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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Interview 02/2014

Früher war die Jugend politischer

Interview mit Weihbischof Bernhard Haßlberger

Dr. Bernhard Haßlberger ist Bischofsvikar der Seelsorgsregion Nord des Erbzistums München und Freising, wohnt in der alten Bischofsstadt Freising auf dem Domberg. Er wurde 1946 im oberbayerischen Ruhpolding als Sohn eines Waldfacharbeiters geboren. An der Universität München studierte er Philosophie und Theologie umd promovierte zum Doktor der Theologie. 1977 weihte ihn Kardinal Joseph Ratzinger, später Papst Benedikt XVI., im Freisinger Mariendom zum Priester. Nach Kaplansjahren in der Pfarrseelsorge wurde er Sugregens des Münchner Priesterseminars. leitet zugleich mehrere Jahre lang die mit der Werbung für geistliche Berufe beauftragte "Diözesanstelle Berufe der Kirche".

Die Freisinger Bischofskonferenz beauftragte ihn 1995 mit der katholischen Polizeiseelsorge in Bayern. Außerdem war er bis März 2014 Beauftragter der bayerischen Bischöfe für Jugendfragen. Daneben hat er Aufgaben im Bereich Liturgie und Kirchenmusik.



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Gemeinde creativ: Sie sind Jugendbischof. Wenn man Sie so anschaut und Ihr Alter schätzt, könnte man sich wundern?

Haßlberger: (lacht) Jugendbischof sagt man so, aber genau heißt es „Beauftragter der Bayerischen Bischofskonferenz für die Jugendverbände in Bayern“. So jugendlich bin ich tatsächlich nicht mehr, ich bin mittlerweile 67 Jahre alt, eher der Jugendopa. Darum wollen wir die Aufgabe in der nächsten oder übernächsten Bayerischen Bischofskonferenz in jüngere Hände legen, was sehr vernünftig ist.

Gemeinde creativ: Was sind bis dahin Ihre Aufgaben?

Haßlberger: Im Wesentlichen heißt dies, mit den Jugendverbänden Gespräche zu führen. Je nach Verband treffe ich mich einmal oder zwei Mal im Jahr, bei manchen reicht es auch alle zwei Jahre einmal. So halte ich die Verbindung von den Verbänden hin zur Bayerischen Bischofskonferenz, das heißt ich berichte bei jeder Bayerischen Bischofskonferenz auch über die Jugendverbände und von daher ist es das Scharnier zwischen den Verbänden und den Bayerischen Bischöfen. Früher gab es öfter mal ein Problem, dann hat der Beauftragte den Auftrag das wieder zu bereinigen, die Gespräche zu führen und zu schauen, dass es wieder in geordnete Bahnen geht. Es ist immer gelungen, aber seit einer ganzen Reihe von Jahren läuft das ganz gut.

Gemeinde creativ: Sie beobachten durch diese Kontakte die Jugendszene schon eine ganze Weile. Was nehmen Sie an Veränderung wahr?

Haßlberger: Früher waren die Jugendverbände sehr viel stärker politisch ausgerichtet. Das sind sie jetzt auch, das gehört ja auch zu ihrem Auftrag. Das Katholische, das Religiöse zu pflegen im Verband, heißt auch politisch tätig zu sein. Junge Leute sollen hingeführt werden zur politischen Tätigkeiten. Das muss nicht hohe Politik sein, sondern auch Kommunalpolitik, zum Beispiel am Land, wo es stärkere Ortsverbände der KLJB gibt. Die sind ganz engagiert in der Kommune. Früher war das stärker ausgeprägt. Das Politische spiel natürlich nach wie vor eine große Rolle, aber das Religiöse ist stärker in den Vordergrund gerückt, habe ich den Eindruck. Zum Beispiel beschäftigen sich die Jugendlichen sehr stark mit Liturgie. Die Frage was Liturgie heißt, kommt in die Gruppenstunden hinein, ein Verständnis für die kirchliche Liturgie, ein Wissen um die kirchliche Liturgie.

Gemeinde creativ: Aber ist das nicht eher die Minderheit, bezogen auf alle Jugendlichen insgesamt?

Haßlberger: Die Jugendverbände sind nach wie vor sehr stark, sie haben in der Mitgliederzahl in den letzten Jahren, Jahrzehnten so gut wie gar nicht nachgelassen, was schon erstaunlich ist. Vom demographischen Faktor würde man das natürlicherweise erwarten, aber sie sind nach wie vor sehr stark. Zum Beispiel hat die KLJB auf Bayernebene 26 000 Mitglieder.

Gemeinde creativ: Trotzdem beschäftigt viele Pfarrgemeinderäte, wie sie in den Pfarreien weiterhin die Jugend erreichen können.

