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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Interview 04/2015

Vom Bayerwald zum Schneefernerhaus

Umweltministerin Ulrike Scharf appelliert an kirchliche Verbände, im Umweltengagement nicht nachzulassen und spart privat beim Plastik.

Die 48-jahrige Ministerin stammt aus dem Landkreis Erding. Seit vergangenem Jahr ist die gelernte Bankkauffrau, studierte Betriebswirtin und Unternehmerin Bayerische Staatsministerin fur Umwelt und Verbraucherschutz. Seit vielen Jahren sitzt sie im Erdinger Kreistag, war in den Jahren 2006 bis 2008 bereits im Bayerischen Landtag, ehe sie 2013 wieder den Sprung dorthin schaffte. Ihre Erfahrungen aus dem Familienunternehmen helfen ihr auch in der Politik, sagt Ulrike Scharf, die nicht nur beruflich auf die Umwelt achtet. Privat verzichtet sie, wann immer es geht, auf Plastiktuten und greift stattdessen zum mitgebrachten Einkaufskorb. Zudem engagiert sie sich im Diozesanrat Munchen und Freising.


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Gemeinde creativ: Nicht ganz ein Jahr sind Sie nun im Amt. Wie haben Sie die vergangenen Monate erlebt?

Ulrike Scharf: Vor allem ziemlich intensiv. Man lernt Bayern noch einmal von einer ganz anderen Seite kennen, angefangen vom Schneefernerhaus mit der Umweltforschungsstation über unsere zwei Nationalparks in Berchtesgaden und im Bayerischen Wald bis hin zur Artenvielfalt. Es ist faszinierend, dass man in Bayern fast 80.000 Arten vorfindet. Leider ist auch bei uns ein Artenschwund erkennbar, aber wir haben gute Maßnahmen dagegen gestartet. Und natürlich war ein ganz großes Thema bisher der Hochwasserschutz. Insgesamt ein neuer Blick für mich auf Bayern, aber ein sehr schöner.

Als Umweltministerin sind Sie viel draußen unterwegs, Sie besuchen Umweltfeste und vor kurzem haben Sie ein Fledermauszentrum eröffnet – das klingt nach einem abwechslungsreichen und vor allem gesunden Job, weil viel frische Luft?

Ja, ich durfte jetzt viel draußen sein, gerade auch mit unserem Bildungsthema „Naturvielfalt Bayern“. Ich sehe es als Privileg, in einer Position zu sein, in der man die Naturschönheiten, die Bayern zu bieten hat, nach und nach erfahren und erleben kann. Morgens gehe ich oft mit zwei oder drei Paar Schuhen aus dem Haus. Von den Gummistiefeln bis zum Stöckelschuh ist je nach Terminkalender alles dabei.

Klimawandel und Energiewende beherrschen die öffentliche Debatte. Wie beurteilen Sie die Chancen für die Realisierung der Energiewende in Bayern?

Die Energiewende ist eine der ganz großen Herausforderungen und Aufgaben unserer Zukunft. Es muss gelingen, dass wir das umsetzen, was gesellschaftlicher Konsens ist: den Ausstieg aus der Kernenergie. Hier sind wir schon sehr weit gekommen, insbesondere in Bayern. Wir haben bereits deutlich mehr als 30 Prozent Anteil Erneuerbarer Energien, unser Ziel sind 50 Prozent bis zum Jahr 2021. Als Umweltministerin begleitet mich das Thema „Energiewende“ im Bereich Ausstieg aus der Kernenergie und Rückbau der Kernkraftwerke. Das ist eine der großen umweltpolitischen Aufgaben der nächsten 20 Jahre. Gemeinsam mit den Betreibern wollen wir an den Standorten wieder „grüne Wiese“ schaffen, also den vollständigen Rückbau.

Einen Ausstieg aus dem Ausstieg der Kernenergie wird es nicht geben?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Die politische Entscheidung zum Ausstieg wurde gemeinsam getroffen und in den vergangenen Jahren sukzessive umgesetzt.

Die Erinnerungen an den G7-Gipfel auf Schloss Elmau sind noch frisch. Auch dort war „Klima“ ein wichtiges Thema.

Es freut mich, dass im Rahmen des G7-Gipfels das Thema „Klima und Klimawandel“ so sehr in den Mittelpunkt gestellt wurde, weil wir gerade beim Klimawandel noch mehr Bewusstseinsschärfe brauchen. Bei jedem muss ankommen, dass dieser Wandel stattfindet. Nehmen wir beispielsweise unsere Gletscher: man kann ihnen förmlich beim Schmelzen zuschauen. Wenn wir nicht gegensteuern, haben wir in 20 Jahren vielleicht nur noch einen bayerischen Gletscher.

Als Vorsitzende der Konferenz der Umweltminister werden Sie an der Klimakonferenz in Paris teilnehmen – was erwarten Sie sich?

Viel. Und ich bin aus unterschiedlichen Gründen sehr zuversichtlich. Wir haben Rückenwind vom G7- Gipfel und wir haben ein klares und ehrgeiziges Ziel: Bis zum Jahr 2050 wollen wir in Bayern den CO2-Ausstoß auf zwei Tonnen pro Person und Jahr reduzieren. Wir sind im Moment bei sechs Tonnen, der Bundesdurchschnitt liegt bei sieben, die USA bei 17 Tonnen. Zwei Tonnen sind ein ehrgeiziges Ziel, aber da müssen wir hin. Ein Beispiel, das zeigt, was möglich ist: Ich war kürzlich bei der Fach- und Berufsoberschule in Erding. Der Neubau ist Passivhausstandard. Dort können 80 Prozent an Primärenergie eingespart werden. Das ist wirklich großartig. Das sind Beispiele, die Mut machen.

