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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Meditation 06/2014

Frieden durch Armut

Von Pater Christian Liebenstein SDB

Der Bischof von Assisi, zu dem der hl. Franziskus häufig Rat holen ging, nahm ihn immer gütig auf; doch sagte er auch zu ihm: „Euer Leben erscheint mir hart: Nichts Irdisches zu besitzen ist schwer.“

Darauf sprach der Heilige:
„Herr, wollten wir etwas besitzen, so müssten wir auch Waffen zu unserer Verteidigung haben. Daher kommen ja die Streitereien und Kämpfe, die die Liebe zu Gott und zum Mitmenschen hindern. Darum wollen wir auf dieser Erde nichts Irdisches besitzen.“

Es ist tatsächlich eine harte, an die Grundfesten gehende Aussage des hl. Franziskus. Ist „Nichts zu besitzen“ tatsächlich der Preis für Frieden? Und ist die Armut die Vorbedingung für die Liebe zu Gott und den Mitmenschen? Es sträubt sich in mir:
► Erleben wir nicht, dass viele besitzende und wohlhabende Menschen mit ihren Möglichkeiten viel Gutes tun? Und das mit einem persönlichen Engagement, das an ihrer Sorge und der Ernsthaftigkeit ihres Anliegens nicht zweifeln lässt?
► Braucht es nicht oft genug ein kostspieliges Instrumentarium, um Armen und Notleidenden wirksam und nachhaltig zu helfen?
In diesen Tagen bewegt das Schicksal der Menschen, die unter der Ebola-Epidemie leiden. Daher habe ich gerade besonders die Einrichtungen von Bruder Lothar Wagner im Blick, in denen er sich seit Jahren in Sierra Leone um Straßenkinder kümmert. Derzeit stehen die von Ebola betroffenen Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt. Ebola-Waisen, solche, die die Krankheit überstanden haben, aber aus Angst von ihren Familien abgelehnt werden, Kinder, die keinen anderen Anlaufpunkt mehr haben, weil staatliche Strukturen zusammenbrechen. Seine Einrichtungen werden vom Mauern umgeben und Wachleute sichern die Eingänge – sonst wäre dort kein Schutzraum für diese jungen Menschen. Braucht es nicht dringend diesem Besitz im Dienst an den Vernachlässigten – und ihren Schutz, in diesem Fall sogar mit Waffen?
► Und es sträubt sich in mir auch, weil Armut und Besitzlosigkeit nicht notwendig zu Friedfertigkeit und Liebe führen, sondern sind oft genug Auslöser von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Konflikten, ja von Gewalt sind.
Und dennoch lässt mich dieser radikale Anspruch, dieses prophetische Zeichen des Franziskus nicht los.
Dieses Zeichen zwingt, genau und ehrlich hinzuschauen, welcher persönliche und gemeinschaftliche Besitz die Möglichkeit und die Freiheit schafft, für Menschen in vielfältigen Nöten da zu sein und ihnen Gutes zu tun – und welcher Besitz Kräfte bindet, unangemessen Zeit und Aufmerksamkeit beansprucht und unser Denken, Fühlen und Wollen mehr beeinflusst, als wir es wahrhaben möchten.
Es fordert auf, achtsam und selbstkritisch auf Haltungen zu blicken, die „wie besessen“ machen: Eitelkeiten, liebgewonnene und nicht mehr überprüfte Anschauungen, „gepflegte“ Antipathien können das Denken und Fühlen besetzen. Sie sich schaffen Mauern, führen zur Distanz, sie hindern, dass die Not von Menschen zu Herzen geht und wir uns von ihr anrühren lassen.
Dieses Zeichen macht deutlich, dass Besitz – zu Recht oder zu Unrecht – Begehrlichkeiten, Neid und Unmut wecken können. Es zwingt, Rechenschaft zu geben, wozu wir Besitz brauchen und wie er der Abwendung von Not, dem gerechten Ausgleich und dem Frieden dient.
Nicht zuletzt gibt die Armut des hl. Franziskus Zeugnis dafür, dass die Haltung der frei gewählten Armut frei macht für Gott und Menschen. Sie ist der Ausdruck einer tiefen Solidarität mit den Armen und Notleidenden, die ihnen Würde und Achtung verleiht. Und sie ermöglicht, auf alle Menschen zugehen zu können, ohne etwas verteidigen zu müssen.
Schritte, die wir zu diesem Ideal hin tun, sind zweifelsohne auch Schritte zum Friede unter den Menschen.