Nachhören

  • Miteinander sprechen, voneinander lernen

    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

    Zum Anhören herunterladen oder direkt hier im O-Ton anhören:

Schreiben Sie uns

    • Ihre Meinung zu Beiträgen
    • Fragen, die beim Lesen aufgetaucht sind
    • Reaktionen an die jeweiligen Autoren
    • Themenwünsche und Ideen für zukünftige Ausgaben

    Kontaktdaten

Aktuelle Ausgabe

  • GC 002 2017 Titel

Meditation 03/2014

Im Anderen Christus Christus entdecken

Von Christian Liebenstein

„Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?“ (Mt 25, 44)

Die Frage, genauer: das Entsetzen derer, die sich im Gleichnis vom Weltgericht auf der „linken Seite“, der Seite der „Verfluchten“ befinden, scheint ehrlich und ungeheuchelt. Sie wollten als rechtschaffene Menschen leben. Ihnen wird auch nichts vorgeworfen, keine bösen Taten, kein Frevel und kein Unglaube; nichts – außer dem, dass sie nicht gesehen, nicht wahrgenommen haben, wo ihre tatkräftige Mitmenschlichkeit vonnöten gewesen wäre. Es fällt auf, dass die „Geretteten“ ebenso erstaunt sind: War es ihnen eine Selbstverständlichkeit, die Not der anderen zu sehen? Ist es ihnen in Fleisch und Blut übergegangen, ihnen zu geben, was sie brauchten? War ihnen nicht bewusst, dass sie damit nicht nur für die Notleidenden, sondern auch im Blick Gottes das Entscheidende getan haben?

Alle Völker werden zusammengerufen. Keiner entgeht diesem Gericht – es scheint auch keine Rolle zu spielen, ob einer Jude oder Christ, getauft oder ungetauft, gläubig oder ungläubig ist. Es ist ein Gericht über alle Menschen und die einzig ausschlaggebenden Kriterien sind der wache Blick für die Not der Mitmenschen und die entschiedene, not-wendende Tat. Sie sind der Ausweis wahrer Mitmenschlichkeit und zugleich der Prüfstein der Liebe zu Christus: Alles, was wir anderen Gutes tun, tun wir ihm, und alles, was wir übersehen oder unterlassen, das enthalten wir Christus vor.

Im zweiten Vatikanischen Konzil hat die Kirche den Menschen diesen wachen und mitfühlenden Blick versprochen: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“ (Gaudium et spes 1) Und sie verpflichtet sich auch zur tatkräftigen Hilfe: „Heute ganz besonders sind wir dringend verpflichtet, uns zum Nächsten schlechthin eines jeden Menschen zu machen und ihm, wo immer er uns begegnet, tatkräftig zu helfen.“ (Gaudium et spes 27)

Es ist ein großes Verspechen an die Menschheit und es ist auch an uns, dieses Versprechen „im Kleingeld des Alltags“ einzulösen:

  • Im Blick auf die Menschen in unserem Umfeld, die auf einen aufmerksamen Blick, ein verstehendes Wort oder die helfende Hand zur rechten Zeit warten – oft sind es ja (scheinbar) kleine Dinge, die andere trösten, ermutigen und eine schwierige Situation erleichtern – und manchmal sind wir da ganz gefordert.
  • Und im Blick auf die Not in der eigenen Gemeinde, unserer Gesellschaft oder der ganzen Welt. Sie ist, wenn wir mit wachen Augen schauen, erdrückend. Keiner muss alles tun und keiner kann sich dispensieren. Die eigene Geschichte, Begegnungen und die persönliche Betroffenheit sind der Wegweiser zu dem Ort, an dem der einzelne nach seinen Kräften handeln soll.

Als christliche Gemeinden wird

  • an den Tagesordnungen unserer Gremien,
  • an den Themen unserer Angebote,
  • an den Schwerpunktsetzungen unseres Programmes,
  • an der Einteilung unserer Kräfte
  • und vielleicht auch an den Menschen, die wir anziehen,

deutlich werden, wie sehr sich „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art“ darin widerspiegeln.