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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Interview 05/2014

 

Ein Bischof, der nicht alles kann und weiß

Der Passauer Bischof Stefan Oster SDB im Interview

 

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Gemeinde creativ: Ihre Berufung zum Bischof hat sie überrascht. Was könnten andere gemeint haben, was Sie zum Bischof qualifiziert?

Oster: Ich weiß es nicht. Ich reime mir das im Nachhinein zusammen. Aber wenn deutsche Bischöfe Einfluss ausgeübt haben, dann kann ich mir vorstellen, dass Bischof Genn aus Münster, Kardinal Marx und vielleicht auch Bischof Rudolf Voderholzer aus Regensburg mitgeredet haben. Mit allen dreien hatte ich in den letzten Jahren immer wieder zu tun. Womöglich ist dabei meine Tätigkeit als Berater der Kommission IV in der Bischofskonferenz auch nicht ganz ohne Auswirkung geblieben. Aber im Grunde kann ich es wirklich nicht sagen.

Gemeinde creativ: Vor dieser Berufung in das Bischofsamt steht die Berufung ins geistliche Amt. Das war nicht der gerade Weg, oder?

Oster: Gar nicht. Ich habe vorher in den Medien gearbeitet, Zeitungsjournalismus gelernt und Hörfunk gemacht, habe als freier Journalist gearbeitet und noch ein paar andere Tätigkeiten ausgeübt. Aber ich habe mir dennoch immer ganz große Fragen gestellt: Was ist der Sinn von alledem? Eine einschneidende Zeit war das Studium in Oxford, England. Da habe ich eine Arbeit geschrieben über Bonaventura. Eigentlich in mittelalterlicher Geschichte. Dieser Theologe des 13. Jahrhunderts hat auch meine Fragen gestellt und seine Antwort gefunden in Christus. Wie er das aufgeschlossen hat, das hat mich tief bewegt und das war sicherlich ein Knackpunkt meiner Neuausrichtung meines Lebens. Dann natürlich die Begegnung mit meinem verehrten Lehrer Ferdinand Ulrich an der Universität. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich kapiert habe, was er so sagt und schreibt. Was ich in meinem Kinderglauben erfahren und gewonnen hatte war zeitweise verschüttet, auch durch andere Interessen, durch Medien und Interesse für Buddhismus. Aber die großen Fragen hatte ich schon immer und die Dialogphilosophie und die Philosophie Ulrichs waren dann intensivere Spuren, deren Verfolgung dann zu einer Rückkehr in den christlichen Glauben geführt haben.

Gemeinde creativ: Sie sind in der Kommission in der Bischofskonferenz, in der es auch um Berufungen geht und Zukunft des geistlichen Berufes. Sind das zwei Möglichkeiten, die Fragen bei den Leuten wecken und die Begegnung mit den richtigen Personen?

Oster: Keine Frage, ja. Also „die Fragen wecken“ ist keine schlechte Formulierung. Ich hoffe, bei vielen sind die Fragen schon da. Der berühmte Satz von Antoine de Saint-Exupéry sinngemäß „wenn du willst, dass Leute mit dir ein Boot bauen und aufs Meer fahren, dann zeigt ihnen nicht zuerst, wie man ein Schiff baut, sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach der Weite des Meeres“ der müsste wohl auch in unserer Kirche mehr zur Geltung kommen. Diese Sehnsucht ist vielfach vielleicht gar nicht da, dort wo volkskirchlich Vieles zu funktionieren scheint: Die wirkliche Herzensfrage nach Gott, nach dem Leben, nach der Fülle des Lebens, auch der Freude. Die Aussicht, in der Kirche eine Antwort oder die Antwort schlechthin finden zu können, erwarten die Menschen vielleicht gar nicht mehr, schon gar nicht von der katholischen Kirche. Viele wohl auch innerkirchlich nicht mehr. Aber ich bin überzeugt: Wir haben Antworten, die Gott uns schenkt und schon geschenkt hat.

