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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Schwerpunktthema 01/2016

Zwischen Aufbruch und leeren Kirchenbänken

Landleben verändert sich. Das muss nicht immer schlecht sein – Momentaufnahmen von gestern und heute

Von Stephan Mokry
Kirchenhistoriker

Auf dem Land zu leben wird immer gefährlicher – wenn man aktuellen Studien glauben darf. Ganze Regionen leiden darunter, dass mehrheitlich die junge Bevölkerung in die Ballungsräume zieht. Die Folge ist: sogenannte strukturschwache Regionen verlieren Einwohner. Die Kaufkraft sinkt, was sich negativ auf die lokale Wirtschaft auswirkt – keine Arbeitsplätze, keine Investitionen, kein Zuzug. Eine Abwärtsspirale. Am Ende fehlt es an Geschäften, Ärzten und vielem mehr. In manchem Szenario steigt paradoxerweise das Risiko, durch einen Verkehrsunfall zu sterben, erheblich: es fahren so wenige Autos, dass es zu lange dauert, bis man im Unfallwagen entdeckt wird. Die im Juli 2015 vorgestellten Ergebnisse eines Forschungsprojekts der Bertelsmann-Stiftung lassen diese Entwicklung unter anderem im Nordosten Bayerns wahrscheinlich sein. Die Landkarte zeigt für weite Teile Frankens dunkelrot, das heißt, einen massiven Bevölkerungsrückgang, während der Süden starken Bevölkerungszuwachs verbuchen kann.

Dabei erweist sich das weit ausgreifende Einzugsgebiet München als verheißenes Land. Aus historischer Sicht sind die skizzierten Vorgänge einer solchen Bevölkerungsverschiebung nicht neu. Die aufstrebenden Industrien in den Städten des 19. Jahrhunderts zogen die Menschen vom Land ab, es entstanden an Slums erinnernde Vorstädte, wie etwa die Herbergsviertel in der Münchener Au.

Aus kirchlicher Sicht haben diese Entwicklungen Folgen für Pastoral und Glaubensleben. Bislang erweist sich der ländliche Katholizismus zwar allen gesellschaftlichen Wandlungen zum Trotz insgesamt als feste Größe und Personalreservoir. Allein wenn man die Vorstellungsporträts der neu ausgesandten Gemeinde und Pastoralassistenten, der ständigen Diakone und der Neupriester aus den letzten Jahren für das Erzbistum München und Freising vergleicht, fällt dieser Umstand überproportional auf. Die wenigsten kommen aus München. Was aber, wenn sich das Land verändert?

Und das tut es: Kleine Dörfer wachsen rasant, Neubaugebiete umgeben alte Ortskerne, das Leben wird „anonymer“, Orte im Einzugsbereich urbaner Zentren entwickeln sich zu Schlafstätten. Und auch die Landwirtschaft wandelt sich massiv: hin zum Nebenerwerb oder sogar zum Hofsterben, umgekehrt zur professionellen Massentierhaltung. Der bäuerliche Jahreskreis, der sich so kongenial mit dem kirchlichen Festkreis verbindet, verliert an Deutungs- und Prägekraft, droht bisweilen vollends Folklore zu werden.

Die Seelsorgsberichte der Erzdiözese München und Freising aus der Zeit zwischen 1945 und 1968 demonstrieren den Beginn dieser Prozesse exemplarisch: Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Bevölkerung durch Vertriebene und Flüchtlinge zu, dann stieg der Wohlstand, mit ihm die weltlich-säkulare Orientierung. Auffällig oft bemerken die Pfarrer, dass es mit der Frömmigkeit nicht weit her sei, die Männer üblicherweise nur zum Wandlungsteil der Messfeier in der Kirche erschienen.

Heute dürfte über kurz oder lang die Frage beschäftigen, wie es sich auswirkt, wenn – zusätzlich zur all- gemeinen Säkularisierung – immer mehr religiös indifferente Menschen zuziehen. Die extreme Situation in Ostdeutschland (rund 60-75% Konfessionslose) wird stetig, wenngleich noch milder, im Westen Realität.

