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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Interview 04/2016

Kirche muss sich einmischen

Pfarrer Franz Schollerer ist Diözesanpräses der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) in Passau. Im Interview mit Gemeinde creativ erteilt er der Wachstumsgläubigkeit der Wirtschaft eine Absage, fordert ein Umdenken in Richtung Tätigkeitsgesellschaft und schwärmt für das Modell einer Gemeinwohlökonomie.

Pfarrer Franz Schollerer geboren 1953, wurde im Jahr 1980 zum Priester geweiht. Danach war er Kaplan in Regen und Vilshofen, ehe er in Schöllnach seine erste Pfarrerstelle antrat. Seit 1992 ist er „Arbeiterpfarrer“ in der Diözese Passau. In dieser Funktion hat er die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) im Bistum neu strukturiert. Pfarrer Schollerer leitet zudem die Betriebsseelsorge im Bistum Passau und arbeitet als Seelsorger an zwei Passauer Schulen mit behinderten Kindern und Jugendlichen.


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Gemeinde creativ: Wie hat sich die Arbeitswelt in den vergangenen Jahren geändert?

Schollerer: Die Ansprüche sind wesentlich höher geworden. Das heißt, einfache Tätigkeiten, wie es sie früher gegeben hat, fallen weg; etwa Lageristen. Arbeitsintensive Tätigkeiten werden gerne ausgelagert. Auch Anforderungen an Flexibilität und Mobilität sind deutlich gestiegen. Heute muss man dorthin gehen, wo die Arbeit ist. Die Arbeit ist vielfach nicht mehr vor Ort, also muss man pendeln oder wegziehen – der Arbeit hinterher, sozusagen. In Bayern hat das in den vergangenen Jahren viele Gemeinden im Bayerischen Wald getroffen. Die Jungen sind weg, die Dörfer ausgeblutet.

Welche Auswirkungen hat das auf die (Pfarr-)gemeinden vor Ort?

Eigentlich ist kirchliches Leben sehr geordnet. Es gibt das Kirchenjahr, es gibt den Wochenablauf, es gibt den Sonntag mit seinen festen Gottesdienstzeiten. Früher hat das gut funktioniert. Heute ist es schwieriger, die Leute einzubinden, weil deren Lebens- und Arbeitsrhythmus sich von dem der Kirche unterscheidet. Das Leben ist vielfach eben nicht mehr so geordnet, sondern ist flexibler und mobiler geworden. Manche Kollegen sagen, Erstkommunionvorbereitung sei nur noch an Samstagen möglich. Unter der Woche sind die Kinder verplant. Das liegt zum einen an den neuen Schultypen, vom Nachmittagsunterricht, über die Hausaufgabenbetreuung bis hin zur Ganztagesschule, aber auch an deren vielfältigen außerschulischen Aktivitäten, Sport, Ballett und Reiten zum verstehen, die sagen: Der Sonntag gehört mir und meiner Familie. Den brauchen wir für uns.

Wie sieht es mit den Ehrenamtlichen aus?

Ich erinnere mich an eine Gruppe der „Christlichen Arbeiterjugend“ (CAJ), in der einige junge Frauen aktiv waren, die im Einzelhandel tätig waren. Diese Menschen müssen bis 20 Uhr arbeiten, dann noch auf- oder einräumen und bis sie zu Hause sind, ist es 21 Uhr oder noch später. Das Ergebnis war: Die Gruppe hat sich aufgelöst, weil sie einfach keine Zeit fand, um sich zu treffen. Und das ist nur ein Beispiel. Für Schichtarbeiter oder Pendler wird es zunehmend schwieriger sich am sozialen, gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Ich sehe das auch bei der KAB mit Sorge. Wir vergreisen. Ehrenamt und Demokratie brauchen Zeit. Zeit, die viele Menschen nicht haben, obwohl sie sich gerne engagieren würden. An dieser Stellschraube müssen wir drehen.

Haben Sie eine Lösung parat?

Eine einfache Lösung dafür wird es wohl nicht geben. Hier braucht es einen tiefen Wandel, ein Umdenken in der gesamten Gesellschaft. Wir müssen wegkommen vom reinen Erwerbsarbeitsdenken und hin zu einer Tätigkeitsgesellschaft. Es kann nicht immer nur um Wachstum gehen. Gesellschaftlich gibt es unheimlich viele Aufgaben außerhalb der Erwerbsarbeit, die aber auch getan werden müssen: Familienarbeit, Pflege von Angehörigen etwa, oder denken wir an den Umweltbereich und ganz allgemein gesagt, das bürgerschaftliche Engagement. Die KAB spricht sich deswegen auch für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus, um Freiräume zu schaffen, in denen die Menschen sich engagieren können. Interessant finde ich folgende Zahlen. Eine Studie hat gezeigt, 80 Prozent würden trotz Grundeinkommens weiterarbeiten, aber genauso viele hätten den Verdacht, dass andere das nicht tun würden.

Inzwischen spricht man von Arbeitswelt 4.0, Robotik, Sensorik, Big Data und Vernetzung – ist der einzelne Mensch mit seinen Fähigkeiten immer weniger wert?

Der Mensch ist niemals überflüssig. Er wird gebraucht, steht aber mehr unter Druck denn je – Arbeitswelt und Privatleben mischen sich immer mehr. Bereitschaftsdienste nehmen zu, Arbeitgeber verlangen ständige Erreichbarkeit, schon am Frühstückstisch werden E-Mails kontrolliert und beantwortet, auf dem Smartphone nimmt man das Büro mit nach Hause. Es gibt inzwischen Firmen, die von ihren Mitarbeitern auch während des Urlaubs verlangen, wenigstens zwei Stunden verfügbar zu sein. Oder nehmen wir das Phänomen „Crowdworking“. Man könnte auch sagen, digitale Tagelöhnerei. Unternehmen schreiben Arbeiten aus, man antwortet und kann sie erledigen, wann man möchte. Das alles bedeutet eine enorme Entgrenzung von Arbeitswelt und Freizeit.