Gemeinde creativ: Und die Personen, die zum Glauben anregen und in die Nachfolge locken?

Oster: Das berührt das Glaubwürdigkeitsthema. Die Glaubwürdigkeit ist die entscheidende Frage heute für uns alle. Die Amtsträger, die Bischöfe, die Priester, die Diakone, die Hauptamtlichen, die haben natürlich mehr Verantwortung. Aber im Grunde hat jeder Christ, jede Christin, jeder Getaufte diese Verantwortung. Auch weil er, wie Paulus sagt, in der Taufe mit Christus gestorben und mit ihm schon auferstanden ist in geheimnisvoller Weise. Und deswegen darf er aus einem Mysterium leben, das fruchtbar werden kann. Ist es nicht so: Immer wenn ich jemanden reden höre, von dem ich das Gefühl habe, es ist wirklich bewegend, es berührt, trifft mein Herz, dann kommt mir nicht zuerst die Frage, warum bist du so gescheit, warum kannst du so reden? Sondern: Wie lebst du eigentlich dein Beziehungsleben mit Gott, dass du so reden kannst? Wie betest du? Entscheidend ist nicht, wie viele Bücher ich gelesen habe, sondern ob ich den wirklich kenne, von dem ich rede. Diesen Unterschied spürt man auch in fast jeder Predigt.

Gemeinde creativ: Bei solchen Personen spricht man von charismatischen Personen. Wie erleben Sie im Bischofsamt, nach den ersten Wochen, die Spannung zwischen Charisma und Amt?

Oster: Die Spannung ist immer da und wir ringen damit. Ich habe eigentlich als Professor oder als Theologe in der Verkündigung mit Jugendlichen immer die These vertreten, und würde sie auch noch weiter vertreten, dass die Christen und Christinnen in der Geschichte der Kirche, diejenigen, die gezeigt haben, worum es eigentlich geht, immer eher die Heiligen als die Amtsträger waren, also eher als die Päpste, die Bischöfe, die Priester und Diakone. Aber es ist natürlich wunderbar, wenn beides, Amt und Heiligkeit, zusammenfällt in Männern wie den zwei jüngst heiliggesprochenen Päpsten, Johannes Paul II. und Johannes XXIII. Beide waren große Charismatiker. Sie haben es offensichtlich geschafft, eine Synthese herzustellen zwischen dem was sie als Amtsvollmacht, Bürde gleichzeitig, und Autorität hatten und gleichzeitig ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit. Wir erleben diese gelungene Synthese bei Papst Franziskus auch. Ich glaube, das ist - oft verkannt - bei Papst Benedikt genauso da. Er hat eine andere Geschichte, ein anderes Charisma. Aber alle, die ihm nähergekommen sind, wissen, dass es ein zutiefst demütiger bescheidener unglaublich gescheiter, tiefgründiger Mensch ist. Da ist es vielleicht in dieser Außenwirkung nicht ganz so gelungen, wie jetzt bei den Zeichen, die Franziskus setzt. Wir sind eine Mediengesellschaft, die stark auf Zeichen abfährt. Aber ich glaube, wenn in der deutschen Kirche so gerne auf das Papsttum geschimpft wird, sollte man sich mal an andere Zeiten erinnern. Wir durften im 20. und 21. Jahrhundert doch eine ganze Reihe von Päpsten erleben, die zutiefst glaubwürdige Männer waren und nicht einfach machtversessene alte Typen, die die Menschen unterdrücken wollen – ein Klischee, das so oft verbreitet wird.

Gemeinde creativ: Aber das ist die andere Spannung, die es gibt. Macht und Dienst.

