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  • Miteinander sprechen, voneinander lernen

    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Interview 03/2014

"Kirche, die in den Seelen der Menschen erwacht"

Interview mit Weihbischof Herwig Gössl

„Der Onkel wird ein Nikolaus“, hat die vierjährige Nichte von Herwig Gössl gerufen, als sie erfahren hat, dass er Weihbischof wird.


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Gemeinde creativ: Was macht man denn als Weihbischof?

Gössl: Zunächst ist man als Weihbischof ein Hilfsbischof, so heißt eigentlich die richtige lateinische Bezeichnung für den amtierenden Bischof. Das heißt, ich unterstütze den Erzbischof bei den bischöflichen Aufgaben, in liturgischer Hinsicht, bei den Gottesdiensten, bei den Firmungen vor allen Dingen, aber auch bei Altarweihen und Kirchweihen, sofern es noch welche gibt. Dann hat der Weihbischof einen begrenzten Zuständigkeitsbereich, für den er verantwortlich ist. Das sind für mich, so wie bei meinem Vorgänger auch, der Bereich Caritas und soziale Dienste, so dass dieser wichtige Bereich der Kirche auch in angemessener Weise in der Ordinariatskonferenz repräsentiert wird – und auch immer wieder angemahnt wird, wenn es notwendig ist.

Gemeinde creativ: Auf welche Aufgaben freuen Sie sich denn am meisten und vor welcher haben Sie Respekt?

Gössl: Am meisten freue ich mich auf die Besuche in den Gemeinden. Vor allem bei den Firmungen oder zu einem Besuch, wo man mit den Menschen Gottesdienst feiert und danach ins Gespräch kommen kann und in dieser Weise unter den Menschen ist. Den meisten Respekt habe ich vor der Aufgabe für die Caritas. Das sind viele Mitarbeiter, eine Struktur in die man sich erst hineindenken und hineinfinden muss und das wird sicher ein bisschen dauern.

Gemeinde creativ: Einen Wandlungsprozess in den Pfarreien gibt es in allen Diözesen Bayerns. Da werden kleinere Einheiten zu größeren zusammengefasst. Welches Gemeindebild wird in Ihren Augen abgelöst und aufgegeben?

Gössl: Abgelöst wird das Bild einer Gemeinde, die für sich lebt und alles hat und so aufgebrochen hin zu einem Gemeindebild, wo es wirklich um ein Miteinander geht: um zusammen zu arbeiten, zusammen zu feiern, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Das ist notwendig, weil wir weniger werden, nicht nur weniger Priester, sondern auch weniger Katholiken. Da kann man nicht an den alten Strukturen festhalten, die übrigens so alt gar nicht sind: Die meisten dieser kleinen Pfarreien wurden erst in den letzten 150 Jahren errichtet und waren vorher Teile größerer Einheiten. Katholisch sein heißt, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, viel weiter als über den eigenen Kirchturm. Wir sind eine weltweite Kirche. Das widerspricht einem „immer nur für sich sein wollen“ und „immer nur alles für sich haben wollen“: Mein Pfarrer, mein Pfarrbüro und meine Kirche. Ich glaube, wir brauchen größere Einheiten, um überhaupt noch lebens- und feierfähig zu sein als Kirche in der Zukunft. Dabei gibt es innerhalb unserer Diözese große Unterschiede. Wir haben hier Bereiche, in denen 50 Prozent Gottesdienstbesuch gezählt werden und andere, wo es nur fünf Prozent sind. Entsprechend wird sich der Umwandlungsprozess unterschiedlich gestalten müssen. Aber eine Umwandlung wird nötig sein.

Gemeinde creativ: Sie waren als Subregens beteiligt an der Ausbildung des Priesternachwuchses. Inwiefern werden junge Priester auf die heutigen Anforderungen vorbereitet, sei es größere Pfarreien zu führen, sei es auch mit teilweise ablehnenden Erfahrungen zurechtzukommen?

