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  • GC 002 2017 Titel

Praxistipp 04/2014

 

Inklusion beim Katholikentag

Schon im Vorfeld wurden durch den Beirat Barrierefrei, in den ich als Mitglied berufen worden war, wichtige Weichen gestellt. Dabei war es uns nicht so wichtig, dass überall Inklusion drauf steht, sondern dass Inklusion drin ist. Und ich denke, dies ist zu einem Großteil gelungen.

Von Christian Burkhardt
Behindertenseelsorger der Diözese Regensburg

Was in mir noch sehr lebendig in Erinnerung ist, sind die beiden Großgottesdienste, bei deren Vorbereitung ich mitwirken durfte. Zu schade, dass der Gottesdienst am Donnerstag dem Wetter deutlich Tribut zollen musste. Dennoch erlebte ich ihn als einen sehr lebendigen und erfrischenden Gottesdienst, der die bunte Vielfalt im Leben der Kirche sehr schön widerspiegelte. Kinder, Jugendliche, Familien, Erwachsene in den unterschiedlichsten Lebenssituationen, Senioren, Kranke, Menschen mit Behinderung – alle waren im Gottesdienst präsent, alle waren beteiligt und alle haben gemeinsam gefeiert, wozu die inhaltliche, musikalische und „choreografische“ Gestaltung des liturgischen Geschehens wesentlich beigetragen hat.

Dieser Eindruck wurde mir im Nachhinein vielfach bestätigt durch Aussagen wie: „Das war wie in einer großen Familie!“ oder „Wir waren eine einzige große Gemeinde, die feiert!“ Besonders schön fand ich die folgende Bemerkung: „… der Gottesdienst hat sogar einige krank gemacht. Sie klagten am nächsten Tag darüber, dass sie seitdem an einem ‚Ohrwurm‘ leiden“. Gemeint war das Katholikentagslied. Das sichtbarste und vermutlich auffallendste Element von Inklusion war bei diesem Gottesdienst vielleicht, als beim Hochgebet plötzlich Stille eintrat und ein Abschnitt in Gebärdensprache vorgetragen wurde.

Im Sportstadion an der Universität wurde bei herrlichem Sommerwetter in einem fröhlich-feiernden, inklusiven Miteinander der Teilnehmer der Schlussgottesdienst gefeiert. Auch wenn der Gottesdienst am Sonntag erkennbar andere Akzente – hier vor allem auch musikalischer Art – setzte, so erlebte ich ihn als den gelungenen Schlusspunkt hinter die bereichernden Tage des Katholikentages in Regensburg.

Trotz aller Bemühungen um Inklusion blieben natürlich auch noch viele Dinge offen oder wurden nur unzureichend umgesetzt: beispielsweise war der Bereich für Menschen mit Behinderung beim ersten Gottesdienst so platziert, dass durch die Fernsehkameras die Sicht zum Altar (und zum gebärdenden Pfarrer am Altar) verdeckt wurde. Ein großes Thema, für das zukünftig das Bewusstsein – auch innerkirchlich – noch mehr geschärft werden muss, ist die Frage nach einfacher oder leichter Sprache im Gottesdienst. Das beginnt bei den frei formulierten Teilen, setzt sich fort über die Predigt und umfasst schlussendlich auch die Mess- und Bibeltexte selbst.

