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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Kommentar 05/2014

Warum die Welt Europa braucht

Von Manfred Weber, MdEP

Manfred Weber ist Europaabgeordneter der CSU für Niederbayern und Vorsitzender der christdemokratischen EVP-Fraktion, der größten Fraktion im Europäischen Parlament.

Mit der Wahl des Christdemokraten und ehemaligen luxemburgischen Premierminister Jean-Claude Juncker zum neuen Präsidenten der EU-Kommission hat das Europäische Parlament einen großen Schritt hin zu mehr Demokratie und Transparenz gemacht. Vorausgegangen war ein langes Tauziehen über die Frage, ob die EU-Staaten die Spitze der EU-Kommission alleine bestimmen können, oder nicht doch wesentlich die Bürger über ihre Stimmabgabe bei der Europawahl. Heute ist klar: Die Menschen in Europa können mit ihrer Teilnahme an der Europawahl auch den Präsidenten der EU-Kommission mitbestimmen. Ihr Votum, die EVP erneut zur größten Fraktion im Europäischen Parlament zu machen, war letztendlich entscheidend.

Damit rückt Europa wieder ein Stück näher heran an die Belange der Menschen. Und gerade uns Christen kann es nicht gleichgültig sein, wer mit welchen politischen Zielen welche Spitzenposten einnimmt. Denn neben den unzähligen Herausforderungen innerhalb Europas - darunter die Stabilisierung der Finanzmärkte und die Bewältigung der Eurokrise - hat Europa aus unserem Verständnis heraus auch einen besonderen Auftrag in der Welt: als Gewissen für Menschenrechte, Werte oder menschen- und umweltwürdige Standards für unserer Erde.

Denn christlicher Glaube ist für mich auch der Auftrag, hinzuschauen und die Stimme zu erheben. Wir dürfen nicht gleichgültig wegblicken, sondern müssen auf christliche Werte verweisen. Warum dies auch in der Welt notwendig ist, zeigt ein Blick auf die Entwicklungen der vergangenen Jahre.

Schneller als von vielen vorhersagt haben sich die weltweiten Gewichte dramatisch verschoben. China ist innerhalb weniger Jahrzehnte vom rückständigen Agrarstaat zur zweitgrößten Wirtschaftsnation geworden. Indien erlebt einen atemberaubenden wirtschaftlichen Aufstieg. Und auch Brasilien und Russland haben ein starkes Wirtschaftswachstum erlebt und drängen auf mehr Mitsprache.

Europa ist, gemeinsam mit den USA, der Kontinent der Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte. Nicht das Recht des Stärkeren, sondern die Gleichheit aller vor dem Gesetz ist ein Grundsatz unserer Gesellschaftsordnung. Zugleich ist Europa der Geburtsort der sozialen Marktwirtschaft. Nicht der Mensch muss den Märkten dienen, sondern die Märkte dem Menschen - so hat es Jean-Claude Juncker in seiner Bewerbungsrede vor dem Europäischen Parlament ausgedrückt.

Diese Werte zu verteidigen und für sie die Stimme zu erheben, ist deshalb ein wichtiger Auftrag Europas. Denn wer, wenn nicht wir, sollte dies denn sonst machen? Beispiel Kinderarbeit: Wer sollte sonst auf unwürdige Arbeitsbedingungen hinweisen und auf soziale Mindeststandards auch in Entwicklungsländern pochen? Oder denken wir auch an den Kampf gegen den Klimawandel: Nirgends auf der Welt wird der Schutz unserer Umwelt und unseres Klimas so vorangetrieben wie von den Europäern.

Und nicht zuletzt: Die Wahrung des Friedens ist das größte und wichtigste Projekt der europäischen Einigung – und überdies auch das erfolgreichste. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Gründerväter der EU der Überzeugung, dass der Hass zwischen den Völkern überwunden werden muss. Auf diesem Friedensverständnis wurde die Europäische Union gegründet. Nie wieder Krieg, und Aussöhnung mit dem einstigen Erzfeind Frankreich, waren die beiden Grundpfeiler der europäischen Einigung. Unser heutiges Europa gründet sich auf diesem christlichen Werteverständnis.

Angesichts der Herausforderungen brauchen wir ein starkes Europa, ein Europa, das auf der Weltbühne präsent und anerkannt ist. Nicht um die Abschaffung der Nationalstaaten geht es hier, sondern um die glaubhafte Verkörperung unserer europäischen Werte, die auf unserem christlichen Glauben beruhen.

Dazu gehört auch, stolz auf die europäischen Errungenschaften zu sein: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Achtung der menschlichen Grundrechte, Schutz unserer Umwelt oder den Einsatz für Frieden. Ein Stolz nicht als Ausdruck von Überheblichkeit, sondern als Bewusstsein, etwas beitragen zu können für eine gute Entwicklung dieser Welt.