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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Interview 06/2016

Junge Ideen für ein Gemeinsam-Glauben

Jugendarbeit wandelt sich. Das Angebot wird immer größer, die Zeit, die jungen Menschen dafür zur Verfügung steht, immer knapper. Der Landesvorsitzende des BDKJ Bayern, Daniel Köberle, spricht in Gemeinde creativ über die Herausforderungen für katholische Gruppen, aber auch davon, dass das „katholische“ daran ein großer Pluspunkt sein kann.

Daniel Köberle ist Jahrgang 1987 und gebürtiger Kemptner. Er hat seine Wurzeln in der Katholischen jungen Gemeinde (KjG). In seinem Heimat-Ortsverband Kempten-Lenzfried hat er erste Erfahrungen im Bereich der katholischen Jugendverbandsarbeit gesammelt, sich später auch auf Diözesanebene in Augsburg engagiert. Daniel Köberle hat Bauingenieurwesen studiert und danach das gemacht, wovon viele träumen. Aus dem „Hobby“, aus seinem ehrenamtlichen Engagement in der katholischen Jugendarbeit, ist sein Beruf geworden. 2012 wurde er zum hauptamtlichen BDKJDiözesanvorsitzenden im Erzbistum Bamberg gewählt. Im Sommer dieses Jahres hat ihn die Landesversammlung nun zum BDKJ-Landesvorsitzenden gewählt. Das Amt hat er offiziell am 1. November angetreten.

Gemeinde creativ: Herr Köberle, Sie wurden im Sommer zum neuen Landesvorsitzenden des BDKJ gewählt. Was sind Ihre Ziele?

Daniel Köberle: Auf Landesebene müssen wir die Interessen der Jugendlichen vor Ort kennen und vertreten, sie bei Gesprächen mit Politikern einbringen und so helfen, die Infrastruktur und die Rahmenbedingungen für gelingende Jugendarbeit in Bayern zu schaffen und zu erhalten. Dabei wird man in der Politik nur wahrgenommen, wenn man auch mal „klare Kante“ zeigt. In den vergangenen Jahren habe ich mich intensiv mit den Themen „Digitale Lebenswelten“ und „Ökologie/Nachhaltigkeit“ beschäftigt. Um junge Menschen zu erreichen, müssen wir uns als BDKJ auch dort bewegen, wo sie es tun, im Internet und in den sozialen Netzwerken. Zum Thema „Nachhaltigkeit“ haben wir in den vergangenen Jahren gute Beschlüsse gefasst, darauf möchte ich aufbauen. Darüber hinaus hat uns Papst Franziskus mit seiner öko-sozialen Enzyklika Laudato si‘ die Vorlage geliefert, die Themen „Nachhaltigkeit“, „kritischer Konsum“ und die „Verantwortung für die Eine Welt“, nicht nur wahrzunehmen, sondern auch andere zu ermutigen für diese Eine Welt einzutreten.

Im aktuellen Heft von Gemeinde creativ geht es um „Ehrenamt“ – was hat sich aus Ihrer Sicht hier in den vergangenen Jahren verändert?

Die Zeit, in der katholische Verbände und Organisationen die einzigen Anbieter von Jugendarbeit waren, ist längst vorbei. Heute gibt es eine Vielzahl von Angeboten, vom Sportverein über die Musikschule bis hin zu den Rettungsdiensten. Auf der anderen Seite haben sich die zeitlichen Ressourcen von jungen Menschen drastisch reduziert, bedingt durch neue Schulsysteme, Nachmittagsangebote und Studiengänge. Die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge sind verschulter als ihre Vorgänger und lassen den Studierenden weniger zeitlichen Freiraum. Junge Menschen haben also ein größeres Angebot, aus dem sie auswählen können, unterm Strich aber weniger freie Zeit, die sie selbst gestalten können.

Wie können sich katholische Jugendverbände heute gegen dieses große Angebot erfolgreich durchsetzen?

Katholische Jugendarbeit darf mutiger sein und ihr eignes Profil deutlicher nach außen tragen. Das ist die große Herausforderung im Moment. Entscheidend für das Profil katholischer Jugendarbeit ist für mich die Verbindung von außerschulischen Inhalten und dem gemeinsamen Glauben. Das verknüpft katholische Jugendarbeit wie kein anderes Angebot. Längerfristiges Engagement scheint vielfach für junge Leute nicht besonders attraktiv zu sein, sie wollen sich nicht binden und für mehrere Jahre verpflichten. Punktuell, projektbezogen dagegen wollen sich viele engagieren. Gerade bei der 72-Stunden-Aktion des BDKJ konnte man das sehen. Hier wissen sie: Die Aktion hat einen klar definierten Anfang und auch ein ebenso klares Ende.

Wie erklären Sie diesen Trend zum projektbezogenen Engagement?

Hierfür gibt es unterschiedliche Gründe. Das hat mit der Vielzahl an Angeboten zu tun, aber auch mit der Lebensphase, in der junge Menschen sich befinden. Wer bin ich? Wohin will ich? Studieren oder Ausbildung? Ins Ausland gehen oder hier bleiben? Solche Fragen treiben die jungen Menschen in unseren Ortsgruppen um. Klar, dass sie sich ausprobieren wollen. Das ist was Gutes. Ich denke, man muss dieses Sich-Ausprobieren als Chance sehen. So können junge Menschen herausfinden, was ihnen für die Zukunft wichtig ist. Und das ist es doch eigentlich auch, was wir wollen: den jungen Menschen an die Hand nehmen und dabei unterstützen zu einer eigenen Persönlichkeit heranzureifen. In dieser Phase, in der so viele Entscheidungen getroffen werden müssen, muss niemand den Posten einer Ortsgruppenleitung auf drei Jahre übernehmen. Stattdessen kann man sich punktuell einbringen, zum Beispiel beim Zeltlager oder einem Projekt wie der 72-Stunden- Aktion. Unsere Jugendverbände sind aber natürlich auch offen für ein längerfristiges Engagement.

