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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Schwerpunktthema 03/2014

Aufgaben für Pfarrgemeinderäte

Engagiert für Gemeinde und Gesellschaft

Von Gabriele Pinkl

Wie erklärt man anderen, die nicht mit unseren kirchlichen Strukturen vertraut sind, was der Pfarrgemeinderat ist und welche Aufgaben er hat? Diese Frage hat mich in den letzten Monaten immer wieder beschäftigt, denn sie ist nicht nur relevant für das Vermitteln von Aufgaben im Pfarrgemeinderat (PGR) nach „außen“, sondern immer mehr auch innerhalb der Kirche. Wir reden selbstverständlich in einer „kirchlichen“ Sprache, die viele außerhalb der Kirche, und nicht wenige innerhalb der Kirche gar nicht mehr verstehen.

Vielleicht könnte man die Aufgabe im PGR am besten umschreiben mit „Der Pfarrgemeinderat ist die demokratisch gewählte Interessenvertretung der Katholiken in Kirche und Gesellschaft auf Gemeindeebene.“ Damit treffen wir wahrscheinlich schon den Kern der damit zusammenhängenden Fragen: Was ist unter „Gemeinde bzw. Pfarrei“ zu verstehen? Welche Interessen wollen wir vertreten?

Wer gehört zur Gemeinde?

Unsere Satzungen für die Pfarrgemeinderäte sagen, dass alle getauften Katholiken ab der Firmung, bzw. ab dem 14. Lebensjahr wahlberechtigt sind, je nach Satzung in den Diözesen, die aber im Grundsatz sehr ähnlich sind. Das heißt: Es gehören alle dazu, die katholisch getauft sind – auch die Kinder und Jugendlichen, die noch nicht gefirmt sind, oder noch nicht 14 Jahre alt. Sie dürfen zwar noch nicht wählen, aber sie gehören selbstverständlich zur Gemeinde.

Wer getauft ist, „gehört Christus an“. Es gibt keine Einschränkungen, dass nur die zu unserer Kirchengemeinde gehören würden, die jeden Sonntag zum Gottesdienst gehen, oder nur die, die ein „sündenfreies Leben“ vorweisen (können). Wir wissen, dass wir alle Schwächen haben, Fehler machen, mit Brüchen in unserer Biografie leben, immer wieder „sündig werden“, wie es die kirchliche Sprache ausdrückt. Und doch gehören wir dazu! Genau so, wie wir sind.

Dazu gehört, wer getauft ist, und sich nicht durch einen formalen Akt von der Kirche gelöst hat. Ich finde es sehr beruhigend und auch realistisch, dass wir davon ausgehen können, dazuzugehören, auch wenn wir in unserem Leben nicht perfekt sind.

Es gibt dazu in der Bibel wunderbare Bilder: Der Hirt geht jedem einzelnen verlorenen Schaf nach, lässt es nicht im Stich, sucht es und holt es zur Herde zurück (Lk. 15, 1 – 10), der Vater nimmt den verlorenen Sohn wieder auf (Lk. 15, 11 ff.). Pfarrgemeinden sind kein exklusiver Club, in dem nur die zugehörig sind, die perfekt dem christlichen Ideal entsprechen. Wir leben aus dem Verzeihen Gottes und das wollen wir auch in unseren Gemeinden ausdrücken – auch im Pfarrgemeinderat. Natürlich sollen wir alle glaubhaft Beispiel geben, wie Christ-Sein heute gelingen kann. Das heißt aber auch, dass wir um Umkehr und Verzeihung wissen, und um Scheitern. Alle gehören zur Gemeinde, niemand soll verloren gehen.

Wenn der Pfarrgemeinderat repräsentativ sein soll für die Gemeinde, dann gehören alle dazu, sind eingeladen zur Wahl, aber auch zur Kandidatur im PGR. Die Wähler entscheiden dann, von wem sie sich vertreten wissen wollen.

Es ist deshalb eine der herausforderndsten Aufgaben: Mit offenen Augen und Ohren wahrnehmen, wie die Menschen leben, sie in ihren Hoffnungen, aber auch in ihren Brüchen ernst zu nehmen und an ihrer Seite zu bleiben.

Es reicht eben nicht zu sagen, die sind Gemeinde, die jeden Sonntag beim Gottesdienst sind. Das wäre eine Engführung, die wir nicht wollen können, die unserem Sendungsauftrag als Kirche widerspricht. Wir alle sind auf dem Weg zur „Heiligkeit“, wenn es uns oftmals auch nicht so recht gelingt.

