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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Interview 02/2015

Bitte, Danke, Entschuldigung

Ute Eberl, Leiterin der Erwachsenenpastoral im Erzbistum Berlin, spricht über die drei Zauberworte für eine gute Beziehung und ihre Rolle bei der Familiensynode

Die 53-Jährige ist geboren in Weißenburg in Mittelfranken, lebt und arbeitet in Berlin. Sie hat an der Katholischen Universität Eichstätt und der Ludwig-Maximilians-Universität München studiert. Die Diplom- Theologin leitet bereits seit einigen Jahren die Abteilung Erwachsenenpastoral im Seelsorgeamt der Erzdiözese Berlin und ist dort Referentin für Ehe- und Familienpastoral. Darüber hinaus ist sie Mitglied im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung, dem Fachverband für Familienbildung und Familienpastoral in der katholischen Kirche Deutschlands (AKF Bonn e.V.). Dort arbeitet sie zur Zeit im Team des AKF-Projekts, das die Arbeitshilfen „Hot Spots des Lebens – Spiritualität im Familienalltag“ herausgibt. Ute Eberl war im vergangenen Jahr als einzige Gasthörerin aus Deutschland zur Außerordentlichen Bischofssynode in Rom eingeladen.

Gemeinde creativ: Auf Ihrer Homepage findet man viele Informationen zu Kursen und Beratungen speziell für Paare, liegt darauf einer Ihrer Schwerpunkte?

Ute Eberl: Nichts wünschen sich Menschen heute mehr als in einer guten Partnerschaft zu leben. Gleichzeitig glaube ich, dass nichts komplizierter ist als das in unseren sich rasant verändernden Zeiten. Unsere Aufgabe in der Seelsorge ist es, bei den Menschen zu sein, gerade auch in den turbulenteren Zeiten.

Gemeinde creativ: Ehevorbereitungskurse, Brautleutetage, überall heißt dieses Angebot ein bisschen anders, steckt dahinter das Gleiche?

Ute Eberl: Eine alte Frau hat mir von ihrem Ehevorbereitungskurs erzählt. Zu ihrer Zeit war Ehevorbereitung so eine Art Aufklärungsunterricht. Außerdem gab es noch Hinweise, wie man als Frau die Küche in Schuss hält. Da hat sich natürlich viel geändert. Heute leben viele Paare schon zusammen, manchmal haben sie auch schon Kinder, wenn sie kirchlich heiraten wollen. Die Rollen sind heute in einer Partnerschaft nicht mehr festgelegt. Sie müssen ausdiskutiert werden und ich glaube, deshalb ist landauf und landab in den kirchlichen Ehevorbereitungsseminaren Kommunikation ein Schlüsselthema.

Gemeinde creativ: Liegt darin auch der konkrete Nutzen für Teilnehmer?

Ute Eberl: Die meisten sagen, das Wichtigste war, dass so eine Art Stoppschild aufgestellt wurde. Viele stecken ja mitten in den Hochzeitsvorbereitungen und da gibt es eine ganze Menge zu tun: Wer sitzt neben wem, wer wird eingeladen, passen die Servietten zum Tischtuch und alles was dazugehört. Wir stellen ein Stoppschild vor all das Organisatorische und legen den Fokus auf die Partnerschaft: Wie wollt ihr miteinander leben, was sind eure Hoffnungen, was eure Befürchtungen? Was bedeutet es für Euch konkret, dass ihr Euch das Eheversprechen vor Gottes Angesicht gebt? Und auch da geht es wieder ganz viel um Kommunikation. Bitte, Danke, Entschuldigung Ute Eberl, Leiterin der Erwachsenenpastoral im Erzbistum Berlin, spricht über die drei Zauberworte für eine gute Beziehung und ihre Rolle bei der Familiensynode

Gemeinde creativ: Ein Ehevorbereitungskurs ist aber noch lange keine Garantie für eine Ehe.

Ute Eberl: Ich glaube, eine Garantie gibt es nicht, auch wenn manche meinen, man solle die Ehevorbereitung über ein ganzes Jahr oder noch darüber hinaus ausweiten. Ob das der Schlüssel wäre, ich denke nein. Allerdings gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, dass Paare, die sich in Kommunikation einüben, von einer größeren Ehezufriedenheit sprechen. Deshalb würde ich das Stichwort Ehebegleitung mindestens so groß schreiben wie Ehevorbereitung!

Gemeinde creativ: Kann so ein Kurs eine Hemmschwelle sein oder vielleicht sogar Menschen abschrecken?

Ute Eberl: Stellen wir uns einmal vor, da lebt ein Paar schon fünf Jahre zusammen und hat vielleicht auch schon ein oder zwei Kinder und jetzt entscheiden die beiden sich, dass sie kirchlich heiraten wollen und der Pfarrer rät ihnen, einen Ehevorbereitungskurs zu besuchen. Dann sagen die: Na hallo, das leben wir doch schon lange zusammen. Dass es also große Irritationen hervorrufen kann, das glaube ich schon. Man fühlt sich möglicherweise mit seiner Geschichte nicht ernstgenommen. In Berlin erleben wir allerdings, dass sich heute mehr Paare anmelden als vor fünf Jahren und manchmal kommen Menschen, die gar nicht zur katholischen Kirche gehören. Sie sagen, sie finden total gut, dass sich jemand dafür interessiert, wie sie als Paar leben. Andere Einrichtungen bieten solche Kurse nicht an. Das ist schon auch ein Alleinstellungsmerkmal der katholischen Kirche.

Gemeinde creativ: Sie arbeiten schon seit mehr als 20 Jahren in Ihrem Beruf, haben Sie so etwas wie einen Geheimtipp, dass eine Ehe auch wirklich hält?

