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  • Miteinander sprechen, voneinander lernen

    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Interview 04/2014

„Nicht nur alte Strukturen erhalten“

Interview mit Dr. Elfriede Schießleder,
Landesvorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes und Stellvertretende Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern

 

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Gemeinde creativ: Herzlichen Glückwunsch zur Wiederwahl als ehrenamtliche Landesvorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB). Mit der zurückgehenden Zahl von Hauptamtlichen in der Kirche, vor allen Dingen auch Priestern, rückt immer mehr das Ehrenamt in das Blickfeld. War Kirche aber eigentlich nicht immer schon von Ehrenamtlichen geprägt?

Schießleder: Kirche war immer eine Ehrenamtlichenkirche und diese Fokussierung auf die angeblich jetzt bevorstehende Renaissance oder Neuauflage von Ehrenamtlichkeit - bedingt durch den wachsenden Priestermangel - ist die Engführung einer klerikalisierten Kirche. Es geht den Frauen im KDFB nicht darum, Lückenbüßer zur Aufrechterhaltung kirchlicher Strukturen von gestern zu sein, nicht darum, den status quo einer dahinscheidenden Volkskirche abzusichern. Es geht uns als verbandliche Gemeinschaft darum, dass Frauen den ihnen eigenen Platz in der Kirche und in der Gesellschaft finden. Sie sind die Hälfte der Bevölkerung. Mit ihren Charismen haben sie wesentlich mehr in die Kirche einzubringen als nur alte Strukturen aufrecht zu erhalten.

Gemeinde creativ: Was haben denn Frauen zu bieten, wenn man sie lässt?

Schießleder: Sie haben eine wesentlich größere Nähe zu lebenspraktischen Dingen als Männer. Das nutzt man in Seelsorge schon immer: Frauen sind die ersten Katechetinnen der Kinder; sie sind es, die die Beziehungsarbeit in den Familien und Nachbarschaften leisten; ihr Engagement in Freizeit und oft auch im Beruf macht Gott im diakonischen Bereich tagtäglich erlebbar für Kranke, Schwache und Leidende. Diese Arbeit muss in einer Pfarrei viel stärker anerkannt und gewürdigt werden. Das denke ich, ist wesentlicher für lebendiges Gemeindeleben als „nur“ die Aufrechterhaltung von bisherigen Organisationsformen. Es geht nicht darum, dass man die Frauen einsetzt, weil sie – noch – da sind, sondern dass Frauen sich dort einbringen, wo sie die Hälfte jener Gesellschaft sind, die sie auch gestalten dürfen.

Gemeinde creativ: Der KDFB setzt sich über die Kirche hinaus für die Anerkennung des Ehrenamts ein, auch in der gesamten Gesellschaft muss Ehrenamt mehr anerkannt werden.

Schießleder: Das ist klar, weil Kirche und Gesellschaft immer eng miteinander verflochten sind. Wir haben als katholische Frauen ein klares Wertebewusstsein, ein klares Wertetableau. Innerhalb dessen geht es uns um die Persönlichkeitsbildung der Frau und um Beteiligungsgerechtigkeit an politischen und gesellschaftlichen Strukturen. Diese Zukunftsaufgabe ist noch lange nicht gelöst. Gerade im Ehrenamt gibt es unverändert große Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

Gemeinde creativ: Ehrenamt arbeitet ohne Geld. Trotzdem fordert der Frauenbund auch eine ordentliche finanzielle Absicherung von Frauen. Wie geht das zusammen?

Schießleder: Es geht vor allen Dingen um existenzielle Absicherung. Nachdem sich das Familienbild grundlegend gewandelt hat und Frauen längst nicht mehr – selbst wenn sie gut verheiratet sind – über ihren Mann bis ins Alter abgesichert sind, ist das einfach eine Notwendigkeit aus diesen Veränderungen. Frauen müssen für ihre existenzielle Sicherheit selbst sorgen, unabhängig von ihrer familiären Situation. Damit können sie es sich auch nicht mehr leisten, sich nur ehrenamtlich zu engagieren, um im Alter dann festzustellen: Es wäre klüger gewesen, wenn ich beruflich gearbeitet hätte. Altersarmut ist weiblich!

Gemeinde creativ: Für Männer und Frauen wird es zunehmen schwieriger ehrenamtlich zu arbeiten eben wegen der notwendigen Existenzsicherung. Es beginnt bereits bei Schülern, die viel mehr Zeit in der Schule verbringen als noch vor 20 Jahren.