Die suchen, die den Weg zu uns (noch) nicht (oder nicht mehr) finden

Der Pfarrgemeinderat kann immer wieder einmal überlegen, was es manchen Menschen schwierig macht, den Weg zu uns zu finden. Welche Steine können wir aus dem Weg räumen, welche Hürden abbauen? Wo können wir hilfreiche Wegweiser aufstellen? Wo müssen wir Menschen auf ihrem Weg entgegengehen und sie ein Stück des Weges in Respekt und Freundschaft begleiten? Wo können wir Menschen in ihren Lebenssituationen abholen? Wie gelingt es uns zu vermitteln, dass unsere Türen und Fenster offen sind?

Wir sind schließlich als Kirche keine „Wagenburg“, die sich vor feindlichen äußeren Mächten schützen muss. Ich glaube nicht, dass wir in einer feindlichen Umwelt leben, vor der wir uns abschotten müssen. Sicherlich, wir leben in einer pluralen Gesellschaft, in der manchen die christlichen Lebensweisen fremd geworden sind, oder gar nicht bekannt wurden. Manche haben sich auch entfremdet, sollen wir ihnen nicht wenigstens nachgehen und sie um ihre Gründe fragen? Der Rückzug zur kleinen elitären Gemeinde, die sich vor den anderen schützt, um nicht selbst irre zu werden in den eigenen Überzeugungen, ist der falsche Weg. Das ist ein Ausdruck unserer Verzagtheit, wir aber sollten Hoffnung haben. Je überzeugter wir in unserem eigenen Glauben verwurzelt sind, je mehr wir an die Erlösungskraft Gottes glauben, umso mutiger werden wir sein, uns mitten in die Welt hineinzustellen nd für unsere christlichen Werte einzustehen. Dann brauchen wir uns nicht aus der Welt zurückzuziehen, sondern können einladend für andere sein, den Weg zum Heil mit uns gemeinsam zu suchen.

Das heißt für den PGR, aufmerksam die Lebenswelten der Menschen wahrzunehmen, sie ernst zu nehmen, mit unserem eigenen Beispiel, und natürlich auch mit Angeboten, aktiv Wege zu suchen, wie wir miteinander ins Gespräch kommen können und im Kontakt bleiben.

Das heißt auch, sich aktiv um Ökumene zu kümmern. Gemeinsam mit denen, die an den gleichen Gott glauben, für christliche Werte einzustehen. Und mit denen, die an Gott glauben, ihn aber nicht Christus nennen, danach zu suchen, was uns verbindet (das Trennende stellen wir ohnehin sehr schnell fest, dabei sollten wir aber nicht stehen bleiben). Zunächst müssen wir uns natürlich fragen, was sind die christlichen Werte, die wir in die Gesellschaft einbringen wollen? Wo haben wir Verbündete in unserem Umfeld, mit denen wir gemeinsam Interessen vertreten können?

Wir haben uns in Europa und darüber hinaus auf universelle Menschenrechte verständigt. Als Christen sind wir überzeugt davon, dass wir Ebenbilder Gottes sind – daraus leiten wir die Menschenrechte ab. Verbündete im Eintreten für Menschenrechte haben wir aber auch bei denen, die sich auf humanistische Werte berufen.

Ganz aktuell ist dies bei Fragen von Migration und Asyl. Gelten die Menschenrechte, die wir als Christen formulieren nur für Christen, nur für die, die westliche Lebensart kennen, die europäische Wurzeln haben. Oder ziehen wir den Kreis vielleicht sogar noch enger. Sind wir bereit, mit anderen unseren Wohlstand zu teilen, auch wenn diese keine Gelegenheit hatten, an dessen Aufbau mitzuwirken? Oder denken wir, dass wir nur mit denen teilen müssten, die unseren Reichtum mit aufgebaut haben?

Ebenbild Gottes sind immer auch „die Anderen“. Sie sind unsere Schwestern und Brüder. Sie sollten die gleichen Chancen bekommen, die wir schon haben – dafür müssen wir als Christen eintreten.

Aufgabe von Pfarrgemeinderäten wird es deshalb immer auch sein müssen, anzumahnen, wo aus Gleichgültigkeit oder Unwissenheit Menschenrechte beschnitten sind. Sie bringen sich ein in der Begleitung von Flüchtlingen und Asylbewerbern, unterstützen Menschen bei der Integration bei uns.

PGR kümmern sich aktiv darum, dass Caritas vor Ort gelingen kann und stellen an Politik, Wirtschaft und gesellschaftliche Kräfte Forderungen, damit unsere Gemeinwesen christlicher werden.

Sie treten dort für die Rechte von Menschen ein, wo diese selber es oftmals nicht (mehr) können. Das Recht auf Leben von Anfang an. Das Recht auf menschenwürdiges Leben bis zum natürlichen Ende. Das Recht auf Teilhabe in der Gesellschaft. In vielen Pfarreien bemühen sich die PGR darum, dass ihre Pfarrei, ihr Gemeinwesen behinderten-, senioren-, kinder- und familienfreundlicher wird. Dazu wurden Checklisten erarbeitet, die die Analyse der eigenen Pfarrei erleichtern können und gleichzeitig Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, was zu tun ist, um den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. (Checklisten auf der Homepage www.gemeinde-creativ.de).

