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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Meditation 06/2016

Wer bin ich in Deinen Augen?

Von Maria Rehaber-Graf

Mein Sohn betreibt Kraftsport. Mehrmals pro Woche geht er ins Fitness-Studio, macht eifrig Kniebeugen, bewegt Hanteln und stemmt Gewichte. Er hängt sich voll rein, um mehr zu schaffen: mehr Gewichte, mehr Wiederholungen, mehr Perfektion in der Ausführung. Mehr Muskelmasse. Seine körperliche Erscheinung ist inzwischen beeindruckend, nicht nur für junge Frauen!

Doch es geschehen seltsame Dinge. Kürzlich habe ich ihn mit einem Buch erwischt. Auf Nachfrage erklärte er mir: „Ich habe so viel Zeit und Energie aufgewendet, um meinen Körper zu trainieren – jetzt will ich mich mit meinem Geist befassen, der gehört ja irgendwie auch dazu.“ Und so liest er, für mich völlig überraschend, Bücher über Selbsterkenntnis, Persönlichkeitsentwicklung und spirituelle Themen.

Wer hätte das gedacht? Dieser junge Mann, dem bisher hauptsächlich Spaß mit Freunden wichtig war, und der sich vor allem über sein körperliches Erscheinungsbild definiert hat, fängt an, über sich selbst nachzudenken:

  • Wer bin ich?
  • Wohin will ich mich entwickeln?

Mich berührt seine Suche. Vielleicht auch deshalb, weil ich selber schon mein Leben lang mit diesen Fragen unterwegs bin.

WER BIN ICH?

Im August 2013, einige Monate nach seiner Wahl, gab Papst Franziskus sein erstes großes Interview. Der Jesuit Antonio Spadaro, Chefredakteur bei „La Civiltà Cattolica“, berichtet:
„Ich […] frage den Papst etwas unvermittelt: Wer ist Jorge Mario Bergoglio? Der Papst blickt mich schweigend an. Ich frage ihn, ob man ihm eine solche Frage stellen darf. Er gibt mir ein Zeichen, dass er die Frage akzeptiert, und sagt: Ich weiß nicht, was für eine Definition am zutreffendsten sein könnte … Ich bin ein Sünder. Der Papst denkt weiter nach, ergriffen, so als hätte er diese Frage nicht erwartet, als wäre er gezwungen, eine weitere Überlegung anzustellen. Ja, ich kann vielleicht sagen, ich bin ein wenig gewieft, ich verstehe mich zu bewegen, aber die beste Zusammenfassung, die mir aus dem Innersten kommt und die ich für die zutreffendste halte, lautet: Ich bin ein Sünder, den der Herr angeschaut hat. Und er wiederholt: Ich bin einer, der vom Herrn angeschaut wird.“

ICH BIN EINER, DER VOM HERRN ANGESCHAUT WIRD

Diese Antwort hat mich beeindruckt. Sie erinnert mich an eine Geschichte aus dem Alten Testament, aus dem Buch Genesis. Abrahams Frau Sara behandelt ihre Magd Hagar, die von Abraham schwanger ist, so hart, dass diese davonläuft, in die Wüste. An einer Quelle findet sie der Engel des Herrn. Er redet sie mit ihrem Namen an, fragt sie, woher sie kommt und wohin sie geht. Er sagt, sie soll zurückgehen. Und er gibt ihr und ihrem ungeborenen Kind eine kraftvolle Perspektive für die Zukunft mit. Die Bibel erzählt:
„Da nannte sie den Herrn, der zu ihr gesprochen hatte: El-Roï (Gott, der nach mir schaut). Sie sagte nämlich: Habe ich hier nicht nach dem geschaut, der nach mir schaut? Und weiter: Darum nannte sie den Brunnen Beer-Lahai-Roï (Brunnen des Lebendigen, der nach mir schaut)“ (Gen 16,13-14).

DER LEBENDIGE, DER NACH MIR SCHAUT

Auch ich bin eine, die vom Herrn angeschaut wird. Ich werde wahrgenommen, ich werde gesehen. Nicht nur in meinen Funktionen und Aufgaben. Nicht mit der Frage, was ich leiste und was ich besitze, und es spielt auch keine Rolle, ob ich attraktiv oder glücklich bin, alt oder jung, oder wie verquer ich vielleicht in meinem Leben gerade unterwegs bin. Von IHM, dem Lebendigen, bin ich angeschaut mit Augen der Liebe. Ich werde wahrgenommen als einmaliger, einzigartiger, geliebter Mensch. Mit allem, was mich ausmacht, auch mit meinen dunklen Seiten. Das gibt mir Ansehen, verleiht mir Wert und Würde. Und es gibt mir eine Perspektive für mein Leben, die mich hoffen lässt.

WER BIN ICH IN DEINEN AUGEN?

Ich wünsche meinem Sohn genauso wie Ihnen und mir, dass uns doch hin und wieder so ein Augen-Blick geschenkt ist, der Licht auf unser eigenes Leben und auf das unserer Mitmenschen wirft. Ein Blick, in dem wir so sein dürfen, wie wir sind. Ein Blick, unter dem wir alle unsere Talente entfalten können. Ein Licht-Blick, der uns mehr erkennen lässt, wer wir, Sie und ich und alle, mit denen wir zu tun haben, in den liebenden Augen Gottes sind.