Oster: Die Spannung löst sich idealerweise dann auf, wenn wir wirklich verstehen und leben, was geistlich gesprochen Autorität heißt. Autorität kommt vom lateinischen Wort ‚augere‘. Es heißt eigentlich „wachsen lassen, vermehren“. Autorität sollte so gelebt werden, dass ein anderer Mensch darin wachsen kann. Ein guter Lehrer, der kann streng sein, aber er will, dass der andere wächst. Das ist ein gesundes Verständnis von Autorität. Natürlich muss ich Entscheidungen treffen, muss ich Personal versetzen und muss über das Geld Beschlüsse fassen. Das tut auch manchen weh und er fühlt sich bisweilen überhaupt nicht vermehrt in seinem Wachstum. Aber ich glaube, wenn die Menschen spüren, der hat natürliche Autorität, er muss Entscheidungen treffen, aber er ringt wenigstens um Gerechtigkeit, seine Entscheidungen sind nicht willkürlich, sondern er sucht und fragt und ist im Dialog, dann glaube ich sind auch die, denen es weh tut, bereit zu sagen: Das ist sein Dienst.

Gemeinde creativ: Ihnen ist im Leben viel zugewachsen. Journalist, Professor, Ordensmann. Was davon können Sie fruchtbar machen für das Bischofsamt?

Oster: Ich weiß es nicht so genau, weil ich ja jetzt erst einmal hineinwachse in das Bischofsamt und lerne, verstehe was und wer da auf mich zukommt. Aber die erste Aufgabe des Bischofs ist ohne Frage die Verkündigung des Evangeliums, sowohl durch die Liturgie aber auch durch andere Formen der Begegnung, der Entscheidung. Also es geht immer darum, das Evangelium zu verkünden. Es ist sicherlich kein Fehler, dass ich den Umgang mit dem Wort im Journalismus gelernt habe, um nachher zu sagen, ich verkündige das Wort Gottes. Ich habe auch den Eindruck, dass ich ein Händchen für junge Menschen habe und mit denen ganz gut zurecht komme. Nicht mit allen natürlich, das ist klar. Aber es ist nicht so schlecht, wenn man verstehen lernt, wie junge Menschen ticken, was denen auf dem Herzen liegt. Und es sind ja nicht nur die Jungen, ich komme auch mit anderen Menschen zurecht, natürlich. Ich habe in Gemeinschaft leben dürfen im Orden. Als Professor ging es mir nie so sehr um die Wissenschaft als Wissenschaft, sondern auch um die Verkündigung des Glaubens, das Gespräch mit den jungen Leuten, damit sie verstehen, dass das, was wir an der Hochschule mit akademischen Niveau machen, auch mit meinem Leben, mit meinem Glauben zu tun hat. Dazu hilft mir alles, was ich bisher gemacht habe.

Gemeinde creativ: Sie haben Erfahrung in der Seelsorge, aber nicht in der Gemeindeleitung.

Oster: Natürlich habe ich ein Diakonatspraktikum in der Pfarrei absolviert und dabei beispielsweise die Firm- und Erstkommunionvorbereitung erlebt und organisiert. Ich habe danach jahrelang und regelmäßig in Pfarreien mitgearbeitet, mindestens jedes zweite Wochenende eine Seelsorgsaushilfe gemacht. Ich habe in der Zeit in Benediktbeuern viel Beichte gehört. Ich habe Vorträge über Themen des Glaubens in den Pfarreien gehalten. So ganz ohne Pfarreierfahrung bin ich also nicht. Aber klar, ich habe keine Pfarrei geleitet. Ich habe das auch offen zu unseren Pfarrern gesagt. Wie das geht, eine Pfarrei zu führen, das erfahre ich von euch, das weiß ich noch nicht automatisch.

Gemeinde creativ: Da sind Sie auch ganz offen im Umgang mit den Pfarrern.

Oster: Ja klar. Die wissen das. Ich habe das auch im Priester- und Diakonenverein oder bei der Dekanekonferenz gesagt. Ich habe auch gesagt, ich möchte von euch, wenn es geht, dass ihr mir auch die Wahrheit sagt. Ich merke schon, dass man sich nicht leicht tut, dem Bischof die Wahrheit zu sagen, zumal wenn sie unangenehm ist. Ich will das aber, wenn möglich, auch hören von den Menschen. Denn es ist ja nicht so, dass man in das Amt hineinkommt und alles schon kann und weiß.