Schießleder: Dieses Problem trifft uns jetzt von allen Seiten. Flexibilität, Mobilität, Arbeitsverdichtung – in all diesen Zwängen ist einfach eine neue Kultur des Miteinanders notwendig. Auch die Wirtschaft hat Verantwortung für das gesellschaftliche Miteinander. Familien sorgen nicht nur für die Reproduktion der Gesellschaft. Sie erbringen wesentliche, gesellschaftlich notwendige Leistungen. Solange alle Familienmitglieder halbwegs funktionieren, wird darauf kaum geachtet. Die Leistung etwa, dass Kinder versorgt werden, gekleidet und erzogen, um beschulbar zu sein. Ebenso alle Generationenverantwortung dafür, dass Alte nicht vereinsamen und Pflege nicht zum Alptraum wird. Wir Frauen sind Anwalt dafür, dass Kirche und Gesellschaft diese meist isoliert betrachteten Mosaiksteinchen im gesellschaftlichen Gespräch wieder miteinander verknüpfen, ja, ihr Ineinandergreifen kultiviert wird. Der Wechsel des Familienbildes und damit notwendig eine völlig neue Rolle der Frauen haben ein Weltbild zu Fall gebracht. Hier ist ein ganz neues Denken notwendig, in der Familie und im Ehrenamt!

Gemeinde creativ: Neu gedacht wird in der Kirche über Gemeindeformen. Gemeinden werden zusammengeschlossen, zusammengefasst zu größeren Einheiten. Wie reagiert hier der Frauenbund als Verband darauf, der ja gerade in Bayern geprägt war durch Zweigvereine, die sehr an die Pfarrei gebunden sind?

Schießleder: Ursprünglich waren wir als KDFB nicht an die Pfarrei gebunden, sondern es wurden immer Stadtverbände, beispielsweise München oder Passau, gegründet. Erst später – mit der großen Menge an Frauen, die dem Frauenbund beigetreten sind – hat man sich dann verstärkt an der jeweiligen Pfarrei orientiert. Insofern ist es für uns nun relativ leicht, uns diesen neuen Pfarrstrukturen in den Zweigvereinen anzupassen. Dann wird zukünftig eben pfarrübergreifend gearbeitet. Dazu ist natürlich wichtig, dass wir uns zwar in diözesanen Strukturen organisieren, aber weit darüber hinaus denken. Wir sind ursprünglich als freier Verband gegründet, das heißt Pfarrei- und Diözesangrenzen haben für uns wenig Bedeutung, wenn es darum geht, Kirche zu gestalten.

Gemeinde creativ: Wenn wir von Mangel in der Kirche reden, reden wir nicht nur von Priestermangel, sondern auch oft von Gläubigenmangel. Inwiefern trifft das den Frauenbund?

Schießleder: Das ist eine sehr heikle Frage, weil ich persönlich nicht an den vielbeschworenen Mangel an Gläubigen glaube. Für mich besteht der Mangel eher darin, sich nicht der Kirche in dieser gerade bestehenden Form fraglos angliedern zu wollen. Ich erlebe gerade in der Berufsschule, gerade mit jüngeren Frauen, gerade in den Familien viel Glauben und viel Suchen. Die Kirche hat zwar viele Antworten im Angebot, aber nicht auf die Fragen, die diese Menschen tatsächlich bewegen. Und das glaube ich ist unser Kernproblem. Und hier tun wir uns als Verband wahrscheinlich leichter, auf Menschen zuzugehen und unkonventionelle Formen des Miteinanders zu entwickeln als eine etablierte Pfarrgemeinde. Dafür lassen sich auch junge Frauen gewinnen.

Gemeinde creativ: Ein intensives Miteinander erlebt haben Christen auch beim Katholikentag in Regensburg. Sie waren hier auch stark involviert. Ihr Resümee?

Schießleder: Es war ein Katholikentag, der in vielem Meilensteine gesetzt hat. Etwa im Miteinander der verschiedenen Ansätze zur Schwangerschaftskonfliktberatung, dahinter wird keiner mehr zurückgehen können. Die leidige Geschichte, welche Beratungsform jetzt noch katholisch ist oder nicht, hat damit ein Ende gefunden. Neue Dialogfähigkeit hat sich auch im Blick auf oft verdrängte Realitäten gezeigt: die Brisanz der Frauenfrage kann nicht mehr verleugnet werden, auch nicht das ernsthafte Ringen um eine adäquate Ehelehre und den Umgang damit beim Scheitern von Liebe. Unverändert heftig bedrängt, dass wir als Christen die ältesten Global Player sind, wir stehen in Verantwortung für Gerechtigkeit und Frieden in der Einen Welt. Mit der Frage nach zukunftsfähigen Gemeindeformen stellt sich auch die Ämterfrage neu, zumal ja auch der männliche Diakonat Änderungen erfahren hat. In Regensburg haben wir zu alledem zukunftsweisend diskutiert. Daran konkret weiter zu arbeiten ist nun unsere Aufgabe!

Das Interview führte Thomas Jablowsky