Jugendliche verbringen heute viel Zeit in Klassenzimmern. Kooperiert der BDKJ mit Schulen?

Es gibt Verbände im BDKJ, die traditionell an Schulen aktiv sind. Das sind zum Beispiel die Katholische Studierende Jugend (KSJ) oder die Jugendverbände der Gemeinschaft Christlichen Lebens (JGCL). Diese Gruppen sind gut in den Schulalltag integriert. Sie bieten beispielsweise Mentorenprogramme an. Unsere anderen Verbände sind eher an der Gemeinde orientiert. Für sie ist es schwieriger, eine gelingende Kooperation mit Schulen aufzubauen – aber nicht unmöglich. Die Frage ist immer: Welche Kompromisse ist man als Jugendverband und Schule bereit einzugehen und was kann im konkreten Fall vereinbart werden. Ein Grundprinzip von Jugendverbandsarbeit ist Freiwilligkeit. Wie sieht das im Schulkontext aus? Ist das Angebot des Verbandes nun ein verpflichtender Nachmittagsunterricht? Was ist mit der Aufsichtspflicht? Es gibt bereits einige fruchtbare Projekte. Das sind momentan aber eher Graswurzelbewegungen. Es ist einfacher, vor Ort eine Initiative zu ergreifen, als ein einheitliches System für alle zu entwickeln, nicht zuletzt weil jede Schule und natürlich auch jede Jugendgruppe ein eigenes Profil hat. Das muss zusammenpassen. Wir begrüßen es, dass sich schon einige gefunden haben.

Inzwischen sind die Ferien für Schulen nicht mehr tabu. Auch hier werden Fahrten angeboten. Wie geht der BDKJ mit solchen Entwicklungen um?

Ich glaube, in dem Bereich muss man genau hinsehen, was das für Angebote sind. Schule muss irgendwann aufhören. Der junge Mensch braucht Freizeit, in der er selbständig entscheiden kann, wofür er sie verwendet. Und dazu gehört auch, dass Ferien echte Ferien bleiben. Schulfahrten, wie auch immer geartet, gerade in den ersten beiden Sommerferienwochen, können katholischen Jugendverbänden nicht gefallen. Das ist traditionell die Zeit der Zeltlager. Außerdem ist außerschulische Bildung konkreter Auftrag der Jugendarbeit und dazu gehören der BDKJ und seine Jugendverbände. Es ist ihre Aufgabe und nicht die der Schulen, Freizeitangebote zu gestalten und durchzuführen. Das kann eine Pilgerfahrt nach Rom sein, aber genauso gut eine Woche Zeltlager in Schweden. Und wenn eine Schule eine Studienfahrt oder einen Austausch anbieten möchte, dann muss das in der Schulzeit passieren.

Welche Rolle spielen Themen wie „Ökologie“, „Energiewende“, oder „Flucht“ im BDKJ?

Besonders gefällt mir immer, wenn eine Jugendverbandsgruppe vor Ort die Initiative ergreift. Wenn sie zum Beispiel nach dem Sonntagsgottesdienst einen Fairverkauf organisiert und überlegt, was mit dem Erlös gemacht werden soll. Kommt er der Jugendarbeit zu Gute? Oder wählt man – was momentan oft der Fall ist – ein Projekt aus, das Geflüchtete unterstützt? Gerade beim Thema „Flucht und Asyl“ nehme ich eine große Offenheit von jungen Menschen wahr. Oft werden auch geflüchtete Jugendliche zu Veranstaltungen eingeladen. Sport verbindet. Vor allem Fußball als Methode der gegenseitigen Annäherung und des Kennenlernens ist sehr beliebt. Viele Gruppen veranstalten regelmäßig ein Fußballspiel mit jungen Flüchtlingen und kochen anschließend gemeinsam. Hier findet interkulturelle Kommunikation auf einem ganz niederschwelligen Level statt.

Wie wichtig sind Stichworte wie „Mitsprache bei Entscheidungen“, „Anerkennung und Wertschätzung“ für engagierte Jugendliche?

Diese Dinge sind von enormer Bedeutung. Wenn sich ein junger Mensch engagiert, macht er das nicht nur aus völliger Selbstlosigkeit heraus. Motivation Nummer eins ist fast immer der Spaß. Gleichzeitig ist es wichtig, dass junge Menschen Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahren für das, was sie tun. Je verantwortungsvoller eine Tätigkeit ist, desto mehr fragen sie sich: Kann ich dadurch etwas verändern? Die katholischen Jugendverbände funktionieren grundlegend durch Mitbestimmung. Vorsitzende werden immer gewählt, Themen werden daher eigentlich stets von unten nach oben transportiert. Das ist der Knackpunkt. Wenn Ehrenamtliche sehen, dass ihre Ideen umgesetzt werden, weil sie sich entsprechend eingebracht haben, dann motiviert sie das. Andersherum gilt das natürlich auch: Wenn ich sehe, dass meine Ideen ständig ausgebremst werden, ich sprichwörtlich gegen Wände laufe, sich verkrustete, überholte Strukturen nicht aufbrechen lassen, dann verliere ich den Spaß an der Sache und werde mich anderweitig umsehen, nach einer Möglichkeit, wo ich gehört und ernst genommen werde.

Das Interview führte Alexandra Hofstätter