Gemeinde creativ: Passau ist ja ein neues Gebiet für Sie. Wie ist so Ihr Eindruck von der Diözese, der Landschaft bei ihren ersten Reisen hinaus in Pfarreien und Institutionen?

Oster: Die Mentalität der Menschen ist mir als Oberpfälzer sehr vertraut. Wir sind derselbe Schlag. Ich habe in Niederbayern das Zeitungshandwerk gelernt und bin dadurch dort viel herumgekommen. Also das ist nicht das Problem. Was anderes ist: Wie funktioniert so eine Diözese jetzt im Verhältnis, im Unterschied zu meinen bisherigen Diözesanerfahrungen. Ich war lange in Augsburg, ich kenne Regensburg. Passau ist wieder etwas anderes, das ist kleiner, überschaubarer. Ich habe das Gefühl alle kennen sich in der Diözese, alle Hauptamtlichen kennen sich. Das ist auch schön. Wenn ich hier mit meinen Mitarbeiterin irgendwo hin gehe, dann sagen sie, da ist der und der Pfarrer und da ist das und das los. Ich versuche jetzt nach außen und nach innen ganz viel zu hören und kennen zu lernen. Ich gehe zu den Firmungen, ich war bei vielen Caritaseinrichtungen schon, ich war bei Wallfahrten dabei, ich versuche in die Strukturen des Ordinariats hineinzufinden, die einzelnen Dienststellen zu besuchen.... Und ich werde nach dem Sommer anfangen, systematisch die Dekanate zu besuchen.

Gemeinde creativ: Sie hören einerseits. Gibt es aber auch schon ein Anliegen, das jetzt zum Beispiel an die Diözesanpriester haben, wo Sie sagen, da müssen wir hin, das ist unsere Mission.

Oster: Was ich wirklich glaube, worum es geht: Die Kirche befindet sich auch hier, wo noch so stark Volkskirche ist, in einem so großen Prozess der Wandlung, der Veränderung, der intensiv werden wird. Ich glaube, der Säkularisierungsdruck wird noch wachsen. Es wird wohl noch intensiver werden. Die Menschen, die den Glauben dennoch bewahren wollen, darin wachsen wollen, suchen Orte, Gemeinschaften, Zentren, Gruppen wo sie Nahrung bekommen, geistlich und geistig, intellektuell und spirituell sowie gemeinschaftlich. Es wird darum gehen, auch in den Pfarreien zu fördern, zu befördern, dass Menschen solche Kreise und Orte bilden. Natürlich müssen das auch Laien sein. Jeder Getaufte hat eine Verantwortung für die Weitergabe des Glaubens. Wenn sich irgendwo ein Kreis bildet, wo sich zum Beispiel Menschen ernsthaft mit dem Wort Gottes auseinandersetzen, dann muss ich das als Pfarrer fördern. Da muss ich aber auch nicht jedes Mal dabei sein.

Gemeinde creativ: In der Kirche ist von Neuevangelisierung die Rede. Wie könnte das aus Ihrer Sicht gehen?

