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  • Miteinander sprechen, voneinander lernen

    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Meditation 04/2014

„Das alles ist katholisch!“

Von Christian Liebenstein

Beim Katholikentag staune ich immer wieder, wie bunt und vielfältig sich die katholische Kirche zeigt: so unterschiedliche Gruppen, Initiativen und Bewegungen engagieren sich in der Kirche, so vielfältige Anliegen haben sie im Blick, so verschieden sind ihre Stile und Formen.

Gewiss, manche davon sind mir näher und ich betrachte sie mit großer Sympathie; Andere sind mir eher fremd und ich spüre meine Distanz. Aber dennoch: alle sind da und alle sind Teil der Kirche – unserer Kirche. Das ist für mich „katholisch“ in unmittelbarem Sinn: „das Ganze umfassend“. Es gibt neben dem Katholikentag wenig Gelegenheit, diese katholische Vielfalt so unmittelbar zu erleben.

Im Alltag sind diese verschiedenen Gruppen separierter. Die unterschiedlichen Gruppen arbeiten und wirken in ihren Bereichen und viele Pfarreien sind, entgegen dem ersten Anschein, relativ homogen. Verschiedenheit und das „Anders-sein“ auszuhalten und zu gestalten sind im Alltag keine leichte Aufgabe, oft sogar eine Herausforderung. Da kommt man in Versuchung Gleichgesinnte zu suchen und nach Harmonie zu streben. Dieser Versuchung sind auch die ausgesetzt, die für andere offen sein wollen. Diese Mechanismen können sehr subtil sein.

Dennoch kommen wir als Christen um die Herausforderung und den Anspruch, Vielfalt und Verschiedenheit auszuhalten, nicht herum. Gott selber zeigt sich als ein Gott der Vielfalt und Phantasie. Sonst hätte er nicht so unendlich viele Arten und Lebensformen geschaffen, sonst wäre nicht jeder Grashalm vom anderen unterscheidbar. Und er hat in der Schöpfung auch gewollt, dass die vielfältigen Geschöpfe in einem Wechselspiel von Kräften und Gegenkräften leben, sich entwickeln und entfalten – oft genug in harter Konkurrenz. Das macht die Lebendigkeit und Dynamik der Schöpfung aus.

In dieser Lebendigkeit und Dynamik lebt auch die Kirche. Zu ihrem Leben, zum „Hören auf die Zeichen der Zeit“ gehört es, das viele das leben, was sie vom Evangelium verstanden haben – und das ist aufgrund ihrer Prägung, ihrer Lebens- und Glaubenserfahrungen und aufgrund des gesellschaftlichen Kontextes, in dem sie leben, notwendigerweise sehr unterschiedlich. Da treten Gegensätze auf, da mag das eine oder andere aus einer gewissen Perspektive als einseitig erscheinen.

Mir hilft da das Bild von der Balance: Es gibt keine statische Balance. Man kann einen festen Körper nicht so auf ein Seil legen, dass er im Gleichgewicht bleibt. Es ist aber eine dynamische Balance möglich: ein Mensch kann lernen, im Wechselspiel entgegengesetzter Kräfte auf einem Balken oder einem Seil das Gleichgewicht halten. Das ist auch ein Bild von Kirche: es gibt keine Balance, die für immer gilt, sondern es braucht vielfältige und auch gegensätzliche Kräfte, um miteinander die Balance zu halten.

Die Kirche muss immer neu suchen, wie sie den Menschen von heute die frohe Botschaft verkünden kann, so dass sie sie in ihrer Sprache hören (Apg 2,8), auf die Not und Bedürftigkeit unserer Tage reagieren, Gemeinschaft mit Gott und untereinander stiften und den Glauben in einer Weise feiern kann, die das Geheimnis Gottes unverkürzt darstellt und in unserer Zeit verstanden wird. Das ist ein Lernprozess, der nicht ohne Reibung, nicht ohne Einseitigkeiten und nicht ohne Konflikte geht. Papst Franziskus bestärkte die südamerikanischen Ordensleute auf diesem Weg: „Ihr werdet Fehler machen, ihr werdet anderen auf die Füße treten. Das passiert. … Macht Euch darüber keine Sorgen. …. Macht die Türen auf. Tut dort etwas, wo der Schrei des Lebens zu hören ist. Mir ist eine Kirche lieber, die etwas falsch macht, weil sie überhaupt etwas tut, als eine Kirche, die krank wird, weil sie sich nur um sich selbst dreht.“

Die Balance und das Miteinander in der Kirche können wir nur im Kontakt, im Einander-wahrnehmen und manchmal in der Auseinandersetzung finden. Der neue Passauer Bischof Stefan Oster wies bei seiner Weihe darauf hin: Es mag konservative und liberale Christen geben, „aber wir müssen aufpassen, nicht gegenseitig zum Klischee und zur Karikatur zu werden“.