Pfarrgemeinderäte kümmern sich darum, dass Besuchsdienste organisiert werden, für kranke, ältere, einsame, sterbende und trauernde Menschen. Es gibt aber auch Besuchsdienste für Neuhinzugezogene, zu Geburtstagen, Jahrestagen, Hochzeiten. Pastorale Besuche darf eine Pfarrei nicht auf die Hauptamtlichen und Priester delegieren. Pfarrei sind schließlich alle. Der PGR achtet darauf, dass diese Besuchsdienste eingerichtet werden und funktionieren, unterstützt sie auch, wenn notwendig.

Pfarrgemeinderäte setzen sich ein für den Erhalt der Schöpfung, konkret vor Ort und in politischen Willensäußerungen, etwa im Gespräch mit Politik und Wirtschaft. Sie informieren über wirtschaftliche und politische Zusammenhänge des Welthandels, der zu Ungerechtigkeiten und Ausbeutung führt –und fordern aktiv ein Umdenken. Darin sind sie oft Vorreiter, die über die Arbeit in Sachausschüssen oder Projekten und Initiativen, häufig mit anderen Gruppen zusammen, für Fairen Handel eintreten, diesen vor Ort organisieren und nach Jahrzehnten immer noch am Laufen halten.

Miteinander Gemeinde feiern

Nicht zuletzt ist der PGR auch zuständig, dass Gemeinde lebendig ist. Sie beraten mit den Hauptamtlichen in der Pastoral Wege der Sakramentenvorbereitung, der Glaubensvermittlung und –vertiefung. Gemeinsam mit den kirchlichen Bildungswerken organisieren sie Gelegenheiten zur Auseinandersetzung mit dem Glauben in seiner Tiefe und Vielfalt.

Sie sorgen zusammen mit den Priestern für die Vielfalt in Liturgie und Spiritualität, und für die Beteiligung des gesamten Gottesvolkes an den liturgischen Feiern in der Pfarrei. Dazu suchen sie nach geeigneten Menschen, die sich in der Liturgie aktiv einbringen wollen, fördern das Gebet der Gemeinde, sorgen dafür, dass die Gemeinde sich zum Gebet und zur Gemeinschaft trifft, auch wenn keine Eucharistiefeier vor Ort möglich ist. Sie achten darauf, dass Frauen und Männer in Liturgie beteiligt sind, junge und ältere Menschen. Und sie denken darüber nach, wo es noch Möglichkeiten weiterer Beteiligung von Laien gibt, an die wir bisher nicht gedacht haben.

Es gibt viele Gelegenheiten, an denen sich die Pfarrei, die Gemeinde trifft, um miteinander zu feiern, das Leben miteinander zu teilen, auch in Trauer und in Krisen.

Verbündete finden

Mit all diesen Aufgaben müssen die gewählten Pfarrgemeinderäte überfordert sein, wenn es ihnen nicht gelingt, immer wieder Menschen zu finden und zu motivieren, die sich auch einbringen wollen. Eine der großen Gefahren von PGR-Arbeit ist es wohl, zu meinen, dass man alles selber und alleine machen muss. Eine große Chance, sich nicht zu überfordern und gleichzeitig anderen Räume zur Beteiligung zu geben, ist immer wieder einzuladen zur Mitarbeit, konkret Menschen zu suchen, die sich gewinnen lassen für begrenzte Aufgaben.

Das ist sicherlich nicht immer einfach, wird aber wahrscheinlich noch schwieriger, wenn man den anderen nicht zutraut, dass sie Fähigkeiten haben und sich einbringen wollen. Sicherlich machen andere es oft anders, als wir es machen würden. Das sichert aber die Vielfalt. Frühzeitig und immer wieder andere zur Mitarbeit einzuladen und zu fördern, signalisiert, dass das Gremium Pfarrgemeinderat offen ist für die Mitarbeit vieler, für Ideen der anderen, auch für notwendige Auseinandersetzung. Das ist sicherlich eine Gratwanderung. Man will sich für die Aufgaben, für die man gewählt ist, einsetzen und soll gleichzeitig Raum für die Mitarbeit anderer lassen. Vielleicht hilft es, wenn Sie daran denken, dass alle die, denen Sie in dieser Amtsperiode schon die Gelegenheit zur Mitarbeit geben, vielleicht Geschmack finden an der Arbeit des PGR und bei der nächsten Wahl kandidieren könnten.