Oster: Christentum wächst nicht durch Propaganda, sondern durch Anziehung. Aber wie entsteht anziehendes Christentum? Es geht darum, die persönliche Beziehung mit Christus zu leben. Da habe ich das Gefühl, hätten wir viel Luft nach innen, und auch Luft nach oben, besser Pneuma im besten Sinn des Wortes. Die Frage, wie können wir Erfahrungen von Gebetsleben so erschließen, dass die Menschen sagen, das ist mir richtig wichtig, das ist die Quelle aus der ich mein Christentum lebe? Wie geht eigentlich wirklich Gebetsleben? Mir ist das Wort im Herzen, das der Psalmist singt: „Vor Deinem Angesicht herrscht Freude in Fülle zu Deiner rechten Wonne zu aller Zeit“. Das singt er als betender Mensch. Wie wird unser Gebet so, dass ich das sagen kann? Freilich: Das Gebet ist immer auch mal Kampf und Ringen und Wüstenzeit. Aber meine grundsätzliche Gebetserfahrung darf getragen von Erfahrung der Wonne und Freude in Fülle - das sind ja ganz starke Ausdrücke, ganz sinnlich. Und nun: Wie erschließen wir einander und miteinander oder auch alleine Gebetsräume und solche Gebetserfahrungen? Das kann man auch nicht machen. Aber wenn es Menschen gibt, die hier Erfahrung haben, dass sie anderen behilflich sind, das zu erschließen, dann ist das sehr wichtig. Dort, an dem Ort, in der Gruppe, wo ich eine freudige Christusbeziehung erfahre und einüben darf, dort ist aus meiner Sicht der erste Ort, an dem Glaubwürdigkeit anfängt und wächst. Und Glaubwürdigkeit ist die große Frage, die wir in der Kirche haben, die größte Anfrage. An der persönlichen Beziehung, an der Intimität der Freundschaft mit Christus und wie und woraus ich sie lebe, ist die Wurzel und die Antwort auf diese Frage.

Gemeinde creativ: Welche Rolle spielt dabei die Eucharistiefeier am Sonntag?

Oster: Die Christusbeziehung darf sich nicht im negativen Sinn verselbständigen, sondern Kirche formiert sich, lebt ursprünglich aus dem Sakrament der Eucharistie. Aber gleichzeitig wird es notwendig sein, auch die Verselbständigung im positiven zu befördern und da hinein zu verhelfen. Bischof Klaus Hemmerle aus Aachen hat gesagt: Kirche wird in Zukunft Gemeinschaft von Gemeinschaften sein, also auch Pfarrei wird Gemeinschaft von Gemeinschaften sein; wohl nicht mehr so homogen, wie es sich jetzt noch in den volkskirchlichen Strukturen darstellt, sondern es werden wohl eher Zellen, Zentren sein die zurückbezogen sind auf die Eucharistie und auch auf den Pfarrer, aber dennoch mit größerer Eigenständigkeit.

Gemeinde creativ: Dafür wird es viele Ehrenamtliche brauchen, Ehrenamtliche die auch besonders spirituell geprägt und ausgebildet sein müssen.

Oster: Keine Frage. Das wird ein langer Weg dahin sein. Das ist auch das große Anliegen: Erwachsenenkatechese! Und auch nicht nur lehrhafte Katechese, sondern eben auch Erfahrungsräume, in denen Menschen berührt werden. Es hilft ja nicht, das einer einen gescheiten Vortrag über Jesus hält, wenn das nicht hineinfließt in einen Ort, wo Menschen miteinander fragen, suchen, ringen, Erfahrungen machen, anbeten können. Solche Räume brauchen wir. Und die dürfen wachsen. Und dort fühlt sich ein Mensch von außen dann vielleicht berührt und sagt, das glaube ich, ich gehe hin und ich fange jetzt an.

Gemeinde creativ: Das hat auch mit Berufung zu tun. Im II. Vatikanum wurde das Wort geprägt vom Gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen. Was heißt das für Sie?

