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  • GC 002 2017 Titel

Schwerpunktthema 04/2015

Wegwerfen war gestern

Upcycling bei der Caritas macht Spaß und schafft Arbeit

Von Klemens Bögner
Referent beim Deutschen Caritasverband

Auch Altes hat seinen Wert. Besonders deutlich wird das, wenn mit etwas Kreativität aus ausgedienten Dingen neue Produkte entstehen. Ein sichtbares Zeichen gegen die Wegwerfmoral: „Upcycling“ liegt im Trend. Immer mehr Konsumenten möchten sich von der Wegwerfgesellschaft distanzieren. In einem ausrangierten Kaffeesack aus Jute sehen sie nicht Müll, sondern die Haltbarkeit des Materials und die Ästhetik des Aufdrucks in großen Lettern wie „Coffee Brasil“ oder „Hamburg“. Geschickte Näher fertigen daraus die robuste Umschlagklappe für eine Umhängetasche, bringen noch den Sicherheitsgurt aus irgendeinem Schrottauto an und fertig ist eine schicke, stabile, weltläufig wirkende Einkaufstasche: Kaffeesack, Sicherheitsgurt und Alttextilien starten zusammen ein zweites Produktleben, anstatt die Müllberge zu vergrößern. Diesen Aspekt der Ressourcenschonung erfüllt auch klassisches Recycling, während die Vorsilbe „up-“ darauf hinweist, dass hier durch kreative Neukombination ausgedienter Materialien ein Mehrwert entsteht.

BUNTES SORTIMENT

Solche originellen Taschen, aber auch phantasievolle Lampen, Möbel, Dekorationsartikel und vieles mehr erzeugen Upcycling-Unternehmen der Caritas unter dem neuen Label EiNZIGWARE ®. Das Wort unterstreicht, dass Kunden stets ein Unikat erwerben, weil die Ausgangsmaterialien immer schon ein erstes Leben hinter sich haben. Kleine Macken, Schrammen oder reparierte Löcher gehören da zum besonderen Flair. „Massenware Mangelware“ lautet deshalb einer der Slogans, die zusammen mit dem Label entwickelt wurden.

Im Vergleich zu industrieller Fertigung verlangt Upcycling ein hohes Maß an menschlichem Arbeitseinsatz. Durch diese Besonderheit bietet es Beschäftigungsmöglichkeiten für handwerklich Talentierte, die aufgrund von Vermittlungshemmnissen wie beispielsweise psychischen Erkrankungen oder mangelnden Deutschkenntnissen am Arbeitsmarkt keine Chance bekommen. Die farben- und formenfreudige Welt der Upcycling- Produkte macht den Warenmeistern, wie die Mitarbeiter genannt werden, ebenso viel Spaß wie den Kunden, die den einen oder anderen „Blickfänger“ für ihre Wohnung oder ihre Garderobe ergattern können.

Der Online-Auftritt ist wie ein Schaufenster gestaltet, das in kurzen Abständen umdekoriert wird: Dazu stellen die teilnehmenden Upcycling- Betriebe Fotos und eine zugehörige Produktbeschreibung bereit, indem sie per Smartphone die kostenfreien Internetdienste Instagram und Facebook nutzen. Wem ein Artikel von einem der bisher 30 Einzigware-Standorte gefällt, kann sich zu dessen sonstigem Angebot weiterklicken oder ihm in den sozialen Medien folgen.

Die teilnehmenden Anbieter verpflichten sich, gemeinsame Qualitätskriterien einzuhalten: Einzigware- Produkte müssen aus gebrauchten Materialien bestehen, im Rahmen sozialer Beschäftigungsförderung entstanden sein und eine originelle Aufwertung ist Pflicht. Die Anbieter sind meist Mitglieder der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft Integration durch Arbeit im Deutschen Caritasverband (BAG IDA), der derzeit etwa 240 Beschäftigungsbetriebe angehören, darunter viele Fair- und Sozialkaufhäuser. Ein Caritas-Beschäftigungsbetrieb ist das „Nähwerk“ in München. Es gehört zur „Weißer Rabe soziale Betriebe und Dienste GmbH“, einem der größten Integrations- und Beschäftigungsunternehmen Bayerns. Andere Upcycling-Unternehmen der Caritas beschäftigen sich bevorzugt mit dem kunstvollem Aufbereiten von Möbeln und anderen Gebrauchsgegenständen aus Haushaltsauflösungen – so zum Beispiel der Caritasmarkt in Gaimersheim bei Ingolstadt. Dort hatte schon in den 1970er Jahren die Unzufriedenheit der Bürger mit der kommunalen Sperrmüllentsorgung dazu geführt, die oft noch gut erhaltenen Möbel und Gegenstände der Caritas zu spenden. Es entstand ein gemeinnütziger Wertstoffhof, der heute 300 geförderte Stellen hat.

Rund ein Viertel seines Volumens eignet sich für Re- und Upcycling: Uromas würdevolles Vertiko wird mittels historischer Werbeplakate und peppigen Farben zum Kultobjekt umgestaltet; zerkratzte, aber immer noch bunte und extrem stabile Snowboards bekommen eine zweite Zukunft als Sitzfläche und Rückenlehne einer Gartenbank. Auch der alte Rodelschlitten wechselt buchstäblich in den Ruhe-Stand: Mit ein paar Einlegeböden ausgestattet und hochkant gestellt, wird er zum besonderen Buchregal – so gesehen bei einem Caritas Beschäftigungsbetrieb im südbadischen Lörrach. Und nicht selten sind wundersame Lösungen dabei, wie etwa Restaurant- Speisekarten, die in edlem Weiß auf schwarzglänzenden Vinyl-Schallplatten prangen.

BOTSCHAFTER DES UMWELTSCHUTZES

Eine Caritaskampagne gab 2014 den Anstoß, die Aktivitäten der Upcycling- Vorreiterbetriebe zu bündeln. Das Kampagnenmotto lautete „Weit weg ist näher, als du denkst“, es meinte neben anderen Aspekten internationaler Solidarität auch den Klima- und Ressourcenschutz. Denn viele industrielle Grundstoffe werden in Entwicklungs- und Schwellenländern unter schlechten Bedingungen für Mensch und Umwelt gewonnen. Wenn nun durch Upcycling entsorgte Baumwoll- Bettwäsche als gebatikter Einkaufsbeutel weiterverwendet wird, muss keine neue Baumwolle unter hohem Herbizid- und Wassereinsatz erzeugt werden. Die Upcycling-Anbieter der Caritas tragen so zur allgemeinen Bewusstseinsbildung bei – auch ganz gezielt: Der Caritasmarkt Gaimersheim beispielsweise lädt regelmäßig Schulklassen zu Mitmach-Aktionen ein. Andere arbeiten mit Künstlern, Designern und Hochschulen zusammen, richten Workshops und Modenschauen zum Textil-Upcycling aus. In dieser Hinsicht bietet Upcycling auch findigen Pfarrgemeinden neue Möglichkeiten: Sie können zusammen mit den örtlichen Kleiderkammern oder Gebrauchtwarenläden kreative Beschäftigungsmöglichkeiten für Flüchtlinge auf die Beine stellen. So hat sich auch schon eine Partnerschaft mit dem österreichischen Künstler Sepp Pfeiffer ergeben, der ein Patent zum Upcycling ausgedienter „Gotteslob“-Bücher hält. Er macht daraus hochwertige Designermöbel für Sakristeien, Buchhandlungen oder Konferenzräume.