Erhöht das nicht auch den Druck auf den Menschen?

Ich habe gelesen, dass inzwischen jeder Sechste in therapeutischer Behandlung ist, weil er mit diesem Druck und den komplexen Lebensumständen nicht mehr fertig wird. Jedes fünfte Schulkind bekommt Medikamente. Diese Zahlen zeigen ganz klar: Der Druck ist größer geworden. Die nächste Gesellschaft wird eine Reparationsgesellschaft sein, sagen manche Wirtschaftstheoretiker: die Menschen reparieren muss, die Umwelt und eigentlich sich selbst. Der Soziologe Hartmut Rosa hat den Begriff des rasenden Stillstands geprägt. Das meint: Ich strample und strample nach bestem Wissen und Vermögen, aber nicht um vorwärts zu kommen, sondern um nicht zurückzufallen. Es wäre interessant den volkswirtschaftlichen Verlust auszurechnen. Einer zahlt immer den Preis, heißt es. Damit wir etwas billig kaufen können, zahlen die Menschen in den Produktionsländern den Preis, und damit große Firmen noch größer werden, die Arbeiter.

Ist dieses Thema für Kirche überhaupt relevant?

Unbedingt. Kirche muss sich einmischen und zwar um des Menschen willen. Sie muss sich einsetzen, damit alle gut leben können. Ich sehe darin auch eine große Chance für die Kirche. Zum einen muss Kirche Heimat sein, muss ein Ort sein, an dem die Menschen sich wohlfühlen, von dem sie wissen, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten, aber auch ihren Freuden und Hoffnungen, immer willkommen sind. Zum anderen wäre es an der Zeit eine Art Gegenkultur zu entwickeln. Also, anstatt von Flexibilität und Mobilität auf langfristige Bindungen und Beheimatung zu setzen. Dazu gehört auch, die Kultur des Sonntags zu pflegen. Der Mensch braucht solche Oasen der Ruhe heute mehr denn je.

Die katholische Kirche ist mit etwa 126.000 Beschäftigen einer der größten Arbeitgeber in Bayern. Kann sie anderen ein Vorbild sein?

Ich habe das Gefühl, dass sie eigentlich gut vorlebt, was sie von anderen fordert. Die tarifliche Bezahlung und auch die anderweitigen Arbeitsbedingungen sind recht gut. Und doch gibt es alternative Wirtschaftsmodelle, die man sich zumindest einmal anschauen sollte. Zum Beispiel die Gemeinwohlökonomie von Christian Felber. Darin zählen vor allem Aspekte wie Menschenwürde und Gerechtigkeit, eine gerechte Entlohnung oder die Möglichkeit zur Teilhabe. Das ist eine ganz spannende Sache. Wir vom Sachausschuss „Berufs- und Arbeitswelt“ im Diözesanrat Passau wollen das Bistum zu einem Modellversuch überreden. Wir wollen selbst vorausgehen und versuchen in bestimmten Bereichen diese Gemeinwohlökonomie zu praktizieren.

Pfarrer Rainer Maria Schießler aus München hat sich kürzlich in einem Interview zur ständigen Erreichbarkeit geäußert. Als Priester sieht er es sogar als seine Pflicht, dauernd für die Menschen in seiner Gemeinde erreichbar zu sein …

Zuerst ist das natürlich die Entscheidung jedes Einzelnen und eines ist auch klar: Als Priester bin ich da, wenn ich gebraucht werde. Egal, wie spät es ist. Aber ich denke schon, dass jeder seine Freiräume braucht, Zeit für sich, Zeit, in der er Kontakte pflegen kann zu Familie und Freunden. Auch ein Priester muss einmal ins Kino gehen oder einen lustigen Abend mit Freunden verbringen können. Denn nur, wenn ich mit mir selber gut umgehe, kann ich auch mit anderen gut umgehen.

Welche positiven Seiten hat denn die neue Arbeitswelt?

Die modernen Formen ermöglichen einerseits ein höheres Maß an Selbstbestimmtheit. Früher wurde den Ausscheidenden aus dem Berufsleben eine Uhr überreicht. Als Symbol dafür: Fortan kannst Du wieder selber über deine Zeit verfügen. Heute ist das nicht mehr notwendig, weil man deutlich flexibler ist und sein muss, was das Zeitmanagement betrifft. Diese Möglichkeit, sein Leben individueller zu gestalten, ist eine Chance. Aber natürlich nur für diejenigen, die mit dieser Freiheit umzugehen wissen.

Ein kleines Gedankenspiel zum Schluss: Ein engagierter Christ möchte ein Unternehmen gründen, wie müsste dieses nach der katholischen Soziallehre aussehen?

Zurück zur Gemeinwohlökonomie: Sie sieht vor, sich selbst zu zertifizieren und zu fragen, wie sieht es aus mit Menschenwürde in meinem Betrieb? Wie sind die Arbeitsschutzbedingungen? Wie gehen wir miteinander um, ist die Arbeit auch gerecht verteilt, unterstützen wir einander und kommen wir weg von diesem ewigen Konkurrenzkampf im Büro? Ist demokratische Beteiligung in meinem Betrieb möglich? Wie (ökologisch)- nachhaltig arbeiten wir? Sind die Löhne gerecht? Es gibt bereits einige Unternehmen, die das erfolgreich umsetzen. Das lässt hoffen, dass andere nachziehen. Aber es gibt noch viel zu tun, also laufen wir los.

Das Interview führte Alexandra Hofstätter