Im Beirat Barrierefrei des Katholikentages war im Vorfeld der Gedanke aufgetaucht, es sollte bei den spirituell-liturgischen Angeboten doch täglich mindestens ein Angebot in einfacher oder in leichter Sprache geben. So gab es im Programm neben mehreren Angeboten im Bereich der Tagzeitenliturgie auch eine Eucharistiefeier in leichter Sprache, die weitestgehend barrierefrei war (abgesehen von dem uns zugewiesenen Kirchenraum, der nicht gerade günstig war). Überraschend für mich war, dass diese Angebote sehr wohl Beachtung gefunden haben und von nicht gerade wenigen Katholikentagsbesuchern angenommen und wahrgenommen wurden. Natürlich bot der Katholikentag auch die entsprechenden Podien und Plattformen, um die aktuellen Themen in Politik, Kirche und Gesellschaft kritisch zu beleuchten, zu diskutieren und zu behandeln. Und auch dabei wurde versucht, Inklusion weitestgehend umzusetzen. Ich denke, man kann durchaus sagen, dass sich zwischenzeitlich ein gewisser Standard an Inklusion und Barrierefreiheit herausgebildet hat, der selbstverständlich geworden ist (Rampen für Rollstuhlfahrer; entsprechende Beschilderung für Sehgeschädigte; geeignete Toiletten, usw.). Darüber hinaus war es für mich als Behindertenseelsorger interessant zu sehen, ob und wie es gelingen würde, in einer historischen Stadt wie Regensburg – die zwar durchaus ihren Reiz und einen besonderen Charme hat – den Gedanken der Barrierefreiheit umzusetzen und damit auch Menschen mit Behinderung die Teilnahme an möglichst vielen Veranstaltungen des Katholikentages mitunter schwierig ist, Gebärdensprachdolmetscher in ausreichender Zahl zu bekommen. Außerdem wurde bereits bei der Auswahl der Veranstaltungsorte darauf geachtet, dass diese möglichst mit einer Induktionsanlage für Hörgeräteträger ausgestattet sind. Dabei standen wir von Anfang an vor großen Herausforderungen. Exemplarisch seien hier nur genannt das historische Kopfsteinpflaster, das für Rollstuhlfahrer eine erhebliche Beeinträchtigung darstellt; die Vielzahl historischer und denkmalgeschützter Gebäude – insbesondere vieler Kirchen –, wo es äußerst schwierig war, Rampen für Rollstuhlfahrer einzubauen oder Induktionsanlagen für Hörgeräteträger zu installieren. Auch wenn in diesem Bereich bereits seit Jahren von vielen Seiten sehr intensiv gearbeitet wird, war dennoch eine Vielzahl von Aufgaben zu erledigen.

Und auch wenn ich mir durchaus bewusst bin, dass es hier noch genügend Defizite gegeben hat, so möchte ich festhalten, dass dennoch Vieles gelungen ist. In Zusammenarbeit mit der Katholischen Jugendfürsorge wurden Rollstuhlrampen aus Leichtmetall entworfen, die problemlos angebracht und wieder entfernt werden können; diese wurden dann den Pfarrgemeinden und Kirchen zum Kauf angeboten, so dass also auch über die Zeit des Katholikentages hinaus der Gedanke der Barrierefreiheit nachwirkt. Es gab deutlich mehr Veranstaltungen für hörgeschädigte Menschen, als dies bei früheren Katholikentagen der Fall war. Selbst wenn die Erfahrung zeigte, dass es mitunter schwierig ist, Gebärdensprachdolmetscher in ausreichender Zahl zu bekommen. Außerdem wurde bereits bei der Auswahl der Veranstaltungsorte darauf geachtet, dass diese möglichst mit einer Induktionsanlage für Hörgeräteträger ausgestattet sind.

Mir erscheint dies deshalb erwähnenswert, um unseren Pfarrgemeinden vor Ort damit deutlich zu machen: ich kann und darf nicht warten, bis ich unter dem Gesichtspunkt „Barrierefreiheit“ und „Inklusion“ alles hundertprozentig abdecken kann. Das kommt oft einer Verschiebung auf den berühmten Sankt-Nimmerleins-Tag gleich. Was getan werden kann, das soll auch getan werden. Selbst wenn Lücken bleiben. Und hier gibt es in unseren Pfarrgemeinden, wie ich aus meiner alltäglichen Arbeit weiß, noch sehr viel zu tun.

Vielleicht kann der Katholikentag hier ein wenig Anstoß gegeben und das Bewusstsein dafür schärfen, diese Aufgabe stärker in den Blick zu nehmen und sich dieser Herausforderung in den Pfarrgemeinderäten zu widmen. Dabei scheint es mir wichtig, diese Aufgaben personell und strukturell fest zu verorten. Mit anderen Worten: Es wäre in meinen Augen wünschenswert, wenn es in jedem Pfarrgemeinderat Beauftragte für Barrierefreiheit und Inklusion gäbe.

Entsprechend dem Motto des Katholikentages „Mit Christus Brücken bauen“ kann man sagen: Es wurden in der Tat viele Brücken geschlagen, wo es sie noch nicht gab, und vorhandene begangen, von Ost nach West und umgekehrt, von der Tradition zur Moderne, von exklusiv zu inklusiv … .

In zahlreichen Gesprächen mit vielen Regensburgern habe ich schon während des Katholikentages, aber auch noch in den Tagen danach, immer wieder von der angenehmen, fröhlichen, friedlichen und wohltuenden Atmosphäre in der Stadt gehört. Und so habe ich das auch selbst erfahren. Ich fand, es war etwas zu spüren von dem, was Christsein ausmacht: ein Miteinander von Einheimischen und Gästen, von Generationen und Religionen; Verständnis für Menschen mit Behinderung; eine Toleranz gegenüber anderen Auffassungen und Vorstellungen.