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Schwerpunktthema 06/2016 (2)

Ehre, wem Ehre gebührt

Wie freiwilliges Engagement auch in der Kirche glücklich machen kann

Von Karl Eder
Geschäftsführer des Landeskomitees der Katholiken in Bayern

Die Sonntagsreden sind schnell geschwungen: „Die Kirche lebt vom Ehrenamt“ – „Ehrenamt muss anerkannt werden“ – „Ehrenamtliche sind die Stützen der Kirche“ und ähnliche mehr. Aber wie weit ist es tatsächlich her mit der Wertschätzung freiwilligen Engagements in der Kirche? Wie lassen sich heute noch Ehrenamtliche für kirchliche Aufgaben gewinnen? Wie steht es um die Beachtung der unterschiedlichen Qualitäten und Einflussmöglichkeiten der Ehrenamtlichen in kirchlichen Entscheidungsprozessen?

EHRENAMTLICHE SCHÄTZEN LERNEN

Da werden die Antworten ganz schnell sehr schmallippig. Dabei wäre es höchste Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie die Kirche engagierte Menschen außerhalb der hauptamtlichen Funktionen ansprechen kann und will. Nun ist es nicht so, dass man sich darüber im katholischen Laienapostolat nicht schon längst die Köpfe zerbrochen hätte, also in den Pfarrgemeinderäten, Diözesanräten bis hin zum Landeskomitee der Katholiken in Bayern und im Zentralkomitee der deutschen Katholiken sowie in den kirchlichen Verbänden und Organisationen.

Nur: eine Patentlösung hat bislang noch niemand gefunden. Sicher, es gibt viele Ideen, wie Engagement in der Kirche künftig besser wertgeschätzt werden könnte. Aber darüber hinaus gab es noch keine wirklich innovativen Vorschläge. Dabei ist die Kirche nicht nur der älteste „global player“, sondern auch eine der wenigen Organisationen, die seit langem das ehrenamtliche Engagement kennen. Viele andere, weltliche und jüngere Verbände und Organisationen wären dankbar für eine solche Tradition. Allerdings reicht es nicht, auf die Geschichte zu verweisen; sonst droht die Glut in der Asche zu ersticken.

Dabei gibt es Bereiche, die quasi gegen den Strom schwimmen: die zahlreichen Helfer in den Hilfsorganisationen bei der Flutkatastrophe, die im Juni 2016 Simbach am Inn heimsuchte; viele helfen nach wie vor Flüchtlingen, trotz Anfeindungen; viele haben spontan „gestrandete“ Menschen aufgenommen, die nach dem Amoklauf im Olympiaeinkaufszentrum nicht mehr aus München wegkamen.

Gesellschaftliche Anerkennung allein scheint es also nicht zu sein, die zu freiwilligem Engagement führt. Mindestens so wichtig ist die Erfahrung, etwas bewirken zu können, sei es Entscheidungsprozesse zu beeinflussen oder eben echte Hilfe zu leisten, aber auch zu spüren, dass die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten gefragt sind und nicht von der Organisation gegängelt werden, etwa durch Herrschaftswissen oder Intransparenz.

WENN EHRENAMTLICHE DAS GRUPPENGLÜCK ÜBERKOMMT

Erst dann stellen sich Glückserlebnisse ein, bis hin zum so genannten „Gruppenglück“, das eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten überkommt, wenn sie gemeinsam ein Ziel erreichen. Die gemeinsame Kraft kann auch das persönliche Wohlbefinden heben. Dies sind wesentliche Erkenntnisse aus zwei Tagungen. Beim Kongress der Versicherungskammer Stiftung stand die Frage der Bezahlung des Ehrenamts im Mittelpunkt. Dabei ging es weniger um die Frage, ob Geld glücklich macht. Das Geld, das mit einem ehrenamtlichen Dienst verbunden ist, geht meist über die Erstattung bereits entstandener Kosten nicht hinaus. Aber bereits hier hätte die Kirche Nachholbedarf: wie viele Mitglieder von Pfarrgemeinderäten, Kirchenverwaltungen oder anderweitig kirchlich Engagierte reichen ihre Fahrt-, Material- oder Fortbildungskostenbelege überhaupt ein? Von Sitzungsgeldern oder Lohnersatzleistungen ganz zu schweigen. Wenn Pfarrgemeinden, Gremien und Einrichtungen Ehrenamtliche neben der nötigen Anerkennung in Form eines „Dankeschöns“ oder kleiner Aufmerksamkeiten eine unkomplizierte Abrechnung entstandener Kosten ermöglichen und auch Chancen auf Fort- und Weiterbildung bieten, würde man sich mit großen Schritten einer nachhaltigen Wertschätzung von Ehrenamtlichen annähern. Wofür sich Kirche stark machen könnte, wäre die Anerkennung ehrenamtlichen Handelns in der Rentenversicherung. Und bis es so weit ist, könnte die Kirche mit gutem Beispiel vorangehen und für Ehrenamtliche eine freiwillige Einzahlung in deren Rentenversicherung vornehmen – eine verwegene Vorstellung?