Haßlberger: Ja, also das höre ich immer wieder, wenn ich mit Pfarrgemeinderäten ins Gespräch komme. Bei Visitationen taucht immer das Thema Jugend auf. Auf der einen Seite freut es mich, dass es noch wahrgenommen wird, wie wichtig in der Gemeinde auch junge Leute sind. Aber manchmal bin ich auch ein bisschen unglücklich, weil die Motive oft den jungen Leuten nicht gerecht werden. Da geht es aus Sicht der Erwachsenen in erster Linie um den Sonntagsgottesdienst, die Jungen sind nicht da. Dabei nehmen sie oft gar nicht wahr, dass sie viele Ministranten haben und oft noch ein oder zwei Jugendchöre. Ich mach dann darauf aufmerksam und sage: Schaut doch mal die an, die ihr habt; pflegt und wertschätzt diese Jugendlichen.

Gemeinde creativ: Wie kann das gelingen, diese Wertschätzung?

Haßlberger: Es gelingt nicht, wenn Pfarrgemeinderäte und Kirchenverwaltungen möchten, dass die jungen Leute es genauso machen wie sie auch, also dasselbe Gemeindeverständnis haben und Gemeinde bilden wie sie auch. Das ist aber nicht mehr bei allen Jugendlichen so. Es gelingt dort, wo die jungen Leute in der Pfarrei einen Freiraum haben. Wo sie auch selbstständig, in eigener Verantwortung etwas machen können, schon im Rahmen der Pfarrei, aber in eigener Regie mit ihren eigenen Ideen. Aber hier sind wir noch nicht soweit. In unseren Gemeinden ist das Gemeindebild nach dem II. Vatikanum, wo alles auf die Gemeinde zugespitzt ist, noch sehr stark und sehr ausgeprägt. In der Zukunft wird das so nicht mehr gehen. Es gibt viele Zwischenräume und hier muss man den jungen Leuten auch ihren Raum lassen.

Gemeinde creativ: Im direkten Kontakt mit Jugendlichen sind Sie bei Firmungen.

Haßlberger: Ja, es gibt auch so verschiedene Möglichkeiten wo man sich trifft, aber am meisten bei Firmungen, da sind sie zwischen 13 und 15 Jahre alt.

Gemeinde creativ: Wie ist Ihr Eindruck von der jetzigen Generation der Firmlinge? Es gibt kritische Stimmen, was zum Beispiel die Firmvorbereitung betrifft oder auch die Art und Weise der Einladung zur Firmung.

Haßlberger: Im städtischen Bereich bröckelt es ein bisschen ab, aber noch ein sehr hoher Prozentsatz lässt sich firmen. Am Land draußen sind es fast 100 Prozent. Ich denke mir immer, das ist auch eine Chance. Wir, unsere Gemeinden, gehen ein Stück des Weges mit den jungen Leuten. Dann gehen sie ihrer Wege. Manche bleiben auch, das sind aber die Wenigsten.

Gemeinde creativ: Sollten das nicht mehr werden?

Haßlberger: Das ist eine Frage der Zeit und der Kraft, die eine Gemeinde hat. Man könnte nach der Erstkommunion verstärkt Angebote machen, um die Jugendlichen bis hin zur Firmung zu begleiten. In vielen Pfarreien werden die Erstkommunion-Kinder als Ministranten geworben, die dann bleiben. Die Art und Weise der katechetischen Begleitung wäre in mancher Hinsicht noch ausbaufähig. Andererseits passiert in den Pfarreien unendlich viel. Hier muss man ein bisschen vorsichtig sein mit solchen Forderungen.

Gemeinde creativ: Dürfte die direkte Firmvorbereitung nicht einen höheren Anspruch an die Jugendlichen stellen?

Haßlberger: Den hat sie durchaus. Die normale Firmvorbereitung muss zunächst davon ausgehen, was die Mehrheit der Firmlinge verkraften kann. Es gibt eine ganze Reihe von Pfarreien, die deshalb zweigleisig fahren. Sie bieten eine übliche Firmvorbereitung an, für die, denen dies genügt, und dann auch Formen der intensiveren Vorbereitung. Aber hierzu muss man die Zeit und die Ressourcen haben. Die Formen der Firmvorbereitung sind stark im Fluss. Fast jede Pfarrei hat ihr eigenes Modell, je nach den eigenen Möglichkeiten, nach den Bedürfnissen der jungen Leute. Hier merkt man, dass die Pfarreien spüren, wie man es bisher gemacht hat, ist es nicht mehr das Wahre. Das zündende Neue hat man aber auch oft noch nicht, es ist wahrscheinlich auch schwierig. Hierfür wird schon sehr viel an Zeit und Kraft investiert in unseren Gemeinden.

Gemeinde creativ: In der Kirche wird im Moment sehr aktuell das Thema „Ehe und Familie“ diskutiert. Gehört Ehevorbereitung nicht auch schon in die Jugendarbeit hinein?