Welches Thema würden Sie gerne bei den Menschen bekannter machen, was kommt zu kurz – in der öffentlichen Debatte und in den Köpfen der Menschen?

Es gibt Nischenthemen, die von den Leuten kaum wahrgenommen werden. Eines davon ist das Thema „Mikroplastik“. Ich konnte jetzt die erste Bilanz einer wissenschaftlichen Studie vorstellen. Das Ergebnis ist: Mikroplastik ist ein Problem. Viele kennen die Bilder von großen Plastikinseln in unseren Ozeanen, aber Plastik findet sich auch in unseren bayerischen Gewässern. Hier müssen wir weiter forschen und die Bevölkerung wachrütteln, denn Gegensteuern ist hier eigentlich recht einfach: Jeder Deutsche verbraucht im Jahr rund 65 Plastiktüten. Da appelliere ich an die Freiwilligkeit der Leute. Gerade beim normalen Wocheneinkauf bietet es sich an, eine Stofftasche oder Körbchen statt Plastiktüten zu nehmen. Auch in der Kosmetikindustrie gibt es bereits Firmen, die kein Mikroplastik mehr in ihren Produkten verwenden. Jeder kann ganz einfach beim Produktkauf darauf achten. Das ist nur ein kleiner Bereich, aber je rechtzeitiger wir etwas unternehmen, umso erfolgreicher sind wir beim Schutz unserer Lebensgrundlagen.

Was erwarten Sie sich von Pfarrgemeinden und anderen kirchlichen Gruppen in Bezug auf Umweltschutz?

Der Umweltschutz lebt von Menschen, die sich leidenschaftlich für die Schöpfung und ihren Erhalt einsetzen. Ich setze ganz stark auf die Ehrenamtlichen. Gleich zu Beginn meines Amtsantritts hatte ich die Gelegenheit die „Grünen Engel“ auszuzeichnen. Das sind Ehrenamtliche, die im Naturschutz tätig sind. Insgesamt haben wir bayernweit eine Million Menschen, die sich bewusst für den Naturschutz einbringen. Ohne sie geht es nicht und deshalb möchte ich auch an die kirchlichen Verbände appellieren, nicht nachzulassen und sich weiter im Sinne der Bewahrung der Schöpfung zu engagieren. Das hat natürlich auch viel mit Bewusstsein zu tun: Je bewusster ich mit der Natur umgehe, je mehr ich sie wertschätze, umso mehr setze ich mich für sie ein.

Papst Franziskus hat kürzlich die erste päpstliche Enzyklika überhaupt zum Thema „Umwelt“ veröffentlicht. Für wie wichtig erachten Sie solche offiziellen, kirchlichen Schreiben?

Ich glaube, dass es gerade bei Themen, die so übergreifend sind wie der Umwelt- und Naturschutz, enorm wichtig ist, dass ein starkes Signal aus der Kirche kommt. In diesem Fall bin ich auch deshalb dankbar, weil es uns eine größere Plattform verschafft. Die Bayerische Staatsregierung pflegt ein gutes Verhältnis zu den Kirchen. Es gibt regelmäßige Treffen. Das sind feste Einrichtungen. Ich finde das geradezu eine Notwendigkeit, weil Fragen zu Asyl, Integration oder eben auch Naturschutz hier richtig angesiedelt sind.

Vor einiger Zeit waren Sie im Rahmen der Bayerntour Natur im Isarmündungsgebiet bei Deggendorf unterwegs. Was schätzen Sie an solchen Terminen. Ist es die Nähe zu den Leuten, sind es die Gespräche, das Naturerlebnis?

Ortstermine sind immer wertvoll, weil man einen ganz anderen Bezug zum Thema bekommt. Beispielsweise wenn es um den Hochwasserschutz geht, muss man vermitteln. Auch extreme Positionen sind aus meiner Sicht häufig zu vereinen. Es lassen sich immer wieder Kompromisse finden. Beim Hochwasserschutz geht es um Menschenleben, das muss einem bewusst sein und diese Menschenleben haben oberste Priorität. Gerade bei Streitfragen ist es unumgänglich, dass man sich persönlich ein Bild macht. Als ich als Umweltministerin angefangen habe, haben wir eine Dialogreihe zu den an der Donau geplanten gesteuerten Flutpoldern gestartet. Der Dialog war sehr intensiv. Wir haben mit ihm etwa 5.000 Menschen erreicht. Bei der größten Veranstaltung waren mehr als 1.000 Teilnehmer und von denen waren nahezu alle skeptisch gegenüber der Planung. Trotzdem hätte ich auf keine Veranstaltung verzichten wollen.

Was tun Sie persönlich für die Umwelt?

Ich verzichte bewusst auf Plastiktüten beim Einkaufen. Hier im Ministerium haben wir auch Elektroautos. Sobald ich Strecken habe, die sich dafür eigenen, nutze ich sie. Was mir unheimlich am Herzen liegt, ist Regionalität im Lebensmittelbereich: Unser Haus heißt ja auch Lebensministerium. Die „Mittel zum Leben“, die „Lebensmittel“ werden bei uns leider immer noch nicht mit dem Stellenwert bedacht, wie ich mir das wünschen würde. In dem Bereich findet gerade ein Umdenken statt und ich mache darauf aufmerksam, wann immer ich Gelegenheit dazu habe: Ich brauche im Winter keine Erdbeeren auf dem Tisch. Ich esse sie, wenn sie bei uns reif sind. Das gleiche gilt für Spargel. Dann muss man zwischendurch warten, aber in der Zeit kann man sich schon wieder darauf freuen. So bekommen Lebensmittel wieder einen besonderen Wert.

Das Interview führte Alexandra Maier