EHRENAMT DARF SPASS MACHEN

Ehrenamtliche wollen spüren, dass ihr Dienst wichtig ist, dass er etwas zum Positiven bewegt, sie wollen Spaß haben, Anerkennung erfahren und sie wollen ihre fachlichen Fähigkeiten einbringen und sich gleichzeitig weiterbilden. Diese Schlüsse lassen sich aus dem Ehrenamtskongress des Bayerischen Sozialministeriums in Nürnberg ziehen. Und noch eines: Ehrenamtliche wollen nicht allein gelassen werden - Vernetzung heißt das Zauberwort. Die sozialen Netzwerke auf Facebook, Twitter, WhatsApp, YouTube und anderen Plattformen können also eher als Chance denn als Gefahr begriffen werden. Sie eröffnen zudem einen Zugang zu jungen Menschen, wenn diese von den „alten Hasen“ hier um Hilfe gebeten werden. Für die virtuelle wie für die reelle Welt gilt: entweder richtig gut oder gar nicht. Man sollte sich aber nicht täuschen: auch junge Menschen schätzen trotz „Pokémon Go“, ihres Smartphones oder Tablets authentische Kontakte zu echten Menschen.

So sehr der Wunsch nach Erfüllung von Aufgaben durch Ehrenamtliche, die von Hauptamtlichen nicht mehr abgedeckt werden können, verständlich sein mag, so wenig darf er im Vordergrund stehen. Ehrenamtliche wollen sich nicht als Lückenbüßer fühlen, sondern möchten mit ihrem persönlichen Interesse und mit ihrem fachlichen Wissen in religiöser, sozialer, kultureller oder politischer Hinsicht wahr- und ernstgenommen werden.

GRENZEN AUFZEIGEN

Eine weitere Erkenntnis aus den Tagungen: von den sich mit Jubiläen überbietenden Ehrenamtsauszeichnungen (25 Jahre oder mehr) sollte man sich verabschieden. Auch wenn eine gewisse Kontinuität keinem Gremium schadet, taugen langjährige Vorstandsmitglieder kaum noch als Vorbilder. Jüngere sollten nicht durch die drohende Verpflichtung zu einem viele Jahre dauernden Engagement abgeschreckt werden. Projektbezogene, zeitlich befristete und fachlich gut umschriebene ehrenamtliche Dienste werden dagegen meistens gerne übernommen.

Wie sonst ließe sich erklären, dass es kaum Probleme gibt, Ehrenamtliche für die Betreuung von Flüchtlingen zu gewinnen? Aber auch auf eine zeitlich befristete Mitwirkung in Hospizvereinen oder in der Krankenbetreuung lassen sich Ehrenamtliche durchaus ein. Viele andere Aufgaben in einer Pfarrgemeinde, wie die Kontaktaufnahme zu Neuzugezogenen oder die Begleitung von Eltern-Kind- Gruppen, lassen sich ebenfalls problemlos zeitlich befristen. Pfarrgemeinderäte und Kirchenverwaltungen bieten nach vier beziehungsweise sechs Jahren ohnehin die Chance für die Engagierten, wieder auszusteigen, und für die Gemeinde, neue Leute anzusprechen.

KONSEQUENZEN ZIEHEN

Freiwilliges Engagement darf und soll auch in der Kirche Spaß machen und Glücksmomente bescheren. In der Konsequenz müssen echte Mitsprachemöglichkeiten bei anstehenden Entscheidungen und bei längerfristigen Entwicklungen geschaffen werden. Genaue inhaltliche Umschreibungen und zeitliche Befristungen ehrenamtlicher Dienste und Ämter sind unumgänglich, um auch in Zukunft jüngere wie ältere Gläubige für das Ehrenamt zu begeistern. Viele Gläubige wollen ihre Hoffnung und ihre Zuversicht, dass Gott sich uns in Jesus Christus genähert hat, dass er selbst Mensch geworden ist und dass er uns treu bleibt im Heiligen Geist, mit anderen teilen. Jesus hat uns aufgerufen, die Talente der Menschen (und unsere eigenen) zu entdecken und nicht länger zu verstecken. Er möchte, dass die Kirche im wahren Sinn attraktiv wird, ist und bleibt – eine echte Chance für Insider und noch Fernstehende.