Haßlberger: Ja, das war ganz früher so. Es ist – habe ich den Eindruck – in der Vergangenheit ein bisschen eingeschlafen. Viele Verantwortliche in der Jugendarbeit haben davon ihre Finger gelassen, weil man dann ja auch mit jungen Leuten über Sexualmoral ins Gespräch kommen muss. Und das war in der Vergangenheit, in den letzten Jahrzehnten, ein sehr heikles Thema. Ich kann mich noch gut erinnern – ich glaube es war 1999 – wollten wir in der Jugendkommission einen Brief herausgeben, einen Brief zur Sexualmoral, für unsere Jugendseelsorgerinnen und –seelsorger und die Verantwortlichen in der Jugendarbeit. Das war mühsam, bis wir in der Bischofskonferenz einen Kompromiss gefunden haben. Über vieles durften wir ja gar nicht reden. Das hat sich jetzt mit Papst Franziskus, wie es scheint, geändert, auch mit dieser Umfrage. So wird es auch von Seiten der Jugendseelsorger wieder leichter möglich darüber zu reden.

Gemeinde creativ: Über die Sexualmoral hinaus ist es ja auch die Frage der Treue, der Verbindlichkeit, der Bindungsfähigkeit.

Haßlberger: Von Umfragen und Untersuchungen her ist das traditionelle Familienbild, das die Kirche pflegt, eigentlich hochmodern. In den Umfragen spielt Treue zu 80 Prozent eine große Rolle. Und die lebenslange Ehe hat einen hohen Stellenwert. Die Frage ist, was tatsächlich dann im Leben erreichbar ist. Hier scheiden sich dann die Wege zwischen Ideal und Wirklichkeit. Es gelingt ja oft, das darf man nicht übersehen, aber es gibt natürlich auch das Scheitern. Ich glaube, wenn etwas scheitert, es hat natürlich schon verschiedene Gründe. Das muss man ehrlicherweise sagen. Man kann nicht nur sagen, dass es die Unfähigkeit zur Treue ist.

Gemeinde creativ: Welche Gründe sehen Sie noch?

Haßlberger: Wenn vor 100 Jahren ein Ehepaar „Ja“ zueinander gesagt hat, dann war das statistisch gesehen für 10 Jahre. Statistisch! Das heißt, manche Ehe war kürzer, durch Tod geschieden und manche waren länger. Heute ist das ganz anders. Wenn ein Ehepaar 40 Jahre verheiratet ist, sind die Kinder aus dem Haus. Das ist eine ganz neue Situation, die nicht immer gelingt. Dann muss man auch sagen, dass es früher gar keine Möglichkeit gab, sich scheiden zu lassen, rein wirtschaftlich schon nicht. Heute geht es. Ob es dann wirklich so geht, ist nochmal eine andere Frage, aber prinzipiell ist das möglich. Früher lagen die Schwierigkeiten der Eheleute ganz woanders, leicht war es nie, heute sind sie aber anders gelagert.

Gemeinde creativ: Wenn Scheitern wahrscheinlicher ist, muss dann die Kirche darauf nicht reagieren?

Haßlberger: Ja, wir müssen als Kirche den Scheiternden zur Seite stehen. Nicht dass wir sagen, Scheitern gibt es bei uns nicht - natürlich gibt es das. Wie wir mit Scheitern umgehen, müssen wir in der Kirche lernen. Allerdings haben wir in der Kirche viele Einrichtungen, Beratungsstellen, aber auch Seelsorger in den Gemeinden, die mit den Scheiternden schon lange zusammenkommen.

Gemeinde creativ: Wenn man heute Mitarbeiter in der Kirche fragt, egal in welcher Berufsgruppe, hört man überwiegend die Aussage: Ich bin geprägt von der Jugendarbeit, dadurch zur Kirche gekommen und dadurch auch zum kirchlichen Beruf. Wie gewinnen wir in Zukunft Mitarbeiter, wenn es mit kirchlicher Jugendarbeit immer schwieriger wird?

Haßlberger: Es kommen noch eine ganze Reihe Seelsorgerinnen und Seelsorger aus dem Bereich der Jugendarbeit, aber auch eine ganze Reihe Quereinsteiger, die weder Jugendarbeit noch im Vollsinn Gemeinde erlebt haben. Das ist natürlich nicht ganz so einfach. Was andere mit der Muttermilch aufgesogen und erfahren haben, haben die halt nicht. Von daher muss man die Ausbildung neu orientieren. Aber man hat es ja nicht in der Hand, Gott beruft wie er will und wen er will. Wir werden ein bisschen andere Wege versuchen müssen, Menschen zu gewinnen. Hier ist auch das Personalressort dabei, Neues zu entwickeln. Einfach wird es nicht sein, denn hier spielt der demographische Faktor eine große Rolle. Je weniger junge Leute es gibt und je weniger kirchlich eine Gesellschaft ist, umso weniger Berufungen gibt es. Damit wird man rein menschlich gesehen rechnen müssen. Gott hat aber noch immer ein paar Möglichkeiten mehr. Das Interview führte Thomas Jablowsky