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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Schwerpunktthema 02/2014

Jugend heute

Spannung zwischen Freiheit und Unsicherheiten

„Die Jugend von heute liebt den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte.“ „Die Jugend von heute ist nett, intelligent – und sehr ambitioniert.“

Von Angelika Gabriel
Jugendpastoralinstitut Don Bosco, Benediktbeuern

Zwei Sichtweisen auf Jugend – welche kommt der Wahrheit näher? Das erste Zitat stammt von Sokrates und ist damit etwa 2400 Jahre alt, das zweite fasst die Ergebnisse der Studie „Jugend.Leben“ aus dem Jahr 2013 zusammen. Welcher Aussage man am ehesten zustimmt, wird von dem je persönlichen Blickwinkel abhängen, aus dem man die Jugendsituation betrachtet. Damit kann gleich zu Beginn festgehalten werden: Die Jugend gibt es nicht, gab es nie. Es gibt aber junge Menschen, die in einer bestimmten Gesellschaft aufwachsen und ihr Leben in die Hand nehmen möchten. Herausforderungen des Jugendalters sollten zeit- und gesellschaftsspezifisch wahrgenommen wer­den. Dazu kommen sich abzeichnende Tendenzen. Mit Bezug auf aktuelle Jugendstudien wird im Folgenden aufgezeigt, was junge Menschen heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Deutschland bewegt, was sie drängt, wo ihnen Möglichkeiten eröffnet und andere verwehrt werden.

Unter welchen Rahmenbedingungen wachsen Jugendliche heute auf? Ein erhellendes Denkmodell liefert der Münchener Sozialpsychologe Heiner Keupp, der sich in seiner Gesellschaftsanalyse dem Ansatz der „fluiden Gesellschaft“ anschließt, also einer Gesellschaft, die geprägt ist von Entgrenzung und Durchlässigkeit. Neben einer zunehmenden Individualisierung und Pluralisierung sind damit unter anderem auch die scheinbare Grenzenlosigkeit der globalisierten Netzwerkgesellschaft, die Notwendigkeit von Flexibilität und Mo­bilität sowie die Wertepluralität beschrieben. Die Lebenssituation von Jugendlichen ist heute demnach durch eine Spannung gekennzeichnet: Einerseits haben Jugendliche ein hohes Maß an Freiheit für die Gestaltung der eigenen individuellen Lebensweise. Andererseits werden diese Individualisierungschancen aber durch die Lockerung von sozialen und kulturellen Bindungen erkauft. „Der Weg in die moderne Gesellschaft ist, so gesehen, auch ein Weg in eine zunehmende soziale und kulturelle Ungewissheit, in moralische und wertemäßige Widersprüchlichkeit und in eine erhebliche Zukunftsunsicherheit. Erwachsenwerden ist ein Projekt, das in eine Welt hineinführt, die zunehmend unlesbar geworden ist“, so der Soziologe Heiner Keupp bei einem Vortrag.

In einer Welt, in der Grenzen in Fluss geraten und Feststehendes veränderbar wird, ist insbesondere für junge Menschen die Fähigkeit der „Egotaktik“, wie es die Shell-Jugendstudie von 2002 nennt, unverzichtbar, um sich angesichts der vielen möglichen Optionen zurechtzufinden und Perspektiven für das eigene Leben zu entwickeln. Vielen jungen Menschen gelingt aber genau dies nicht. Die 16. Shell Jugendstudie 2010 stellt fest, dass eine Lebenszufriedenheit in hohem Maß von der Herkunftsschicht abhängt. Aus der so genannten obersten Herkunftsschicht geben 84 % der befragten Jugendlichen an, mit ihrem Leben zufrieden oder sogar sehr zufrieden zu sein. Aus der so genannten untersten Herkunftsschicht sagen dies nur 40 %. Der großen Gruppe der zufriedenen, pragmatischen und zielstrebigen jungen Menschen, steht eine größer werdende Anzahl der abgehängten, perspektivlosen jungen Menschen oder, wie sie die Sinus-Lebensweltstudie nennt, die „Prekären“ gegenüber, die durch frühe biografische Brüche den Anschluss an die breite Masse scheinbar verloren haben.

Schule ist ein Vollzeitjob
Die schulische Bildung wird allerorten als Heilmittel gegen diese und andere Probleme propagiert. Doch sieht man genauer hin, so lässt sich feststellen, dass der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen signifikant vom Sozial- und Bildungsstatus der Eltern abhängt. Ein Großteil der Hauptschüler gibt selbst an, einen höheren Abschluss als die Hauptschule anzustreben, um die beruflichen Teilhabechancen zu erhöhen. Damit geht eine symbolische und faktische Abwertung des Hauptschulabschlusses einher.

