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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Schwerpunktthema 05/2014

Christen als Impulsgeber für Europa

In den Wochen vor Erscheinen dieser Ausgabe waren viele Menschen unterwegs im Urlaub. Die meisten waren wohl innerhalb Europas unterwegs, gerade in Bayern spürt man das, wenn man sich im Sommer durch extravolle Züge schiebt oder auch mal die Autobahn benützen möchte. Aber zumindest die Grenzstaus, wie es sie vor zwei Jahrzehnten noch gab, gehören der Vergangenheit an. Und der Gang zur Bank vor einer Reise, wie ihn viele noch kennen, ist auch weggefallen. Europa!

Von Thomas Jablowsky
Redaktionsleiter

Diese äußeren, im Alltag der Bürger eher vordergründigen Erleichterungen, sind enorme Vereinfachungen für das europäische Wirtschaftsleben. So begann die europäische Einigung einst: als Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG. Die so oft befürchtete Gleichmacherei und Einebnung der Kulturen und Besonderheiten sind trotz alledem nicht eingetreten.

Die heutige Europäische Union, die EU, will, kann und soll mehr sein. Letztlich steht sie für eine Versöhnung der europäischen Völker, eine Versöhnung, die trotz aller Schwierigkeiten für die längste Phase ohne Kriege in den europäischen Kernländern geführt hat. Die Kriege an den Rändern und die daraus resultierende Friedenssehnsucht haben die EU vergrößert.

SOLIDARITÄT

Ian Buruma, Sohn einer holländischen Mutter und eines englischen Vaters, schreibt in einem Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14. Juli 2014: „Wenn irgendeine Form von Europäischer Union jemals funktionieren soll, könnten die Politiker wenigstens an die transnationale Solidarität ihrer Bürger appellieren.“ Solidarität ist ein Wert, der aus der christlichen Tradition kommt. Und transnational ist für Christen auch nichts Neues. Die Europäische Union ist von den Gründervätern her christlich-katholisch geprägt. Daran erinnert Ian Buruma wie auch Herman Van Rompuy, Präsident des Europäischen Rates, in einem Vortrag an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz.

Van Rompuy geht in seinen Ausführungen, veröffentlicht in der Zeitschrift Communio, ganz weit zurück, wenn er die Europäische Idee aus der Sicht der Christen interpretiert. Er erinnert an Karl den Großen, gestorben vor 1200 Jahren und an den Heiligen Benedikt. Karl der Große sei der erste weltliche Herrscher neben einer kirchlichen Autorität gewesen. Die Trennung von Kirche und Staat sei hier grundgelegt. Das Reich Karls des Großen ist identisch mit dem ursprünglichen „Europa der Sechs“. Das Christentum hat das europäische Menschenbild und die westlichen Werte geprägt. „Europas Kultur ist – wohlgemerkt nicht ausschließlich – ‚christlich‘, womit in keiner Weise eine religiöse Kultur gemeint ist,“ so Van Rompuy. „Wir sind allesamt Kinder des Christentums, ob wir gläubig sind oder nicht.“

VERSÖHNUNG

Daraus leitet Van Rompuy einen besonderen Auftrag der Christen, auch der christlichen Politiker in Europa ab, für die „der Mensch das Maß aller Dinge“ sein müsse. Es gebe in Europa eine „gläubige Spur des Christentums“ (Paul-Henri Spaak), die sowohl Gläubige als auch Nichtgläubige präge. Für die christlichen Gründungsväter der Union war der Motor und das Leitmotiv die Versöhnung. „Diese Staatsmänner hielten das Beste des Christentums hoch“, bewertet Van Rompuy deren Motiv.

Für den Europapolitiker müssen Christen die Hüter und Erben dieser europäischen Geschichte sein. „Wenden sich die Christen von den europäischen Idealen ab, dann triumphiert der Nationalismus.“ Wer, wenn nicht Christen, die in allen Menschen Schwestern und Brüder sehen, die in allen Armen und Ausgegrenzten das Antlitz Christi sehen sollen, können einem engen Nationalismus entgegentreten und eine europäische Solidarität entwickeln?

