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Schwerpunktthema 05/2015

An die Hecken und Zäune gehen

Kirche im digitalen Zeitalter

Von Kerstin Heinemann
JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

Uhren zum Telefonieren, mithörende Fernseher und vernetzte Kühlschränke – Brechts Radiotheorie ist Wirklichkeit geworden. Die ständige Verfügbarkeit des Digitalen kann ohne Übertreibung als ein Zeichen unserer Zeit gewertet werden. Smartphones, Tablets und das Internet sind nicht mehr wegzudenkende Begleiter unseres Alltags. Wir kommunizieren, partizipieren, arbeiten, bilden, organisieren, shoppen, amüsieren uns, teilen, Iiken, spielen, träumen und entwickeln kreativ in und mit (digitalen) Medien. 76 Prozent der Deutschen sind laut Futurebiz in mindestens einem Social Network registriert. Weltweit gibt es etwa 1,2 Milliarden römisch-katholische Christen und ebenso viele Facebook-Nutzer. Twitter wird weltweit von einer halben Milliarde Menschen genutzt und auf YouTube wird pro Sekunde Videomaterial von zwei Stunden hochgeladen (vgl. Center for Learning and Teaching, Stand 11/2014).

So gerne all diese Aktivitäten den Jüngeren, oft auch „digital natives“ genannt, zugeschrieben werden, die Zahlen sagen etwas anderes. Laut ARD/ZDF-Onlinestudie von 2014 sind 79 Prozent der Deutschen online. Bei den 50- bis 59-Jährigen sind es 82 und bei der Gruppe 60+ sind es immerhin noch 45 Prozent. Bei den 8-jährigen Kindern liegt der Wert bei 55 Prozent. Das Internet ist also hinsichtlich des Alters der Nutzer überall verbreitet. Häufig überholen die technischen Entwicklungen dabei die gesamtgesellschaftliche Reflexion – eine Herausforderung für Theoriebildung, Pädagogik, Öffentlichkeitsarbeit, Politik und eben auch Kirche. Aber ist das denn überhaupt Aufgabe der Kirche? Sollte sich Kirche, angesichts von massiv zunehmenden Kirchenaustritten, großen Herausforderungen in pastoralen Fragen und notwendigen (Neu-)Ausrichtungen eigener Strukturen überhaupt mit diesem Thema beschäftigen? Ein Blick in die Bibel und Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils hilft an dieser Stelle vielleicht weiter.

Im Gleichnis vom Festmahl (Lk 14, 15-24) fordert Jesus dazu auf, in die „Straßen und Gassen“ zu gehen, sich also an die „Hecken und Zäune“ zu begeben und eben nicht nur im eigenen Kontext, im eigenen System stecken zu bleiben. Die Pastoralkonstitution Gaudium et spes formuliert das 1965 prägnant: „Zur Erfüllung dieses ihres Auftrags obliegt der Kirche allzeit die Pflicht nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten.“ Kaum etwas muss so sehr als „Zeichen der Zeit“ beschrieben werden, wie die Digitalisierung, die uns in allen Bereichen unseres Lebens begegnet.

1971 wurde im Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Pastoralinstruktion Communio et progressio das Medienverständnis der katholischen Kirche grundgelegt. Der Text, obwohl 44 Jahre alt, lohnt gelesen zu werden und fast wähnt man den Heiligen Geist, wenn dort Worte wie Newsstream, sharing und liken durchklingen und ein Abschnitt mit „Über die Instrumente der sozialen Kommunikation“ untertitelt ist, obwohl damals weder Facebook, noch Twitter, noch YouTube existierten. Ausgerechnet Papst Benedikt XVI. nahm das zum Anlass, um über mehrere Jahre hinweg die Themen Internet und Social Web in den Mittelpunkt seiner Verlautbarung zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel zu stellen. Die deutschen Bischöfe haben bereits im Juli 2012 Empfehlungen für Social Media Guidelines veröffentlicht, in denen sie deren Benutzung ausdrücklich begrüßen. Die Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz hat sich im Frühjahr 2015 in ihrem Studienteil ebenfalls mit Social Media beschäftigt und zahlreiche Kirchengemeinden, einige Diözesen und Verbände sammeln bereits praktische Erfahrungen.

