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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Schwerpunktthema 02/2015

Jesus Christus als Kinderfreund

Ehe und Familie im Blickwinkel Jesu

Von Thomas Söding
Lehrstuhlinhaber für Neues Testament an der Ruhr-Universität Bochum

Jesus selbst hatte keine Kinder, er hat ehelos gelebt. Aber Jesus hatte ein Herz für Kinder (Mk 10,13-16 parr.) und er hat sich wie kein zweiter für den Bund der Ehe eingesetzt (Mk 10,1-12 par.). Beides passt gut zusammen. Denn Jesus hat nicht aus Angst vor Sexualität, nicht aus der Verachtung des Leibes oder aus der Missachtung von Frauen und Kindern zölibatär gelebt, sondern „um des Himmelreiches willen“ (Mt 19,12), damit er sich besser für Frauen und Männer, für Ehe und Familie einsetzen konnte, allerdings auch für die Verstoßenen, die der Zuwendung, und die Schuldigen, die der Barmherzigkeit bedürfen. Die Kindersegnung (Mk 10,13-16 parr.) ist typisch. Sie ist für die Zeit ungewöhnlich. Sie war ein entscheidender Impuls, Kinder nicht als kleine Erwachsene mit einigen Schwächen, sondern als vollwertige Menschen anzusehen, ja: als Vorbilder für die Erwachsenen.

In der Kulturgeschichte der Menschheit hat es lange gedauert, bis dieser Impuls aufgenommen wurde und hat dann den Preis einer Romantisierung der angeblich unschuldigen Kindheit gekostet. Die Position Jesu demgegenüber ist klar. Sie ist im Neuen Testament spannungsvoll aufgebaut: Kinder werden zu Jesus gebracht, dass er ihnen die Hände auflege. Die Jünger wollen sie abweisen, aber Jesus erklärt: „Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, kommt nicht hinein“ (Mk 10,15 parr.), nämlich gern und unbeschwert. Deshalb segnet er die Kinder. Sie bedürfen des Schutzes Gottes – aber sie sind auch seines Segens wert. Das ist eine religiöse Revolution, deren Impuls immer noch frisch ist, wenn es um den Einsatz für Kinderrechte und gegen Kinderarmut geht, für Kindererziehung und gegen die Verwahrlosung von Kindern, um die Prävention und Sanktion von Kindesmissbrauch, um die Heilung verstörter Kinderseelen – und einfach darum, eine glückliche Kindheit zu ermöglichen. Die Familien sind die mit Abstand wichtigsten Größen. Die allermeisten Alleinerziehenden tun ihr Bestes und die Gemeinden sind gefragt, ob sie genau so wie Jesus die Kinder in die Mitte stellen: „Wer eines dieser Kinder in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich auf. Wer aber mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat“ (Mk 9,35 parr.). Kinder sind Repräsentanten Gottes. Man braucht sie nicht künstlich an die Macht zu rufen, um sie mit Jesus so anzuschauen, dass sie den Weg ins Reich Gottes weisen – eigene Kinder wie andere, helle wie dunkle, gesunde wie kranke.

Die Kindersegnung steht nicht allein. In den Evangelien nach Markus und Matthäus ist sie mit dem Plädoyer Jesu für die lebenslange Bindung von Mann und Frau in der Ehe verbunden (Mk 10,2-12 par.). Die Ehescheidung, die vom Alten Testament erlaubt wird (Dtn 24,1), beurteilt er – sehr realistisch – als Konzession an die Hartherzigkeit der Menschen (Mk 10,5 par.). Genau diese Hartherzigkeit will er überwinden. Deshalb erinnert er an die Schöpfungsgeschichte: Dass ein Mann seine Familie verlässt und seiner Frau anhängt und die zwei „ein Fleisch“ werden (Gen 2,24), so dass eine neue Einheit, eine neue Familie entsteht. Gott selbst hat sie gestiftet – deshalb soll kein Mensch sie scheiden (Mk 10,9 parr.).

