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Meditation 05/2014

Auswärtsspiele

Von Pater Christian Liebenstein SDB

Auswärtsspiele gelten im Fußball und wohl auch in anderen Sportarten als eine besondere Herausforderung. Die Gastmannschaft hat der Heimmannschaft gegenüber zunächst ganz praktische Nachteile: Sie muss zum Spiel anreisen und je nach Entfernung kann die Anreise eine zusätzliche Strapaze bedeuten. Die optimale Vorbereitung auf ein Spiel ist erschwert. Die Gäste sind auch mit den örtlichen Gegebenheiten weniger vertraut als die Gastgeber. Das Paradebeispiel dafür sind die Heimspiele der bolivianischen Nationalmannschaft: Sie werden im Stadion von La Paz ausgetragen, das auf 3600 m Höhe liegt. In dieser Höhenlage sportliche Höchstleistungen zu vollbringen, erfordert eine besondere Anpassung, die nicht in wenigen Tagen zu erreichen ist. Dieser Vorteil beschert den Bolivianern eine eindrucksvolle Heimbilanz. Aber auch wesentlich unbedeutendere lokale Eigenheiten wirken sich für die Auswärtsmannschaft nachteilig aus.

Viel bedeutender als diese praktischen Gegebenheiten sind die psychologischen Rahmenbedingungen. Die Fans feuern natürlich die eigene Mannschaft an. Sie geben so viel Motivation und „Rückenwind“, dass manche in ihnen einen „zwölften Mann“ sehen, der die Heimmannschaft unterstützt. Es gibt Mutmaßungen, dass Schiedsrichter aufgrund der Fankulisse geneigt sind, eher zum Vorteil der Heimmannschaft zu entscheiden. Und Psychologen glauben nachweisen zu können, dass die Heimmannschaft im Vorteil ist, weil die „Verteidigung des eigenen Reviers“ besondere Kräfte freisetzt. Alles in allem summieren sich die Vorteile für die Heimmannschaft so stark, dass in der Bundesliga fast die Hälfte der Heimspiele, aber nicht einmal 30 % der Auswärtsspiele gewonnen werden.

Umso wichtiger ist es für eine Mannschaft, die im oberen Tabellenfeld mitspielen möchte, Auswärtsspiele anzunehmen und zu gewinnen.

Auch wir als Kirche und als Gemeinden haben immer wieder „Auswärtsspiele“ zu bestreiten: immer wenn wir gefordert oder eingeladen sind, außerhalb unserer kirchlichen Räume und Strukturen tätig zu sein: Da wird die Pfarrgemeinde von Vereinen, in Dörfern oder Stadtteilen eingeladen, Feste mitzugestalten: Das neue Sportheim soll den kirchlichen Segen erhalten, die Feuerwehr wünscht ein kirchliches Gedenken an die verstorbenen Kameraden und natürlich gehört zum Dorffest der Gottesdienst im Festzelt, dort, wo das Fest dann weitergeht.

In traditionellen Vereinen und in dörflichen Strukturen mögen die kirchlichen Feiern einen so selbstverständlichen Platz haben und die Pfarrgemeinde so eng mit den Vereinen und örtlichen Strukturen verbunden sein, dass es kaum zu spüren ist, „auswärts“ zu sein. In weniger traditionell geprägten Vereinen oder im eher städtischen Ambiente ist die Anfrage an die Kirche nicht mehr so selbstverständlich.

Da ist zu spüren, dass wir „auswärts“ sind: Da wird unser Tun im Wortsinn „kritisch“ beäugt: Gelingt es, die frohe Botschaft so zu verkünden, dass die Anwesenden sich in ihrem Anliegen angesprochen fühlen? Dass für sie das Evangelium Trost, Ermutigung und Bestärkung ist? Treffen wir den Ton, dass jeder die frohe Botschaft „in seiner Muttersprache hören kann“ (vgl. Apg. 2, 8)? Und wie gelingt es dort präsent zu sein, wo Menschen leben und arbeiten, besonders dort, wo sie an Grenzen kommen? Wie deutlich stehen wir als Pfarrgemeinde an der Seite derer, deren Arbeitsplätze bedroht sind oder deren Arbeitsverhältnisse ausbeuterisch sind? Wie erleben benachteiligte Jugendliche, dass wir uns für ihr Schicksal interessieren? Wie sind wir bei den Kranken, die auf Trost und ein mitfühlendes Herz warten und bei den alten Menschen, die sich von der Welt abgeschnitten fühlen?

Stellen wir uns der Herausforderung der „Auswärtsspiele“ – nicht nur der „Punkte“ wegen, sondern vor allem, um Kirche bei den Menschen zu sein.