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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Meditation 05/2015

Leben in der Fülle

Von Walter Wakenhut

Die Zahlen der kirchlichen Statistik, die unsere Bischöfe im Juli veröffentlichten, lösen keine Begeisterung aus, sie sind ernüchternd. Immer mehr Menschen verlassen die großen Kirchen. Es gibt viele Erklärungen und Gründe dafür: die Kirchensteuer und der Missbrauch sind nur zwei davon. Andere vertrösten sich damit, dass sie sagen, das Religiöse im Menschen sei nicht unterzukriegen. Der Glaube der Menschen sei und ist nicht durch Zahlen fassbar.

Das ändert nichts an der Tatsache, dass in wenigen Jahren die Menschen in unserem Staat eine Minderheit sind, die zu einer Kirche gehören. Denn wir müssen uns eingestehen, dass all die Versuche, die Ausgetretenen zurückzuholen, nur wenig, wenn nicht gar keinen Erfolg hatten.

Man mag über die Gründe viel spekulieren, die Verantwortung dafür hin und her schieben, es bleibt dabei, dass die Leute mit der Kirche – und das ist mit uns – nichts mehr anfangen können. Sie brauchen die Kirche nicht mehr und weil das alles auch noch etwas kostet, treten sie aus

IST DIE ZEIT DER KIRCHE VORBEI? HABEN WIR UNS ÜBERLEBT?

Man spricht von einem Schwund an Glauben, ja von einem Verlust an Glauben in unserer Zeit. Aber – so darf und muss man auch fragen – was ist das für ein Glaube? Ist das, was wir als Kirche unseren Mitmenschen anbieten, etwas, mit dem diese auch etwas anfangen können? Verhilft ihnen das zu einem Mehr an Leben, gemäß dem Wort Jesu „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“?

Was dringt von unserer Kirche an die Öffentlichkeit? Wo sind die positiven Nachrichten vom Leben? Da geht es nicht um die Meldungen aus den Presseabteilungen unserer Diözesen, sondern um die Schlagzeilen der Tageszeitungen, um die vorderen Plätze in den Nachrichten von Radio und Fernsehen. Die altbackenen Themen von Austritt bis Zölibat sind nicht das Thema unserer Zeitgenossen.

Gott kommt im Leben vieler Menschen im Alltag nicht mehr vor. Er ist schlichtweg in Vergessenheit geraten. Die Menschen wollen ihr Leben eigenständig und unabhängig gestalten. Dieses Leben ist für sie nicht mehr Geschenk, die Schöpfung nicht mehr der von Gott gegebene Lebensraum. Der Respekt vor dem Leben ist am Schwinden. Die anhaltenden Diskussionen um Abtreibung und Sterbehilfe – und wie sie geführt werden – zeigen das sehr drastisch. Und wir Menschen sind mit Erfolg dabei, die Natur als unseren Lebensraum zu zerstören und so künftigen Generationen die Lebensgrundlage zu entziehen.

Die Frage, wo bleibt da Gott, ist verständlich und drängend. Was ist mit dieser Schöpfung? Was ist mit den Menschen? Eine Antwort für die vielen Suchenden in dieser Welt darauf zu finden, ist nicht nur für Theologen, sondern für jeden von uns eine Herausforderung.

Unsere Antwort ist die Botschaft vom Leben. Wir können deshalb nicht sagen, dass früher alles anders oder besser war. Es ist auch wenig hilfreich mit Antworten zu kommen, die theoretisch zwar richtig, der Lebenspraxis der Menschen von heute aber völlig fremd und damit auch unverständlich sind. Es gilt mit den Menschen von heute in der Sprache von heute zu sprechen. Jesus ist diesem Problem begegnet, indem er in der Bergpredigt einfach sagte: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist, […] ich aber sage euch“. Er reagierte damit auf manche versteinerte, scheinbar selbstverständliche Gewohnheit und Überzeugung seiner Zeitgenossen. Er setzte neue Maßstäbe und er fordert auch uns heraus, wenn er in der Bergpredigt sagt:

Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Mt 5,20) Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist. (Mt 5,48)

Für Jesus ist der Maßstab der Vater im Himmel und sein Heilswille „für alle“ und nicht der Mensch und sein Egoismus. Nicht die Tradition entscheidet, sondern das, was dem Leben der Menschen dienlich ist. Eine Kirche, die das vermittelt, wird ihren Platz in der Gesellschaft finden, weniger durch das, was sie besitzt, sondern schlicht und einfach durch das, was und wie sie lebt.