Das Thema scheint also auf den ersten Blick in der Kirche angekommen zu sein. Bei genauerem Hinsehen allerdings zeichnet sich ein differenzierteres Bild. Im Rahmen der Presseund Öffentlichkeitsarbeit erscheint es vielfach einleuchtend, dass auch das Social Web bedient werden will. Mitarbeiter werden geschult und Stellen für Onlinekommunikation ausgebaut. Die Kommunikationsstrukturen hingegen weisen häufig noch klassische Top-down-Wege auf. Agile Arbeitsweisen findet man am ehesten in den Verbänden, aber auch dort sind wir häufig noch zu unbeweglich. Umso erstaunlicher, da eine many-to-many-Kommunikation, wie sie das Social Web erfordert, eigentlich eine ureigene, kirchliche Kommunikationshaltung ist. Die erzählende Gemeinde ist Urbild der katholischen Kirche. Wir sollten den Mut haben loszulassen und auf Charismen und Professionalität der eigenen Mitarbeiter vertrauen.

Was in Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in Teilen gelingt, steckt in der Pastoral noch in den Kinderschuhen. Jenseits der Jugendpastoral gibt es kaum Konzepte, wie die Möglichkeiten der Digitalisierung für eine zeitgemäße und kreative Arbeit genutzt werden können. Dem fehlenden (Spiel-)Raum liegt oft mangelnde Befähigung zugrunde. Medienpastorales Arbeiten erfordert Kompetenzen, die aus-, fort- und weitergebildet werden müssen. Der Zertifikatskurs Medienpädagogische Praxis, der von der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz, der Bundeszentrale für politischen Bildung, dem JFF – Institut für Medienpädagogik und anderen Partnern angeboten wird, kann hier als Leuchtturm gelten. Er ist ausdrücklich auf Bedarfe der pädagogischen sowie pastoralen Multiplikatoren zugeschnitten. Neben der Ausbildung und Erweiterung von Kompetenzen müssen Ausstattungs- und arbeitsrechtliche Fragen geklärt und eine Diskussion über Privatsphärenschutz und Datensicherheit geführt werden. Die besondere Herausforderung liegt allerdings darin, informationstechnologische und juristische Fallstricke einerseits und pastorale Notwendigkeiten andererseits sensibel gegeneinander abzuwägen. Was für dienstrechtliche Kontexte gilt, gilt gleichermaßen für das Ehrenamt. Fatal ist es, wenn das Engagement Ehrenamtlicher dazu benutzt wird, das Thema von der kirchlichen Gesamtagenda zu streichen und als erledigt zu betrachten. Eine Kirche, die aufgerufen ist die Zeichen der Zeit zu erkennen, muss an einem gesamtgesellschaftlichen Diskurs kompetent teilnehmen können, der gerade erst begonnen hat. Das Internet der Dinge, Big Data, Monopolisierung und monopolkapitalistische Ökonomie, die Problematik von nationaler Gesetzgebung bei globalen Unternehmensstrukturen, die richtige Balance von Sicherheitsbedürfnis und Freiheit – all diese Fragen brauchen einen sachorientierten und nicht zuletzt medienethischen Diskurs. Dazu muss die Kirche an die netzpolitischen „Hecken und Zäune“ gehen, ihr fachliches Fundament ausbauen und sich selbstbewusst mit den vorhandenen Playern vernetzen. Nicht erst, aber besonders dann, wenn Grundrechte wie die Pressefreiheit bedroht sind, wird deutlich, dass es sich hier nicht um ein Nischenthema handelt, sondern eine gesellschaftliche Debatte notwendig ist, die auch der Stimme der katholischen Kirche bedarf.