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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Interview 03/2015

"Pionierin" bei der Bundeswehr

Als Exotin hat sich Claudia Wagner trotzdem nie gefühlt

Die 36-Jahrige war zwölf Jahre lang Zeitsoldatin, dann hat sie sich für einen zivilen Beruf entschieden. Sie hat in Freising am Staatsinstitut für die Ausbildung von Förderlehrern studiert. Seit September 2014 unterstutzt sie als Förderlehrerin an Grund- und Mittelschulen Kinder mit Lernschwachen, aber auch solche, die schon weiter sind als ihre Klassenkameraden. Anfangs im Studium habe sie sich mit wissenschaftlichen Texten schwer getan: „Die Bundeswehrsprache war einfach zu sehr drin.“ Auch später im Referendariat habe sie das öfter von ihrem Seminarleiter zu hören bekommen: „Den Ton wird man so schnell nicht los“, lacht sie. Seit vier Jahren arbeitet Claudia Wagner ehrenamtlich als Vertreterin der Gemeinschaft katholischer Soldaten (GKS) im Sachausschuss „Familie – Erziehung – Bildung“ des Landeskomitees mit.


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Gemeinde creativ: Frau Wagner, Sie waren Zeitsoldatin, heute sind Sie Förderlehrerin. Das ist ein nicht alltäglicher Lebenslauf, vor allem nicht für eine Frau. Warum haben Sie damals den Weg zur Bundeswehr eingeschlagen?

Claudia Wagner: Für mich war von Anfang an klar, ich möchte etwas anderes machen als alle anderen. Dann habe ich überlegt: Was machst Du? Ich wollte etwas, bei dem ich meine eigenen Grenzen austesten kann und körperlich gefordert bin, damit ich mich besser kennenlerne und einschätzen kann. Wo ist bei mir die Grenze, wo bin ich belastbar und wo nicht so sehr? All das hat mich damals umgetrieben. Als ich auf die Bundeswehr gestoßen bin, wurde eine gewisse Abenteuerlust geweckt. Das war die Idee und so habe ich das dann auch gemacht.

Gemeinde creativ: Sie haben schon gesagt, Sie wollten was anderes machen als alle anderen. Wie waren denn die Reaktionen aus dem Umfeld?

Claudia Wagner: Von meiner Familie her hat es überhaupt keine Reaktionen gegeben, weder im positiven noch im negativen Sinn. Die hat einfach akzeptiert, dass ich diesen Weg einschlagen wollte. Aber im Freundeskreis sind die Meinungen schon ziemlich stark auseinandergegangen: Von „Bist Du verrückt“ bis hin zu „Mensch, super! Ja mach das.“

Gemeinde creativ: Wie schätzen Sie die aktuelle Situation von Frauen bei der Bundeswehr ein?

Claudia Wagner: Ich glaube, dass die Frauen nicht mehr besondere Exotinnen sind. Bestimmt gibt es Bereiche, in denen Frauen immer noch wenig vertreten sind. Allerdings bin ich auch schon wieder sieben Jahre weg.

Gemeinde creativ: Haben Sie den Eindruck, dass der Wegfall der Wehrpflicht hier etwas verändert hat. Hat das vielleicht mehr Frauen zur Bundeswehr gebracht?

Claudia Wagner: Ich denke eigentlich nicht. Denn, im Gegensatz zu Männern haben Frauen sich ja immer schon freiwillig für die Bundeswehr beworben, auch als es die Wehrpflicht noch gegeben hat. Deswegen glaube ich nicht, dass seit dem Wegfall der Wehrpflicht wesentlich mehr Frauen motiviert worden sind als vorher.

Gemeinde creativ: Mit Soldaten verbindet jeder sein eigenes Bild. Vielleicht so eine Art Mythos oder eine Fantasie, weil man im Alltag relativ selten auf sie trifft. Aus Ihrer Erfahrung: Ist diese Einschätzung gerechtfertigt?

Claudia Wagner: Ich kann mir vorstellen, dass der Mythos und die Fantasie entstehen, weil sich die Gesellschaft meiner Ansicht nach zu wenig für die Bundeswehr interessiert. Man sieht Soldaten nur als Menschen in Uniform. Das Interesse endet sprichwörtlich am Kasernentor. Und wenn man sich selbst nicht damit beschäftigt, ist es schwierig, dass man sich ein richtiges Bild macht. So entstehen diese Mythen.

Gemeinde creativ: Das, was bei den Leuten von der Bundeswehr ankommt oder über Jahre hinweg ankam, das sind Auslandseinsätze und Kämpfe. Was würden Sie sagen: Ist der Beruf des Soldaten, der Soldatin, objektiv betrachtet gefährlicher als ein anderer?

Claudia Wagner: Meiner Ansicht nach ist er nicht gefährlicher als manch anderer. Nehmen wir einmal den Berufskraftfahrer – und das ist nur ein Beispiel. Wenn man sich ansieht, wie viele Unfälle sich tagtäglich auf unseren Straßen ereignen, wie viele Menschen auf den Straßen ums Leben kommen, dann ist der Beruf des Soldaten objektiv betrachtet nicht gefährlicher als manch anderer.

Gemeinde creativ: Ist Angst ein Thema im Soldaten- Alltag? Wie geht man als Soldat damit um?