Dieses Ziel sei freilich noch nicht erreicht, Europa bleibe ein Prozess, so Van Rompuy, der aber der Vision der Christen von einer „Verbrüderung der Nationen“ gespeist werde. „Europa ist kein religiöses Projekt, aber das säkulare Projekt Europa gerät ins Wanken, wenn die Träger des Versöhnungsgedankens, aus dem es hervorgegangen ist, straucheln.“ Das europäische Erbe zu bewahren, sei aktuell – angesichts des Euroskeptizismus – so wichtig wie nie, meint Van Rompuy. Er benennt neben anderem zwei Punkte, die die Skepsis nähren: Die EU-Einrichtungen würden als fernes und bedrohliches Gebilde dargestellt und Europa und Brüssel seien für viele nationale Politiker Sündenbock und Ausrede angesichts mangelnder eigener Verantwortungsbereitschaft.

Es ist eben leicht zu sagen, wie Adam zu Gott, ‚die da war es, nicht ich‘. Van Rompuy gibt allerdings zu bedenken, dass der mangelnde Zusammenhalt in Europa Ausdruck und Folge des mangelnden Zusammenhalts innerhalb der Gesellschaft sein könnte. Er macht eine „zunehmende Individualisierung“ und einen „daraus hervorgehende Angst vor dem anderen“ aus. Dies bestimme unsere Kultur.

FEINDESLIEBE

Das Christentum habe etwas „Unnatürliches“. Das Gebot „Liebe Deine Feinde“ müsse auf Politiker irritierend wirken, die sich „stets einen Feind suchen, um sich zu profilieren“, so Van Rompuy. Das Christentum sei „eine Art heroische Überwindung des Ego“. Die EU sei aber bis heute ein Zweckverband geblieben, in dem die Bürger nach dem Mehrwert im Hinblick auf Kaufkraft und Beschäftigung fragten. Das genügt aber nicht, um eine „Wertegemeinschaft“ zu konstituieren. Letztlich sei der Impuls zur Gründung der Europäischen Einheit eine Umsetzung der Botschaft des Evangeliums gewesen: Liebet eure Feinde! So sei es „gelungen, das größte Friedensprojekt der Geschichte zu verwirklichen. Das hat eine Sprache der Versöhnung vorausgesetzt, eine Sprache, die, wenn man diesen Gedanken weiterdenkt, erhalten, gepflegt, verheutigt werden muss. Das ist die Aufgabe der Christen, die in diesem Europa immer mehr zur Minderheit werden.

Van Rompuy weist zurecht darauf hin, dass dem Glauben auch Taten folgen müssten. Als Handlungsfeld benennt er die Flüchtlinge, die vor allem vom Süden und Osten nach Europa kommen. Aber er spricht auch die Krise einzelner Länder an, in denen sich alle Europäer solidarisch zeigen müssten. Dazu brauche es „Extremisten des Möglichen“, die das Unmögliche wahr machen. Eine Voraussetzung, das Unmögliche zu überwinden, ist für Van Rompuy der Glaube. Weil er die Geduld verleiht, „dass das Gute letztendlich siegt“. Für den Vorsitzenden des Europarates ist das die „Kraft der Nachhaltigkeit“.

Er fügt den drei Säulen der Nachhaltigkeit „People, Profit and Planet“ (Peter Fisk) noch ein viertes P hinzu: Pneuma steht für Spiritualität und Beseelung. Das europäische Modell von „Einigung“ beruht auf Freiheit. Freiheit als theologische Größe ermöglicht dem Menschen die liebende Antwort auf den Schöpfer. Glaube ist immer ein Angebot, eine Option. Man kann niemanden zwangsweise bekehren, weder zum Glauben noch zu Europa. Aber Europa ist anziehend, wie man aktuell an der Ukraine sieht. Für ein Europa der Versöhnung, des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit braucht es Akteure, die das eingeübt haben – mit der Richtschnur des Evangeliums.