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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Meditation 01/2016

Gott ist größer als unser Herz

Von Maria Rehaber-Graf

Das Jahr hat vor Weihnachten begonnen! – Ich meine nicht das Jahr 2016. Das haben wir am 1. Januar begrüßt. Ich meine das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“, das Papst Franziskus am 8. Dezember in Rom eröffnet hat. – Was hat er sich wohl dabei gedacht? Barmherzigkeit – das ist ein Wort, das im Alltag kaum vorkommt. Vielleicht sagt mal jemand aus der älteren Generation über einen Mitmenschen, dem es schlecht geht: „der derbarmt mia“. Oder der FC Bayern zeigt wieder einmal „kein Erbarmen“ mit seinen Gegnern.

Eher begegnet mir „Barmherzigkeit“ in Kirchenliedern: „Barmherzig, geduldig und gnädig ist er“, summe ich vor mich hin. Darin klingen Psalmworte aus dem Alten Testament mit, die das Erbarmen und die Gnade Gottes besingen. Aber was hat das mit mir, mit meinem Leben heute zu tun? Papst Franziskus beantwortet die Frage, wozu er ein Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen hat, so: „Ganz einfach, weil die Kirche in dieser Zeit großer epochaler Veränderungen gerufen ist, die Zeichen der Gegenwart und Nähe Gottes vermehrt anzubieten. […] Dies ist die Zeit, […] auf das Wesentliche zu schauen.“ Das Wesentliche für ihn ist: von Jesus berührt und von seiner Barmherzigkeit verwandelt werden, um selbst Zeuge der Barmherzigkeit zu werden.

Ich möchte Sie einladen, dem ein wenig nachzuspüren.

Auf der Suche nach dem barmherzigen Jesus werde ich im Matthäusevangelium fündig: „Als er, Jesus, die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft.“ (Mt 9,36) Jesus hat einen Blick für bedürftige Menschen. Er lässt sich anrühren, und in der Kraft mitfühlender Liebe heilt er Kranke und gibt hungrigen Menschen, was sie brauchen. Was Jesus in diesen Situationen bewegte, war – nach Papst Franziskus – „nichts anderes als die Barmherzigkeit, mit deren Hilfe er im Herzen seiner Gegenüber zu lesen verstand und die es ihm erlaubte, ihrem wahrhaftigsten Bedürfnis zu entsprechen.“

Zurück zu mir: müde und erschöpft wie die Menschen, die Jesus damals gesehen hat – ja, so fühle ich mich oft, da geht es mir wie vielen unserer Zeitgenossen. Da ist relativ klar, was ich mir wünsche: Zeit zum Ausruhen, vielleicht einen Lebensrhythmus, der mehr meinen Kräften entspricht. Das wäre schon viel. Was aber ist mein tiefster Wunsch? Wonach sehne ich mich im Grunde meines Herzens?

Wenn ich es wage, dieser Frage nachzugehen, begebe ich mich auf unsicheres Terrain. Ich nehme mich als bedürftigen Menschen wahr. Als einen Menschen, der sich nicht selber alles geben kann. Der nicht selber alles in der Hand hat. Das ist ungewohnt und fällt mir schwer. Könnte ich es zulassen, dass Jesus mich so sieht? Dass er in meinem Herzen zu lesen versteht, was mein tiefstes Bedürfnis ist? Könnte ich es zulassen, dass er mir barmherzig begegnet?

Möglich wäre das nur in einem großen Vertrauen. Und Vertrauen ist wie ein Baum, der langsam wächst. Oder wie ein Weg, der im Gehen entsteht. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre wohl, mir selbst barmherzig zu begegnen. Dann müsste ich mich nicht mehr selber perfektionieren. Ich dürfte Fehler machen und könnte frei heraus gestehen, dass ich nicht alles im Griff habe, auch mich selber nicht. Welche Erleichterung! Ich müsste mich nicht mehr tausendfach entschuldigen und rechtfertigen. Ich wüsste: ich brauche das Erbarmen und manchmal auch das Verzeihen von anderen und von Gott. Ich dürfte die Erfahrung machen, dass ich in allem angenommen und geliebt bin.

Ich habe nur ein Herz, um zu lieben. Wenn ich mit mir selber ein wenig barmherziger bin, gestehe ich den Menschen in meiner Umgebung eher zu, dass auch sie nicht perfekt sind. Und ich kann Menschen in ihrer Bedürftigkeit ein wenig mehr an mich heranlassen. Wie viele Menschen haben sich von der Not der Flüchtlinge herausfordern lassen zu beherztem Handeln! Und haben zugelassen, dass ihr Herz größer und ihr Horizont weiter wird dabei!

Jede und jeder hat nur ein Herz, um zu lieben. Gott, der immer größer ist, lädt uns ein, unsere Herzen zu weiten und „Zeuginnen und Zeugen der Barmherzigkeit“ zu sein.