Oster: Für mich heißt das, dass das so genannte Priestertum des Dienstes oder das sakramentale Priestertum, wie man das nennt, die Aufgabe hat, dieses gemeinsame Priestertums aller Gläubigen zu befördern; mitzuhelfen, dass jeder Getaufte seine priesterliche Berufung entdeckt und diese auch wachsen lässt im Sinn von ‘augere‘. Es gibt dabei aber Ungleichzeitigkeiten. Nah am II. Vatikanum haben viele gesagt, wir sind selbst Subjekte unseres Glaubens und wir machen das alles selbst. Aber ist das schon aus einer wirklichen vertieften Evangelisierung heraus entstanden? Oder ist da nicht auch erst mal eine bisweilen negative Emanzipationsbewegung mit am Werk, die womöglich sagt, wir brauchen den Pfarrer nicht? Das stimmt dann nicht wirklich. Und dann sind wir andererseits aber trotzdem priesterzentriert geblieben, freilich nicht immer in einer gesunden Weise. Wir klagen: Jetzt haben wir „XXL-Pfarreien“, wie soll das der eine Pfarrer denn alles noch machen? Aber es muss ja aus meiner Sicht gar nicht alles der eine Pfarrer machen, wenn wir anfangen Kirche anders zu erfahren und dann auch anders mitzugestalten. Freilich gilt bei allem dennoch immer: Quelle und Höhepunkt unseres christlichen Lebens bleibt die Eucharistie.

Gemeinde creativ: Wir haben in diesem Frühjahr neue Pfarrgemeinderäte gewählt. Die sind ja dann in einer besonderen Verantwortung, aber oft auch überfordert. Das ist auch eine neue Generation von Pfarrgemeinderäten. Wie kann man das angehen?

Oster: Wenn wir sagen, es brechen neue Zeiten an, dann dürfen wir nicht sagen, was bisher war, war alles schlecht. Um Gottes Willen. Es funktioniert ja vieles gut und es gibt so viele Ehrenamtliche, die treu ihren wundervollen Dienst machen. Aber klar, den genauen Weg, wohin das Neue jetzt geht, den sieht noch keiner. Aber da brauchen wir uns auch selbst nicht zu überfordern, denn den schenkt uns auch der Heilige Geist, deshalb dürfen wir gelassen sein. Der Geist wird uns führen. Es gibt ja auch Modelle, wo Aufbrüche gelingen und da kann man schauen und sagen, was geschieht da eigentlich an Gutem und warum geschieht es? Wir müssen nicht ungeduldig sein, der Geist Gottes führt uns schon. Es wird sich aber viel verändern in der Kirche, das glaube ich gewiss.

Gemeinde creativ: Wir haben jetzt über Passau gesprochen, über die Diözese hier. Aber Sie sind als Bischof auch in größere Zusammenhänge eingebunden. Das Bischofskollegium in Bayern, in Deutschland, aber auch in die Weltkirche. Was bedeutet Ihnen dieser Zusammenhang?

Oster: Auch da habe ich noch nicht besonders viel Erfahrung. Die Bischofskonferenz kenne ich über die Kommission IV und darin habe ich an verschiedenen Texten mitgewirkt. Jetzt habe ich zum ersten Mal den Ständigen Rat kennen gelernt und die Mitbrüder im Bischofsamt. Das ist schon eine schöne Erfahrung, irgendwie zu wissen, brüderlich gehört man sehr selbstverständlich zum Kreis der Bischöfe mit hinein, man muss sich das nicht verdienen. Weltkirchlich: Jetzt fahre ich nächste Woche mit nach Rom zum großen Ministrantentreffen der deutschen Ministrantinnen und Ministranten. Da freue ich mich sehr darauf. Aber ich komme dann da hin und stehe dann sicher staunend da und denke mir, jetzt bin ich als Bischof hier und Bischof gehört irgendwie auch zu Weltkirche. Wie verhält sich das, wie fühlt sich das an? Natürlich denke ich das auch theologisch durch. Aber ich könnte jetzt gescheite Antworten geben, und wüsste dann nicht, ob das schon von meiner Erfahrung mitgedeckt wäre. Auch das ist ein Erfahrungslernen, in das ich mich einfinden muss. Aber bis jetzt fühle ich mich ganz gut aufgenommen, zumindest von den deutschen Mitbrüdern. Die schauen natürlich schon, denke ich, wo steht der eigentlich, wir haben ja die Debatten zu den schwierigen Themen. Wo positioniert sich jetzt der Oster? Das merke ich schon, dass sie fragen. Aber trotzdem: Es gibt sehr viel Wohlwollen. Sie haben gesehen, dass die Menschen in Passau sich sehr gefreut haben bei meiner Weihe. Ich habe jetzt das Gefühl, das hat sie auch sehr gefreut.

