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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Interview 01/2016

Das Hamsterrad anhalten

In vielen Landgemeinden macht sich Resignation breit. Klein beigeben ist für Claudia Pfrang aber der falsche Weg. Sie wünscht sich mutige Pfarrgemeinden, die mal etwas wagen, auch wenn es unkonventionell ist.

Dr. Claudia Pfrang, geboren 1965, ist seit 2009 Geschäftsführerin des Kreisbildungswerkes in Ebersberg. Im Frühjahr wird sie eine neue Stelle als Direktorin der Stiftung Bildungszentrum der Erzdiözese München und Freising antreten. Sie wird künftig für das Programm im Kardinal- Döpfner-Haus und für weitere Bildungsangebote im Erzbistum zuständig sein. In den vergangenen Jahren hat sich die promovierte Theologin durch ihre Beiträge zu verschiedenen pastoralen Themen einen Namen gemacht. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt dabei im Bereich „Landpastoral“. Man kann den ländlichen Raum und seine Pfarrgemeinden nicht über einen Kamm scheren, sagt sie und fordert die Ehrenamtlichen auf, mutig in die Zukunft zu blicken und den Jahreskalender zu entrümpeln, um Zeit und Raum für Neues zu haben. .


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Gemeinde creativ: Wie steht es um die Pfarrgemeinden auf dem Land?

Claudia Pfrang: Die Situation der Pfarrgemeinden auf dem Land ist so unterschiedlich wie der ländliche Raum selbst. Unterfranken, der ländliche Raum, aus dem ich komme, ist ein ganz anderer, als der, wo ich jetzt lebe, das ländliche Oberbayern. Viele Münchner, die zu uns nach Ebersberg kommen, empfinden das als ländlich. Für mich als Unterfränkin würde ich das nicht unbedingt so sagen.

Ist von der Aufbruchsstimmung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil noch etwas übrig?

Von der Aufbruchsstimmung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil spüre ich nur noch wenig. Ich erlebe vielmehr, dass die Menschen enttäuscht sind. In vielen Pfarreien ist eine resignative Stimmung eingekehrt. Da ist zum Beispiel der innere Auszug aus der Kirche. Ich erlebe es immer wieder, dass gerade hochmotivierte Menschen, die voller Elan begonnen haben, sich bald wieder aus der Gemeindearbeit zurückziehen, weil sie an verschiedene Grenzen stoßen: die Strukturen der Kirche, die Veränderung des eigenen Umfelds auf dem Land. Sie geben auf, weil sie das Gefühl haben, nichts bewirken zu können. Viele von ihnen sehen wir leider nicht einmal mehr in den Kirchenbänken. Sie haben sich spirituell anders orientiert, weil sie Kirche als festgefahren und eingeengt erlebt haben. Hier geht viel Potential verloren. Die andere Resignation hat mit einer Art Binnenkultur zu tun, nach dem Motto: „Die kommen ja sowieso nicht, egal was wir tun.“ Man könnte es als Rückzug in den innersten Kern der eigenen Gemeinde beschreiben. Das macht es für Menschen von außen schwer, einen Zugang zu finden, viele Milieus und Gruppen werden nicht mehr erreicht. Die Pfarrgemeinde wird dann geprägt von denen, die zum Kern gehören, für die draußen wirkt das, wie eine abgeschlossene Welt.

Veränderungen in Kirche und Pfarrgemeinden hat es immer wieder gegeben, was aber unterscheidet die aktuelle Situation von früheren?

Viele Experten vergleichen den Wendepunkt, an dem wir nun stehen, mit der Bedeutung der Konstantinischen Wende. Es gibt so viele Megatrends, die das Leben der Menschen fundamental verändern oder schon verändert haben: Individualisierung, Globalisierung Digitalisierung, Klimawandel, demografischer Wandel. Da können wir als Kirche nicht einfach weitermachen, wie bisher. Wir können diesen grundlegend neuen Herausforderungen nicht mit „alten Lösungen“ begegnen. So müssen wir Kirche in Zukunft anders als nur in der Zusammenlegung von Pfarrverbänden denken, sondern vielleicht vielmehr als Netzwerk. Wir wissen, dass die Personalpläne für die kommenden Jahre jetzt schon überholt sind, was die pastoralen Berufe betrifft. Das heißt, wir müssen völlig neu Kirche denken. Das macht auch den besonderen Reiz der heutigen Situation aus. Denn, wir können Kirche gestalten.

Vor welchen konkreten Problemen stehen die Landpfarreien?

Sie müssen die Vielfalt, die im ländlichen Raum durch Zuwanderung und Zuzug entstanden ist, in den Blick nehmen; heute lebt der Maschinenbauingenieur ganz selbstverständlich neben dem Handwerker, das führt zu einer bunten Mischung in unseren Dörfern. Damit kommen Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen, Bildungsniveaus und persönlichen Hintergründen zusammen. Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es auch Menschen gibt. Die einen finden ihren Zugang über die Musik. Neben dem Bibelkreis muss also auch eine Meditation mit Lichtinstallation gleichberechtigt stehen können. Wir müssen offen sein. Ich sage immer, wir brauchen neue „Andockpunkte“ für die Menschen. Viel zu oft wird der Fokus auf den Gottesdienst vor Ort gelegt. Werden Pfarreien zu einem Pfarrverband zusammengeschlossen und wird an der Gottesdienstord- nung etwas verändert, haben viele das Gefühl, es werde ihnen etwas ganz Entscheidendes weggenommen. Eine lebendige Pfarrgemeinde besteht aber doch aus so viel mehr als nur der Eucharistiefeier – auch wenn diese natürlich wichtig ist.

Welche Bereiche sind das konkret?

