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Schwerpunktthema 06/2014

Gibt es den gerechten Krieg?

Von Peter Fonk
Professor für Theologische Ethik an der Universität Passau

Nur wenige Begriffe sind in einem solchen Maß für Missbrauch anfällig wie der so genannte „Gerechte Krieg“. Gerade in der deutschen Geschichte finden wir genügend Beispiele, wie im Namen eines angeblich gerechten Krieges Völker überfallen, unzählige Menschen in den Tod geschickt, grausame Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen und blühende Städte in Schutt und Asche gelegt wurden. Wohl niemand würde heute ernsthaft behaupten, es sei ein moralisch erstrebenswertes Ziel, junge Männer zu motivieren, ihr Leben für Gott und Vaterland zu opfern.

Zumindest in den Staaten der westlichen Welt nicht, die noch weitgehend von der jüdisch-christlichen Kultur geprägt sind oder von diesem Erbe zehren. Dabei geht die Rede vom gerechten Krieg auf einen der bedeutendsten Theologen des christlichen Abendlandes zurück, der in der Zeit des 4. und 5. Jahrhunderts lebte – auf den Bischof und Kirchenlehrer Aurelius Augustinus. Der aber war gewiss alles andere als ein Kriegstreiber und wollte keineswegs militärische Gewalt verherrlichen. Als er die Lehre vom gerechten Krieg einführte, ging es ihm einzig darum, ein Instrument zur Schadensbegrenzung zu entwickeln. In einem Satz gesagt: Augustinus lebte zu einer Zeit, in der Kriege und bewaffnete Konflikte der Regelfall waren, Frieden aber die eher seltene Ausnahme. Deshalb, so der Ausgangspunkt seiner Überlegungen, müsse man, wenn sich Kriege schon nicht aus der Welt schaffen lassen, zumindest strenge Regeln entwickeln, wann sie vertretbar sein können: der Krieg muss dem Ziel dienen, den Frieden wieder herzustellen, er muss sich gegen bestehendes Unrecht wenden, darf nur von einer legitimen staatlichen Autorität angeordnet werden und muss sich auf das unbedingt notwendige Maß an Gewalt beschränken. Thomas von Aquin, der im 13. Jahrhundert lebte und neben Augustinus der wohl bedeutendste Theologe bis in die Neuzeit war, griff diese Lehre auf und entwickelte sie weiter.

Spätestens in der Neuzeit wurde im europäischen Völkerrecht die Lehre vom gerechten Krieg grundsätzlich in Frage gestellt. Die Einsicht, dass eine friedliche Koexistenz souveräner Einzelstaaten nur möglich sein kann, wenn man das Frieden stiftende Prinzip der Nichteinmischung in die Angelegenheiten des anderen streng beachtet, führte dazu, dass der gerechte Krieg nicht mehr als Alibi für das Eintreten in einen militärischen Konflikt verwendet werden konnte.

Auch die katholische Kirche hat ihre Position im 20. Jahrhundert von Grund auf neu definiert. Nachdem bereits Papst Benedikt XV. den Ersten Weltkrieg als Blutbad, Wahnsinn und drohenden Selbstmord verurteilt hatte, verglich Pius XII. den Zweiten Weltkrieg mit dem Gehen am Rande eines Abgrunds. Er war auch der erste, der die Einsicht in die Nicht-Kontrollierbarkeit der modernen Waffensysteme mit aller Deutlichkeit aussprach, die atomaren Waffen als Massenvernichtungsmittel verurteilte und ihren Einsatz als moralisch absolut verwerflich ausschloss. Johannes XXIII. setzte diese Linie fort und stellte in der Enzyklika „Pacem in terris“ (1963) fest, dass der Krieg niemals zur Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln werden dürfe. In den offiziellen Verlautbarungen der Kirche werden die Worte gegen die lebensbedrohlichen und das wirtschaftliche Gleichgewicht bedrohenden Folgen des Rüstungswettlaufs immer stärker. Die Pastoralkonstitution des 2. Vatikanischen Konzils verurteilt mit besonderem Nachdruck die Möglichkeit eines totalen Krieges, der auf der Basis moderner Waffensysteme möglich geworden ist und gesteht einzig das Recht auf eine gerechte Verteidigung zu.