Gemeinde creativ: Sie haben von der Brüderlichkeit der Bischöfe gesprochen, die Sie erleben. Was jetzt als Bischof weniger erleben, ist die Brüderlichkeit Ihrer Ordensbrüder.

Oster: Das ist existentiell keine ganz leichte Sache. Ich lebe jetzt allein. Das fordert mich heraus, gerade im geistlichen Leben, dass ich mich hier gut diszipliniere. Wenn das gemeinschaftlich getragen ist, ist das immer ein bisschen leichter. Ich halte noch intensiv Kontakt zur Gemeinschaft, letzte Woche war mein Mitbruder Pater Claudius da und wir haben sehr lange miteinander gesprochen. Aber ja, es ist ein anderes Leben. Ich ziehe demnächst um in die Bischofswohnung. Jetzt wohne ich ja provisorisch noch im Priesterseminar. Ich hoffe, dass es ist im Lauf der Zeit gelingt, dass ich dort eine gemeinschaftliche Lebensweise finden kann. Das ist aber nicht so ganz ohne, weil die Frage ist: Mit wem umgibt sich der Bischof, wer hat jetzt Einfluss auf ihn und mit wem lebt er sogar zusammen, mit der oder mit dieser Schwester? Ich weiß es noch nicht, wie sich das entwickelt. Und da muss ich gut schauen, vorsichtig und behutsam sein. Aber ich hoffe, dass sich so etwas ergibt. Dass ich wenigstens geistliches Leben teilen und die eine oder andere Mahlzeit mit anderen Menschen einnehmen kann.

Gemeinde creativ: Neben dem geistlichen Leben steht dem Bischof auch die Erholung zu. Wie gestalten sie die Work-Life-Balance als Bischof?

Oster: Jetzt gerade fühle ich mich sehr müde, aber das hängt damit zusammen, weil ich letzte Nacht nicht gut geschlafen habe. Aber die Frage ist, womit hängt das zusammen, weil ich gerade viel um die Ohren habe? Ganz zentral ist trotz allem das geistliche Leben. Die innere Ausgeglichenheit kommt zuerst aus meinem geistlichen Leben. Zur Work-Life-Balance: Wenn ich darin ein bisschen schlampig werde und merke, dass ich dann auch innerlich unausgeglichen werde, versuche ich mich mehr zu bewegen, ein bisschen Training zu machen. Das fängt jetzt mehr an. Ich mache einmal die Woche ein intensives gymnastisches Training, auch für den Rücken. Jetzt habe ich einen gebrauchten Ellipsentrainer, den gab es hier in der Diözese. Jetzt versuche ich mich an das Ding zu gewöhnen. Und dann, ab 15. August gehe ich zwei, vielleicht auch drei Wochen in Ferien und die verbringe ich in einem Haus mit Ordensleuten.

Gemeinde creativ: Ein Motiv ihrer Antworten war jetzt immer wieder „Wachstum“, „Veränderung“, „Lernen“ in verschiedenen Varianten. Sie wünschen sich also auch als Bischof noch zu wachsen?

Oster: Wer ist denn jeweils fertig mit seinem geistlichen Leben, mit seiner Gottesbeziehung oder mit seinem Auftrag. Ich habe irgendwann mal gelernt - und ich glaube, das stimmt auch: Stillstand im geistlichen Leben ist eigentlich Rückschritt. Es stimmt, dass wir täglich aus der Bekehrung leben müssen. Ist das nur ein theologisches Gerede oder ist das eine Realität meines Lebens? Und selbst jetzt, in diesem Augenblick reflektierte ich das auch noch einmal. Aber ob ich es deshalb schon tue, ist noch einmal etwas ganz anderes.

Das Interview führte Thomas Jablowsky