Claudia Wagner: Angst ist mit Sicherheit ein Thema, auch im Bezug auf Auslandseinsätze. Aber ich glaube, die größte Angst ist die: Was passiert, wenn ich wieder zurückkomme? Was hat sich zu Hause verändert? Passe ich da überhaupt noch hinein? Das Leben der Familie und der Freunde geht weiter, während man weg ist. Die größere Sorge besteht also in der Angst vor Veränderungen. Gerade bei Familien ist das ein Thema: Wie nehmen das die Kinder auf, wie gehen sie damit um, dass der Papa oder die Mama so lange nicht da ist?

Gemeinde creativ: Kennen Sie das aus eigener Erfahrung?

Claudia Wagner: Wir haben das so ähnlich auch erlebt, als unsere Tochter noch klein war. Wenn einer von uns auf einem Lehrgang war und nur am Wochenende heimgekommen ist, dann hat es ein bisschen gedauert bis sie wieder zur Normalität übergegangen ist. Sie war dann entweder überdreht oder sie hat sich zurückgezogen.

Gemeinde creativ: Landläufig spricht man gerne von starken Frauen. Ich würde jetzt denken, das trifft auf keine Gruppe so treffend zu wie auf Soldatinnen. Wie sehen Sie das?

Claudia Wagner: Das würde ich so pauschal nicht sagen. Ich finde nicht, dass starke Frauen Soldatinnen sind oder dass nur Soldatinnen starke Frauen sind. Ich denke, starke Frauen gibt es überall in der Gesellschaft, nicht nur unter Soldatinnen. Ich muss als Frau jeden Tag und überall „meinen Mann stehen“, egal ob im Haushalt oder im Berufsleben – nicht nur in der Kaserne.

Gemeinde creativ: Haben Sie den Schritt zur Bundeswehr jemals bereut?

Claudia Wagner: Definitiv nein! Ich habe so viele Erfahrungen durch die Bundeswehr gewonnen, die ich auch jetzt in meinen Beruf als Förderlehrerin nutzen kann. Das möchte ich nicht missen müssen.

Gemeinde creativ: Beruflich haben Sie sich nach zwölf Jahren bei der Bundeswehr umorientiert. Heute sind Sie Förderlehrerin. Was hat Sie gerade an diesem Beruf gereizt?

Claudia Wagner: Als unsere Tochter in die erste Klasse gekommen ist, hatte sie anfangs Probleme mit der Lesesynthese, also mit dem Lesefluss und dem Sinnverständnis. Dann habe ich mich erkundigt, wie ich sie am besten unterstützen kann und da bin ich mehr oder minder zufällig im Internet über den Beruf des Förderlehrers gestolpert. Ich habe gemerkt, dass mir das Spaß macht, schwächere Schüler in ihrem Lern- und Entwicklungsprozess zu unterstützen, und da habe ich mir gesagt: Warum machst Du das nicht zu deinem Beruf?

Gemeinde creativ: Ihr Alltag sieht heute sicher ganz anders aus als früher. Was ist die markanteste Veränderung?

Claudia Wagner: Ganz ehrlich? Jeden Tag überlegen zu müssen: Was ziehe ich heute an? Da hat es früher keine Diskussion gegeben. Da hing eine Uniform im Schrank, die einzige Frage, die sich gestellt hat, war: Ziehe ich noch eine Jacke drüber oder nicht.

Gemeinde creativ: Als Förderlehrerin haben Sie viel mit Eltern zu tun, mit welchen Anliegen und vielleicht auch Sorgen kommen die zu Ihnen?

Claudia Wagner: Oftmals kommen Eltern und fragen: Was kann ich machen, um mein Kind zu unterstützen? Mit welchen Mitteln kann ich ihm helfen? Gibt es Fördermaterial, damit ich es im Lernprozess weiterbringen kann? Das sind die Hauptanliegen. Wir sind speziell für die Individualisierung der Kinder ausgebildet. Das Kind steht bei uns im Vordergrund. Wir holen die Kinder da ab, wo sie gerade stehen.

Gemeinde creativ: Sie selbst standen und stehen – zuerst als Soldatin, jetzt als Lehrerin – immer fest mit beiden Beinen im Berufsleben. Gab es für Sie je die Option zu pausieren und eine Zeit lang ganz Zuhause zu bleiben?

Claudia Wagner: Überhaupt nicht. Damals als unsere „Kleine“ klein war, gab es Kindertageseinrichtungen in unserem Umkreis noch nicht und wir haben das dann so gemeistert: Neben dem Kasernengelände gab es einen Kindergarten. Der hat aber damals erst um 7.30 Uhr geöffnet. Das heißt, wir sind mit unserem Kind morgens in die Kaserne und mein Mann hatte – das muss man an der Stelle wirklich sagen – einen ganz tollen Kompaniechef. Unser Kind ist also in der früh zuerst beim Chef am Schreibtisch gesessen, hat dort Bilder gemalt und dann hat sie der Chef mitgenommen zum Antreten der ganzen Einheit – das fand unsere Kleine natürlich super. Zum Dienstschluss haben wir unser Kind im Kindergarten wieder abgeholt. Als sie eingeschult wurde, war ich dann ein Jahr daheim, um den Übergang vom Kindergarten in die Grundschule zu erleichtern. Aber dann hat sie nach diesem Jahr gemeint: Ja Mama, jetzt kannst du wieder in die Arbeit gehen, ich kann das jetzt auch ohne dich.

Das Interview führte Alexandra Maier