„Im Haus“, gegenüber den Jüngern, bleibt es nicht beim Appell. Jesus setzt Recht, das sechste Gebot, das den Ehebruch untersagt (Ex 20,14; Dtn 5,18), ist auch dann verletzt, wenn ein Mann seine Ehefrau verlässt und eine andere heiratet (Mk 10,12 par.). Umgekehrt gilt es ebenso. Ganz ähnlich sind weitere Worte Jesu gegen die Ehescheidung ausgerichtet, die Matthäus und Lukas überliefern (Mt 5,31- 32; Lk 16,18). Auch Paulus kennt die Tradition (1Kor 7,10f.). Es kann kein Zweifel sein, dass die Unauflöslichkeit der Ehe (wie es technisch heißt) ein besonderes Anliegen Jesu gewesen ist, das von der Kirche konsequent weiter verfolgt werden muss: Durch eine gute Ehevorbereitung wie eine gute Eheberatung, durch Familienhilfe und Anerkennung von Familienarbeit. In jedem Fall liefert Jesus ein klares Plädoyer für die Ehe. Sie entspricht der Schöpfung, sie ist eine Form der Nachfolge, sie gibt der Sexualität einen Ort im Heilsplan Gottes, sie kann fruchtbar sein und dadurch das Leben weitergeben, das von Gott kommt.

Freilich ist diese Hochschätzung von Ehe und Familie kein Triumphalismus traditioneller Lebenskultur. Die Ehe ist ein Zeichen Gottes auf Erden – im Himmel, erklärt Jesus den Sadduzäern, wird nicht geheiratet (Mk 12,18-27 parr.). Die Ehe ist ein vor Gott und von Gott geschlossener Bund – aber wenn in der Ehe der Glaube unterdrückt wird, oder der nicht-christliche Teil unbedingt aus der Ehe herauswill, ist kein Christ und keine Christin mehr gebunden, wie Paulus erklärt (1Kor 7,15f.).

Das katholische Kirchenrecht hat diese Ausnahme von der Regel ratifiziert. Die Ehe ist auf Treue angelegt. Nach dem Matthäusevangelium wird sie durch „Unzucht“, wahrscheinlich schweren Ehebruch, zerstört (Mt 5,32; 19,9). Das hat das katholische Kirchenrecht bislang nicht umgesetzt. Die Ehe ist eine Lebensform des Glaubens, Kinder sind ein Gottesgeschenk. Aber Jesus macht klar, dass weder eine bestehende Ehe noch Kinder ein Argument sein können, ihm nicht nachzufolgen. Er sagt allerdings auch, dass sie in der Nachfolge hundertfach neu gewonnen werden – im großen Kreis der Familie Gottes, der viel weiter als die eigene Familie ist (Mk 10,29f. parr). Durch die Verfolgung des Glaubens werden viele Familien zerrissen werden (Mk 13,12 parr.). Die Gemeinden sind von der Flüchtlingsarbeit bis zur Familiencaritas gefragt, dieser Botschaft Jesu zu entsprechen. Auch Jesus selbst hat in seiner Familie lange Zeit Unverständnis geerntet (Mk 3,20f.). Aber das hat nicht zum Bruch geführt. Es zeigt vielmehr, wie frei er ist. Er hat sich weder durch die Familienehre noch durch Familienbande hindern lassen, seinen Weg zu gehen. Aber dadurch hat er die Freiheit gewonnen, die Ehe nicht nur als eine kulturelle Institution, sondern als eine Stiftung Gottes und Kinder nicht nur Produkte des Reproduktionswillens oder als Sozialversicherung, sondern als Segen Gottes zu betrachten.

Diese Freiheit zeichnet ihn aus, sie steckt an. Er tritt dafür ein, dass kein Ehebrecher und keine Ehebrecherin an seiner oder ihrer Sünde stirbt, sondern die Chance gewinnt, ein neues Leben zu beginnen (Joh 8,1-11). Er hat nach dem Johannesevangelium die Samariterin am Jakobsbrunnen (Joh 4) zwar auf ihre unmöglichen Männerbeziehungen hin angesprochen (Vers 18: „Fünf Männer hast du gehabt – und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann“), aber sich nicht davon abhalten lassen, gerade sie zur Glaubensbotin zu machen. Er hat es sich gefallen lassen, dass eine Frau, die als notorische Sünderin galt (vielleicht, weil sie Prostituierte war), ihm die Füße gesalbt und geküsst hat, und ihr ihre Schuld vergeben (Lk 7,36-50). Jesus ist wegen dieses Einsatzes als falscher Heiliger verschrien worden. Aber er hat gerade dort Zeichen der Nähe Gottes gesetzt, wo andere nur mit dem Finger gedroht haben oder Steine werfen wollten.

Den Römern war die Familie heilig – im Namen Jesu werden Kinder getauft und Ehen geschlossen. Weil Ehen im Himmel geschlossen werden, sollen sie auf Erden halten. Weil Kinder ein Gottesgeschenk sind, sollen sie auf Erden leben, wachsen und gedeihen. Das ergibt sich aus der Botschaft des Gottesmannes, der selbst als Kind geboren worden ist.