Nehmen wir doch den Umweltbereich, da gibt es wirklich viele Punkte, an denen Menschen „andocken“ können, und dieses Thema ist gegenwärtiger denn je. Ein anderer Bereich sind die Kindergärten und Bildungsangebote und ganz aktuell natürlich die Flüchtlinge. Hier haben wir überall die große Chance, dass Menschen einen Zugang bekommen, die der Kirche bisher fern standen. Diese Chance müssen wir nutzen. Und zu akzeptieren, dass sich Dinge verändert haben, führt weg von der Jammerei, dass früher alles besser gewesen sein soll. Ich habe in Pastoralprozessen Fragebögen ausgeteilt. Eine Frage war: „Was würde ohne die Pfarrei fehlen?“ Das Ergebnis ist erstaunlich. Diejenigen, die zur Kerngemein- de zählen, sagen, der Gottesdienst würde fehlen. Diejenigen, die außerhalb dieses Kreises stehen, geben andere Punkte an: Die Feiern an den Lebenswenden, wie Taufe, Hochzeit, Erstkommunion, Beerdigung und ganz oft wurden die Kindertagesstätten genannt. Ich glaube, dass es für die Zukunft der Kirche unabdingbar sein wird, die Zentrierung auf Liturgie und Eucharistie aufzugeben und andere Bereiche verstärkt mit in den Blick zu nehmen. Kirche muss für die Menschen da sein, an den Lebenswenden und wann immer die Menschen sie brauchen. Der Pastoraltheologe Herbert Haslinger hat ein tolles Buch geschrieben, „Lebensort für alle. Gemeinde neu verstehen“. Lesen Sie dieses Buch und sprechen Sie in Ihrer Gemeinde darüber!

Priester klagen über zu viel Verwaltungsaufwand. Nun will das Erzbistum München und Freising Verwalter einstellen. Was sagen Sie dazu?

Ich halte diese Idee für sehr sinnvoll und in die Zukunft gedacht. In der Erzdiözese Köln hat man es schon probiert. Das, was ich von meinem Besuch dort mitnehme, ist: Es wird nur funktionieren, wenn es wirklich Verwaltungsleiter sind, die auch Leitung übernehmen, also nicht eine Sekretärin, sondern jemand, der das nötige Know-how in der Personalführung und in der betriebswirtschaftlichen Führung hat. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele unserer Pfarreien inzwischen mit mittelständischen Unternehmen vergleichbar sind. Und es wird nur gelingen, wenn ein Dialog auf Augenhöhe möglich ist. Kommunikation ist auch hier der Schlüssel zum Erfolg.

Oft ist die Rede davon, Kirche müsste diesen neuen Entwicklungen kreativer begegnen. Wie könnten solche kreativen Lösungen aussehen?

Auch hier gilt: pauschale Lösungen, die für alle passen, die gibt es nicht. Diese vielgefragten kreativen Lösungen entstehen vor Ort, oft braucht es einen langen Diskussionsprozess dazu. Deswegen finde ich es gut, dass die Erzdiözese München und Freising einen Fonds ausgelobt hat, mit dem sie innovative Projekte fördern will. Vor einigen Jahren haben wir im Bildungsbereich erlebt, dass eine solche finanzielle Unterstützung einen wahren Innovationsschub ausgelöst hat. Das würde ich mir hier auch wünschen. Zwei Ideen, die mir persönlich sehr gut gefallen, möchte ich herausgreifen. Im Pfarrverband Anzing-Forstinning will man eine lange Nacht der Kirchen veranstalten. Das ist ein solcher „Andockpunkt“. Zum einen stärkt es das Zusammengehörigkeitsgefühl im Pfarrverband, zum anderen kann man so Menschen einbinden, die vorher noch nicht involviert waren. Und: Menschen können Kirche auf dem Land mal ganz anders erleben, kommen und gehen, wann sie wollen. Eine andere Pfarrei war lange auf der Suche nach einem Angebot, das Alt und Jung verbindet. Jetzt kamen sie auf die Idee Kirtanudeln zu backen und dazu junge Leute einzuladen. Kaum eine junge Mutter kann das heute noch, die älteren wissen aber noch ganz genau, wie es geht, können es aber vielleicht kräftemäßig nicht mehr bewerkstelligen. So kann man sich gegenseitig helfen und von den Fähigkeiten des anderen profitieren. Der erste Versuch zu Kirchweih war jedenfalls ein voller Erfolg!

Für solche Projekte brauchen die Ehrenamtlichen aber auch den nötigen Freiraum …

Das stimmt natürlich, ohne gestalterischen Freiraum geht es nicht. Aber sie brauchen noch eines: Mut. Mut, das Hamsterrad auch einmal anzuhalten. Wir müssen raus aus diesem immer gleichen Trott des Jahreslaufes, wir dürfen uns in Pfarrgemeinden nicht nur von Feierlichkeit zu Feierlichkeit hangeln. Das bindet Ressourcen, zeitlich wie personell, und verstellt den Blick auf andere Aufgaben. Vieles, was über Jahre gut gelaufen ist, ist vielleicht überholt, es zieht die Menschen nicht mehr an. Dann muss man auch einmal den Mut haben, es aufzugeben. Auch das schafft Freiraum; zeitlichen Freiraum, in dem man etwas Neues ausprobieren kann. Und auch hier ist Mut gefragt. Man kann doch durchaus einfach mal etwas ausprobieren. Wenn es nicht ankommt oder nicht klappt, dann kann man es auch wieder lassen. Man verliert nichts dabei. Ich kenne einen Pfarrer, der sagt zu seinen Mitarbeitern: „Zehn Prozent müssen frei sein für Dinge, die ihr noch nie gemacht habt.“

Das Interview führte Alexandra Maier