Laut einer Studie von UNICEF Deutschland arbeiten Kinder und Jugendliche bereits im Schnitt 38,5 Stunden pro Woche in der Schule oder für sie und haben damit ähnliche Arbeitszeiten wie Erwachsene in Vollzeitjobs. Je älter die Kinder werden, desto höher wird der Zeitaufwand – so wird in den Klassen 9 bis 13 bereits eine 45-Stunden-Woche erreicht. Freizeitaktivitäten bleiben dahinter weit zurück. So folgt auf die Schule, „die mit der Familie verbrachte Zeit mit durchschnittlich 18 Stunden pro Woche. An dritter Stelle steht ‚Chillen‘ (Faulenzen, vor sich Hinträumen, Musik hören, Lesen, Basteln oder Malen) mit gut 15 Wochenstunden. Auf Platz vier kommen ‚Zocken und Fernsehen‘ mit fast 14 Stunden“, stellt die UNICEF-Studie fest. Erst danach reihen sich sportliche, musikalische und religiöse Aktivitäten in Vereinen und Verbänden ein. Neben diesen Zahlen, die darauf hindeuten, dass Kinder und Jugendliche immer weniger Freiräume zur kindlichen und jugendgemäßen Entwicklung, zum Sich-Erproben, Freundeskreise-Pflegen, einfach zum Jung-sein haben, erschrecken Berichte über die drastische Zunahme psychischer Probleme im Jugendalter. So zitiert Die Welt Zahlen des Statistischen Bundesamtes, nach denen „im Jahr 2000 knapp 50.000 aller 15- bis 20-­ Jäh­rigen wegen ‚Verhaltensstörungen‘ stationär behandelt wurden, 2008 waren es schon über 70.000 – ein Anstieg um mehr als 40 Prozent“. Zugleich warnen die Autoren vor einer Überdramatisierung, denn neben einem tatsächlichen Anstieg der Auffälligkeiten, führen verbesserte Diagnoseverfahren zu diesem enormen Zuwachs.

Die neuen Medien
Aus einer Parallelwelt im Netz hat sich längst eine übergreifende Real-Welt entwickelt. So besitzt laut der Studie „Jugend, Information, (Multi-) Media“ (JIM 2013) mittlerweile nahezu jeder deutsche Jugendliche ein Handy (99% der Mädchen, 94 % der Jungen) beziehungsweise Smartphone (72 % der Mädchen und Jungen). 89 % der Jugendlichen sind täglich oder mehrmals wöchentlich online. Die tägliche Internetnutzung hat sich nach dieser Studie in den Jahren seit 2006 nahezu verdoppelt. Dabei verschieben sich die Wege der Internetnutzung enorm in Richtung Smartphone (von 29 % in 2011 auf 73 % in 2013), was eine flexible sowie dauerhafte Online-Präsenz begünstigt. Am häufigsten wird das Internet für Kommunikation in Communities, Messenger, Chats und Ähnliches genutzt. Aber auch für schulische und andere, private Recherchezwecke wird das Medium verwendet. Auch für die neuen Medien bleibt am Ende also eine Ambivalenz zu konstatieren: einerseits gehört das Web 2.0 und andere Medien selbstverständlich zum Alltag junger Menschen und erleichtert diesen. Andererseits baut es einen enormen Druck auf, ständig erreichbar sein zu müssen.

Jugend und Glaube
Was glauben junge Menschen heute in Deutschland? Auch hier findet man so viele Antworten, wie man Menschen befragt oder Studien hinzuzieht. Während die Shell Jugendstudie aus dem Jahr 2010 Religiosität am Glauben an Gott festmacht und feststellt, dass dieser bei christlichen (unter anderem katholischen) Jugendlichen immer unwichtiger und bei Jugendli­chen anderer Religionen immer wi­chtiger wird, differenzieren andere Studien klarer. Glaube als Ausdruck der individuellen Sinnfindung ist jun­gen Menschen heute enorm wichtig, dabei wird nicht unbedingt eine Kirche oder Religionsgemeinschaft benötigt, sagt etwa Calmbach. Dazu ist die These der „fluiden Gesellschaft“ als Hintergrundfolie hilfreich: Wenn alles im Fluss ist, sucht der Mensch umso mehr nach Halt und Sinn. Gilt also für junge Menschen heute: Glaube ja, Kirche nein!? Wenn man die große Masse sieht, vermutlich ja. Die Zahlen an Kindern und Jugendlichen, die in Vereinen und Verbänden oder als Ministranten aktiv sind, zeigen jedoch eine andere Seite. Und dass knapp 10.000 junge Menschen sich innerhalb weniger Tage mobilisieren lassen, auf Fragen des Papstes – vom BDKJ auf Bundesebene 2013 als Online-Befragung gestartet – zu pastoralen Herausforderungen der Fa­milie im Kontext der Evangelisierung zu antworten, zeugt zumindest von keiner Gleichgültigkeit. Auch die Zahl von bayernweit mehr als 35.000 Aktiven in 775 Gruppen bei der bundesweiten 72-Stunden Sozialaktion des BDKJ „Uns schickt der Himmel“, im vergangenen Jahr zeigt, dass junge Menschen durchaus von kirchlichen Anbietern zu motivieren sind. Dies macht ebenso die letzte Leistungsstatistik der Landesstelle für Kat­ho­lische Jungendarbeit in Bayern deutlich: In Bayern leisten Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ehrenamtlich über 338.000 Stunden im Monat – allein auf der Ebene der Pfarreien.

Es bleibt also wieder festzuhalten: was für einen gilt, gilt nicht für alle. Am Ende bleibt die – vielleicht für manche ernüchternde, aber doch allzu menschliche – Feststellung: Wer etwas über junge Menschen heute, ihre Lebensfragen, ihre Sehnsüchte, Ängste oder etwas über ihren Glauben erfahren möchte, der muss mit ihnen ins Gespräch kommen. Dazu ermutigt uns auch die Äußerung von Papst Franziskus: „Die Jugend ist das Fenster, durch das die Zukunft in die Welt eintritt.“