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Schwerpunktthema 03/2015

Mama Regina und das Los der Mädchen

missio stellt mit dem neuen Projekt „Furchtlos“ mutige Frauen weltweit in den Mittelpunkt

Von Barbara Brustlein
Leiterin der Abteilung "Kommunikation" bei missio

In der Mara-Region im Norden Tansanias gilt seit alters her, dass Frauen weniger wert sind als Männer. Wesentliche Rechte werden ihnen abgesprochen. Mädchen werden der Tortur der Beschneidung unterzogen. Eine Frau stellt sich dagegen. Und bewirkt nach und nach den Wandel in den Köpfen.

Fünf Kühe. Das war der Preis, den Onkel und Tante vereinbarten, als sie Pendo verheirateten. Pendo sitzt auf einem weißen Plastikstuhl, ihre dünnen Beine schlackern hin und her. Sie ist acht Jahre alt. Eine Achtjährige, die eine Ehe hinter sich hat. Ihr Ehemann war 54. Seine anderen Frauen waren ihm davongelaufen, also bezahlte er die fünf Kühe für das Mädchen. Drei Monate wohnte Pendo bei ihm. Von dieser Zeit kann sie nicht sprechen. Die großen Augen in dem Kindergesicht irren in alle Richtungen, die Stimme versagt. Aber Pendo hatte Glück. „An einem Tag war ich alleine im Haus. Da bin ich weggerannt“, sagt sie. Die Achtjährige schlug sich durch und schaffte es bis Musoma, der Stadt am Viktoriasee. Hier hat sie Zuflucht gefunden in einem Haus namens „Jipe Moyo“, zu deutsch „Fass Dir ein Herz“. Dort haben Ordensfrauen das Mädchen aufgenommen.

Regina Andrea Mukama, 64, sitzt neben ihr. Ihr Gesicht ist versteinert, als sie der Achtjährigen zuhört. Solche Geschichten lassen in Mama Regina, wie die Menschen sie hier nennen, die Wut aufsteigen; auch nach Jahrzehnten der Arbeit und des Einsatzes für Frauenrechte in Tansania. Oder vielleicht gerade deswegen.

Mama Regina ist nicht irgendwer. Man kennt sie in den Dörfern. Man kennt sie auch in Regierungskreisen als eine Frau, die erreicht, was sie will. Nicht jeder hier mag Mama Regina. Manchen wäre es lieber, sie würde endlich aufhören, gegen die uralten Sitten zu wettern. Gegen Polygamie, gegen häusliche Gewalt – und vor allem dagegen, Mädchen beschneiden zu lassen. „Das ist nur ein Mittel sie zu unterdrücken“, sagt sie. „Damit fängt die Gewalt gegenüber uns Frauen an: mit einer grauenhaften, sinnlosen Tortur, an der etliche sterben. Und wer überlebt, leidet den Rest des Lebens!“

Nicht überall in Tansania werden Mädchen beschnitten. Selbst in der Region Musoma sind die Traditionen unterschiedlich. Seit alters her sind Beschneiderinnen hoch angesehen und verdienen gutes Geld. Ein Mädchen gilt erst dann als erwachsen, wenn es beschnitten ist. Verweigert es sich dem Eingriff, gilt es als Sonderling und wird an einen Greis verheiratet. Mama Regina weiß, dass sich die Dinge hier ändern. Viele wollen diese Traditionen nicht mehr haben. Immer wieder verlässt sie ihr Büro in Musoma, wo sie über jeden einzelnen Fall Buch führt und Hilfesuchende berät. Sie setzt sich in den Jeep und lässt sich ein paar Stunden lang auf den von Schlaglöchern durchsetzten Pisten durchschütteln. Bis sie dort ankommt, wo sie den Wandel in den Köpfen bewirken will, draußen in den Dörfern.

UNRECHT NICHT AKZEPTIEREN

Immer wieder hält der Wagen, nimmt ein paar Fahrgäste auf, die zu Fuß auf der staubigen Straße unterwegs sind. Mama Regina lacht und schäkert mit den Mitfahrern. Nur einmal, als eine magere Frau zusteigt, dämpft sie den Ton und das Gespräch wird ernst. „Ihr Mann ist Alkoholiker und schlägt sie im Suff“, sagt Regina, als die Frau aussteigt, um zu Fuß in einen Pfad abzubiegen, der sie nach Hause führt. „So viel Gewalt und Ungerechtigkeit, überall.“ Sie seufzt.