Gössl: Es ist in der Priesterausbildung sicher immer wichtig gewesen, die menschliche Reifung ganz genau zu beachten. Papst Johannes Paul II. hat in seinem Schreiben „Pastores dabo vobis“ zentral herausgestellt, dass die menschliche Qualität eigentlich die Grundlage für alles andere ist, für alle Spiritualität, für alle Theologie; das heißt, Priester müssen menschlich in der Lage sein, große Spannungen aushalten zu können, um die verschiedenen Richtungen, die es in der Kirche gibt, zusammenzubringen, Brücken zu bauen oder auch persönliche Rückschläge zu verkraften und sich nicht beleidigt zurückzuziehen. Das sind menschliche Qualitäten, die jeder braucht, und auf die wir Wert legen, dass diese ausgebildet werden im Priesterseminar. Die sind ja umso wichtiger, weil dieser Umwandlungsprozess in den Pfarreien nicht ohne Spannungen abläuft. Manchmal geht es sehr gut, aber manchmal ist es auch schon sehr spannungsgeladen und hier muss man ausgleichen können.

Gemeinde creativ: Welche Rolle spielt für Sie das Ehrenamt in der Kirche?

Gössl: Das Ehrenamt ist der Normalzustand von Kirche. Es gibt sicherlich keine Kirche weltweit, die so viele Hauptamtliche hat wie wir. Das liegt an unseren finanziellen Möglichkeiten und an der Geschichte. Aber Kirche, das sind die Menschen, die an Jesus Christus glauben, die sich versammeln zum Gottesdienst, die ihn bekennen, die den Glauben weitergeben. Das ist Kirche und deswegen ist schon allein die Unterscheidung Ehrenamtliche – Hauptamtliche eigentlich problematisch. Die Hauptamtlichen haben der Kirche zu dienen, damit jeder Einzelne für sich, aber auch in Gemeinschaft, sein Christsein leben kann. Das ist unser Auftrag. Dazu passt kein „Versorgungsdenken“: Wir haben ein Problem, also setzen wir dafür einen Hauptamtlichen ein. Das wird aus finanziellen Gründen nicht gehen und das geht auch aus ideellen Gründen nicht, das passt nicht zu unserem Bild von Kirche. Wir brauchen Kirche, die in den Seelen der Menschen erwacht.

Gemeinde creativ: Wie kann man das Feuer in den Einzelnen entflammen, dass sie Lust haben sich zu engagieren?

Gössl: Zunächst muss ich Zutrauen haben zu den Menschen. Natürlich kann ich nicht alles in gleicher Weise zulassen, was einem so angeboten wird. Aber ich muss in einer wirklich sehr weiten Art zulassen, was da wächst. Da sind Dinge dabei, die vielleicht nicht mein Stil sind, ob das jetzt liturgisch ist, ob das pastoral ist im weitesten Sinne, Jugendarbeit, wirklich Dinge, wo ich sage: Meines wäre es nicht. Aber ich kann es zulassen, weil es Menschen gibt, die auf diese Weise ansprechbar sind. Das ist meine Aufgabe als Pfarrer vor Ort, als Hauptamtlicher vor Ort, einen guten Blick darauf zu haben, was geht und wie es sich entwickelt. Man muss nicht überall dabei sein, aber manmuss Interesse zeigen. Zulassen und Interesse zeigen, wertschätzen, dann wird sich das sicher gut entwickeln. Davon bin ich überzeugt.

Gemeinde creativ: Wie können die Pfarrgemeinderäte befähigt werden, wirklich mehr Verantwortung zu bekommen? Was muss da passieren?

Gössl: Im Pfarrgemeinderat wird manchmal zwar schön beraten, was man alles machen könnte, aber machen muss das dann immer der Andere, der Pfarrer oder der Pastoralreferent. So geht es nicht. Es geht darum: Was können wir denn machen und wie können wir uns einsetzen? Dass diese Verantwortung bei den Menschen wieder neu erwacht, das hoffe ich eigentlich schon. Ich war als Pfarrer immer sehr dankbar für meine Pfarrgemeinderäte. Ich habe auch keine großen Probleme erlebt. Es war wichtig, diesen Rat zu hören und jeder Pfarrer tut gut daran, den Rat des Pfarrgemeinderats zu beherzigen, sofern er das mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Aber man sollte nicht immer gleich das Gewissen vorschieben, wenn man seinen eigenen Kopf durchsetzen möchte.

Das Interview führte Ulrike Trischler