SORA-Umfrage an Glaubwürdigkeit stark zugelegt (11 Prozentpunkte mehr als 2015). Worauf führen Sie diesen Vertrauenszuwachs zurück und wie beurteilen Sie solche Statistiken?

Generell bin ich bei solchen Umfragen immer ein bisschen skeptisch. Aber wir leiden so oft unter negativen Ergebnissen, dass wir uns auch über die positiven Ergebnisse einmal freuen dürfen. Allerdings ist zu bedenken, wenn von der „katholischen Kirche“ gesprochen wird, dann sind meistens nicht wir Laien, sondern die Kleriker gemeint. In Österreich gab es ein paar „gute“ Bischofsernennungen. Und wir haben den Bonus Papst Franziskus. Amoris laetitia war wichtig. Kirche wird hier neu wahrgenommen, nicht abgeschottet, nicht als der heilige Rest derer, die übrig geblieben sind. Sondern als eine Kirche, die aufbricht, die gesellschaftspolitische Akzente setzt. Dieser Papst spricht vom Genozid in Armenien und von anderen Dingen, die man bisher politisch umschifft hat. Seine Konsequenz und Glaubwürdigkeit färben auf die gesamte Kirche ab.

Das Thema Flüchtlinge wird Österreich und Deutschland weiter beschäftigen. Ganz konkret wird die Katholische Aktion im Spätsommer gemeinsam mit dem ZdK und Renovabis eine Tagung unter dem Titel „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“ durchführen. Was ist das Ziel dieser Veranstaltung?

Die Flüchtlingswelle ist eine internationale Herausforderung, der bislang jedoch fast ausschließlich mit nationalen Konzepten begegnet wird. Deswegen wollen wir Akteure aus verschiedenen Ländern vernetzen. Gerade die katholischen Laien haben viel in diesem Bereich zu sagen, haben viele gute Initiativen gestartet, die wollen wir zusammenbringen – über Grenzen hinweg. Wir wollen neben dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und dem Osteuropa-Hilfswerk Renovabis auch Laiengruppen aus den Routenländern ansprechen. Auch dort gibt es Menschen, die helfen. Leider wissen wir bisher viel zu wenig von deren Arbeit. Wir haben auch Fachleute eingeladen, wie Kilian Kleinschmidt, der für die UN selbst ein Flüchtlingslager geleitet hat und der weiß, wovon er spricht, wenn er „vor Ort“ sagt. Der Höhepunkt soll direkt an der Grenze am Loiblpass sein. In einer KZ-Gedenkstätte wird es ein Fest der Begegnung unter dem Motto „Brücken statt Grenzen“ geben, bei dem wir und die Flüchtlinge ganz bewusst die Rollen tauschen werden.

Das Interview führte Alexandra Hofstätter