Unrecht zu akzeptieren gehört nicht zu ihren Gewohnheiten. Sie selbst wäre auch beinahe unter die Räder der Traditionen gekommen: Regina, ausgebildete Grundschullehrerin und Mutter von sechs Kindern, war glücklich verheiratet, als ihr Mann bei einem Autounfall ums Leben kam. „Später habe ich verstanden, was er meinte, als er immer sagte: Das Schlimmste ist, wenn man als einzig Gebildeter unter lauter Ungebildeten lebt.“ Die „Ungebildeten“, das waren seine Familienangehörigen, die, kaum war er verunglückt, Hab und Gut des Verstorbenen – und seiner Frau – auf denkbar schlichte Weise an sich reißen wollten: Regina sollte an einen Bruder ihres Mannes „vererbt“ werden, als weitere Ehefrau. „Ich erbat mir Bedenkzeit, aber im Inneren wusste ich: Das kann ich nicht.“ Das bedeutete wiederum, dass Regina nach den Regeln des Dorfes weggehen sollte und ihre Kinder, als Besitz der Familie des Mannes, zurücklassen. „Aber das konnte ich noch weniger.“

ABENTEUERLICHE FLUCHT

Und so begann die abenteuerliche Flucht von sechs Kindern, einen Tag später gefolgt von Mama Regina. Über Umwege gelang es ihr, die Kinder zu ihren Eltern zu bringen und damit in Sicherheit. Mehr als drei Jahre arbeitete sie, um finanziell auf eigenen Füßen zu stehen, dann holte sie ihre Kinder zu sich. Damals begann ihre eigentliche Arbeit: „Das Unrecht gegenüber uns Witwen ließ mich nicht los. Also brachte ich Witwen zusammen.“ Daraus wurden Gesprächskreise und Selbsthilfegruppen, die an Einfluss gewannen. Irgendwann fragte Michael Msonganzila, Bischof von Musoma, ob Regina ihre Kraft nicht in seiner Diözese einsetzen wolle.

Im November und Dezember ist „Beschneidungszeit“. Mehr und mehr Eltern wollen ihren Kindern die Tortur ersparen. Aber oftmals gibt es Verwandte, die die Sache selbst in die Hand nehmen. „Es passiert, dass ein Verwandter mit einigen Leuten kommt und das Kind gewaltsam zur Beschneidung bringt“, sagt Regina. Wenn Eltern befürchten, dass das bevorsteht, sagen sie ihren Kindern: Rennt fort, so schnell ihr könnt. Sie drücken den Mädchen Handys in die Hand, die Mama Regina und ihr Team verteilen. „Die Mädchen rennen und rennen. Wenn sie ein Stück weit von zu Hause weg sind und Verfolger sie nicht mehr leicht aufspüren können, wählen sie unsere Nummer, und wir kontaktieren jemanden, der sie ins Camp bringt.“

CAMPS ALS ZUFLUCHT

Auch wegen dieser Camps ist Mama Regina denen ein Dorn im Auge, die das alte Gedankengut bewahren wollen: dass eine Frau weniger wert ist als ein Mann, dass sie keinen eigenen Besitz erwirtschaften kann, dass es sich nicht lohnt, Mädchen zur Schule zu schicken, dass sie beschnitten werden sollen. 500 bis 1000 Mädchen fasst das Camp jedes Jahr. Regierungssoldaten müssen es sichern, denn die Wut und Gewaltbereitschaft der Beschneidungsbefürworter ist groß. Im Januar beginnt die Schule wieder. Damit ist die akute Gefahr für die meisten Mädchen erst einmal gebannt. Für diese Kinder wurde mit Hilfe von missio-Spenden „Jipe Moyo“ neu erbaut, das Haus, in dem auch die kleine Pendo Unterschlupf gefunden hat. 24 Mädchen können dort unterkommen.

WENIG GELD, GROSSE WIRKUNG

Mama Regina unterrichtet die jungen Leute darin, wie sie zum Beispiel Seife herstellen können. Etwas, das Geld bringt. Wenig Geld, das enorm viel verändert.

Wie bei Christina Muajuma, 61. Sie wohnt ein paar Dörfer weiter und zeigt ihre drei „Häuser“: die kleine Hütte, in der sie wohnte, als ihr Mann sie verließ und zu einer anderen Frau zog. Und die beiden stabilen Häuser, die sie seither selbst finanziert hat. „Wenn ich früher begonnen hätte, wäre ich heute Millionärin!“, sagt sie und lacht. Dann holt sie ein Schulheft aus dem Haus und verrät ihr Erfolgsrezept: „Haargenaue Buchhaltung: Hier sind meine Einnahmen exakt aufgelistet und daneben die Ausgaben.“

Gelernt hat sie das bei Mama Regina, vor vielen Jahren, gemeinsam mit anderen im Dorf. Die „Gemüsefrau“, wie ihre Nachbarn sie nennen, nahm einen Mikrokredit auf, pflanzte an und verkaufte, was wuchs und gedieh. Bald reichte das Geld für einen Regenwassertank. Mittlerweile besitzt sie selber Kühe. Früher war das undenkbar: Dass eine Frau nicht gegen Kühe verkauft wird, sondern selber welche besitzt.