Dieser Kerngedanke der gerechten Verteidigung, der noch einmal überboten wird durch die Forderung nach einer präventiven Friedenspolitik, welche schon bei den Ursachen der Kriege ansetzt und bereits im Vorfeld nach Lösungsstrategien sucht, führte dazu, dass Friedenssicherung und Friedensförderung nicht nur in die Verantwortung des Staates übergeben, sondern zu einem Kernanliegen sozial-ethischer Verantwortung der Kirchen erklärt wurden.

Allerdings kann sich auch kirchliche Friedensethik nicht der Einsicht entziehen, dass ein totaler Pazifismus, ja bereits die Lehre von der gerechten Verteidigung, bisweilen an ihre Grenzen stoßen. Wie lässt sich das Recht auf gerechte Verteidigung wahrnehmen, wenn eine ethnische oder religiöse Gruppe, sogar ein ganzes Volk, militärisch zu schwach und nicht in der Lage ist, sich gegen einen Aggressor von außen oder innen zu wehren? Dürfen dann auch andere, die nicht direkt Betroffene sind, den Opfern mit militärischen Mitteln zu Hilfe kommen, um den drohenden Genozid zu verhindern?

Am Beispiel der Nato-Operation im Kosovo wurde im Jahr 1999 die Kontroverse über die Rechtfertigung und Legitimität humanitärer Intervention, wie der damals verwendete Fachbegriff hieß, erstmals deutlich. Auch die kirchliche Friedensethik stand vor der Herausforderung, ihre bisherige Lehre von der gerechten Verteidigung noch einmal zu überdenken und den veränderten Verhältnissen anzupassen.

Letztendlich waren diese Ereignisse der Auslöser dafür, dass sich die Vereinten Nationen die Aufgabe zur Erarbeitung eines umfassenden Konzepts stellten, das sich eingehend mit dem Spannungsverhältnis zwischen Souveränität, Verantwortung und Intervention beschäftigt. Unter der Bezeichnung „Responsibility to protect“ (Schutzverantwortung) hat es Eingang gefunden in das Abschlussdokument des Weltgipfels der Vereinten Nationen im September 2005. Die Berufung auf diese Schutzverantwortung ist zwar ausdrücklich auf vier Fälle beschränkt: nämlich Völkermord, Kriegsverbrechen, ethnische Säuberung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Ausmaße, welche die entfesselte Gewalt von IS-Milizen gegen Kurden, Jesiden und – was leider allzu oft übersehen wird – gegen Christen in Syrien und im Nordirak inzwischen erreicht hat, bieten ein aktuelles Beispiel dafür, dass angesichts solcher grausamen Hinschlachtung von unschuldigen Menschen, die geplant und im großen Stil durchgeführt werden, der Einsatz militärischer Maßnahmen unter Umständen das letzte Mittel zum Schutz der bedrohten Humanität sein kann. Er löst gewiss nicht die Ursachen hinter den Konflikten, aber er trägt dazu bei, noch Schlimmeres zu verhüten. Die Rede vom gerechten Krieg wird zwar durch die Ausschreitungen der IS-Milizen nicht reaktiviert, noch weniger gar rehabilitiert. Dieser Begriff gehört der Vergangenheit an. Dennoch weist er auf ein bleibendes Problem hin: Es gibt nicht nur ein Recht auf Verteidigung, es gibt auch eine Schutzverantwortung für diejenigen, die dieses Recht selbst nicht ausüben können. Um diese Verantwortung wahrzunehmen, lassen sich Maßnahmen militärischer Intervention, wenn sie denn die letzte verbleibende Möglichkeit sind, nicht immer ausschließen.