Die fortschreitende Säkularisierung der Lebenswelten hat auch Auswirkungen auf dem Land. Schon Kardinal Julius Döpfner meinte 1965 in einem Vortrag zum Katholizismus in Deutschland, das Traditionschristentum auf dem Land sei deshalb in Gefahr, „in bloßer Konvention zu erschlaffen.“ Und in seinem Bischofswort an die Seelsorger im ländlichen Bereich von 1973 stellte er die „wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umschichtungsprozesse“, die „berufliche Umschichtung“ und das „Leben in mehreren Milieus“ heraus, wodurch sich althergebrachte Lebensformen auf dem Land teilweise tiefgreifend veränderten.

SCHLUMMERNDE POTENTIALE WECKEN

All diese Entwicklungen gilt es zunächst einfach nur wahrzunehmen. Sie sind per se nichts Schlechtes. Ganz im Sinne der Konzilseröffnungsrede Johannes‘ XXIII. ist vor voreiligen Unheilspropheten zu warnen. Natürlich wird es schmerzliche Abschiede von Gewohntem geben. Wer an der Gründung großer Pfarrverbände mitbeteiligt ist, kann ein Lied davon singen. Es wird Zumutungen geben. Aber auch viele Chancen.

Dabei ist nicht nur an die verstärkte Laienbeteiligung zu denken. Blickt man mit einem Auge in die Geschichte, so gewinnen hier schlummernde Lösungsoptionen an Kontur. Vielerorts prägen großartige Stiftskirchen die Landschaften. Sie waren spirituell- pastorale Leuchttürme. Angesichts des Priestermangels könnten die noch verbleibenden Geistlichen an solchen von Aura gesättigten Orten konzentriert werden. Solche Gemeinschaften könnten durch ein bewusst gepflegtes geistliches Gemeinschaftsleben weit ausstrahlen, zugleich wären sie Personalpool, aus dem für die großräumigen pastoralen Strukturen geschöpft werden könnte. Wer hier weite Wege beklagt, der sei auf die Pfarrbeschreibungen der Diözese Freising von 1817 verwiesen – die Pfarrer wünschten sich stets kräftige und gesunde Kapläne, damit diese die äußerst beschwerlichen und langen Wege in die Filialkirchen bewältigen konnten. Heute hilft natürlich das Auto, um den jahrhundertelangen pastoralen Versorgungsnormalfall, der wieder aktuell wird, leichter zu schultern.

EINFACH MAL UNKONVENTIONELL DENKEN

Oder man geht noch offensiver die Ideen von Wohngemeinschaften aus Priestern und Laienseelsorgern und deren Familien an. Vielleicht ist auch mutig ein missionarischer Impuls zu stärken, der aus der Not eine Tugend macht: Wenn im Süden die Bevölkerung zunimmt, sich dadurch auch das Immobilienangebot reduziert und Wohnraum Luxus wird – aber umgekehrt in Nordbayern Häuser leer stehen, Regionen wirtschaftlich darben –, warum nicht jungen Familien, im Rahmen kirchlich koordinierter Programme den benötigten Wohnraum verschaffen, verbunden mit wirtschaftlichen Maßnahmen vor Ort? So ließe sich die nötige Infrastruktur in Dörfern aufrechterhalten oder erneuern. Das wäre in der Tradition der großen Mönchsgemeinschaften, die Land urbar machten und mit ihrer Wirtschaft ganze Siedlungen belebten. Kirche würde sich damit in der heutigen Zeit nah am Leben und den Sorgen der Menschen zeigen und ein Stück Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Und wenn über kurz oder lang im Süden Dörfer zu kleinen Städten werden – warum nicht Modelle der City-Pastoral anpassen und ausprobieren?

Gleichwohl könnte man auch die früheren Bruderschaften mit neuem Leben füllen, die relativ selbständig religiös-liturgisches und caritatives Leben vor Ort pflegten und oftmals nur wiederbelebt werden bräuchten. Es sind – zugegeben – unkonventionelle Gedanken. Doch es wird die anfangs unkonventionellen Lösungen und den langen Atem brauchen, ganz im Sinne von Papst Franziskus‘ Ansprache beim Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe Ende 2015 in Rom. Denn es gilt aufzubrechen, nicht nur wegen, sondern trotz der sich leerenden Kirchenbänke.