Ute Eberl: Einen Geheimtipp für alle Lebenslagen, nein den habe ich nicht. Paare, die schon lange verheiratet sind, sagen oft: Wir haben uns ganz am Anfang versprochen, zusammen zu bleiben, auch wenn es einmal dicke kommt. Das ist ein sehr hoher Anspruch und ich finde es wunderbar, wenn Mann und Frau sich das gegenseitig zusagen. Nicht gleich auseinanderrennen, wenn es einmal schwierig wird – das ist der Geheimtipp, der im Eheversprechen steckt.

Gemeinde creativ: Was kann der Einzelne jeden Tag dafür tun?

Ute Eberl: Das hat Papst Franziskus kürzlich ganz plastisch vorgemacht. Da waren auf dem Petersplatz Paare versammelt, die heiraten wollten und er hat zu ihnen gesagt: Es gibt drei Zauberworte für die Ehe und die lauten: Bitte, Danke und Entschuldigung. Dann hat er in die Menge gerufen, sie sollen das mit ihm wiederholen und dann haben all diese Paare auf dem Petersplatz gerufen ‚Bitte, Danke und Entschuldigung‘. Ich glaube, da steckt eine ganz tiefe Weisheit darin.

Gemeinde creativ: Sie waren als einzige Gasthörerin aus Deutschland im Herbst 2014 bei der Außerordentlichen Bischofssynode in Rom. Wie kam es dazu?

Ute Eberl: Ganz genau weiß ich das immer noch nicht. Ich habe mich da nicht irgendwie beworben, es gab auch kein Assessment-Center oder so etwas. Ich habe im Sommer einen Anruf von unserem Generalvikar bekommen und der sagte mir, dass Rom sich freuen würde, wenn ich an der Außerordentlichen Synode teilnehme. Genaueres konnte er mir auch nicht sagen. Ich habe mich natürlich erschrocken und gefreut gleichzeitig.

Gemeinde creativ: Was waren Ihre Eindrücke dieser Synode?

Ute Eberl: Papst Franziskus hat so einen frischen Wind in die Kirche gebracht und ich habe mir natürlich sehr erhofft, dass davon auch bei der Synode etwas zu spüren ist. Franziskus hat gleich zu Beginn gesagt, dass er sich wünsche, dass frei und offen gesprochen wird und dass auch zugehört wird. Das klingt für uns ganz selbstverständlich, aber für manche Synodenväter war das wohl etwas ziemlich Neues. Die Synode war geprägt von großer Offenheit, vor allem bei der Beschreibung der Lebensrealität der Familien weltweit. Die Herausforderungen, vor denen Familien stehen, sind sehr unterschiedlich. In manchen Ländern geht es um Armut, Migration und Krieg oder auch um Gewalt in den Familien und in anderen Ländern stehen ganz andere Aspekte im Fokus.

Gemeinde creativ: Das Kapitel Synode zu ‚Ehe und Familie‘ ist noch nicht abgeschlossen. Im Herbst folgt die Ordentliche Bischofssynode, in den vergangenen Wochen lief die Fragebogenaktion dafür. Wie schätzen Sie denn diesen Prozess ein?

Ute Eberl: Mittlerweile haben wir ja schon ein bisschen Erfahrung damit, aber die erste Fragebogenaktion im Herbst 2013 hat uns alle völlig überrascht. Normalerweise werden diese Fragen im Vorfeld einer Synode ausschließlich an die Bischofskonferenzen geschickt. Das war jetzt plötzlich anders. Papst Franziskus hat gesagt: Halt - ich will wissen wie die Leute leben. Also gebt diese Fragen weiter an die Menschen. Entstanden ist ein hervorragendes Papier. Ich glaube schon, dass die Anliegen der deutschen, katholischen Kirche deutlich darin Eingang gefunden haben. Wenn man jetzt den aktuellen Fragebogen genau anschaut, kann man aber manchmal auch ins Stocken geraten, weil die Themen, die aus Deutschland im letzten Jahr eingereicht wurden, sich scheinbar verflüchtigt haben. Mich hat vor kurzem erst jemand angerufen und gesagt: Aber wir waren doch schon viel weiter. Wir sind gläubige Katholiken, trotzdem gelten für uns manche Dinge der Kirchenlehre so nicht mehr, weil wir mit unserem Gewissen da woanders stehen. Mögen die Fragen noch so sperrig sein, grandios bleibt, dass der Papst wieder entschieden hat: Ich will wissen, wie die Gläubigen dazu denken.

Gemeinde creativ: Was würden Sie sich konkret für die Synode im Herbst 2015 wünschen?

Ute Eberl: Ich würde mir wünschen, dass dieser sympathische Blick auf die Welt Oberhand gewinnt, und dass der Blick ins Wohnzimmer der Familien gerichtet ist und nicht ausschließlich ins Schlafzimmer. Weil ich glaube, dass die Menschen heute sehr wohl Ermutigung in ihrem Beziehungsalltag brauchen. Der erhobene Zeigefinger hilft da nicht weiter. Mit dem sympathischen Blick aber ist ganz viel möglich. Papst Franziskus hat es erst wieder in einer seiner Predigten gesagt: Es gibt zwei Logiken, nämlich, dass man diejenigen unterstützen muss, die alles richtig machen, aber man müsse auch bei denen sein, die sich ausgegrenzt fühlen, die nicht perfekt sind, wo das Leben Sprünge gezeigt hat. Das Wort Barmherzigkeit ist meines Erachtens nach kein Wellnessangebot, sondern der Auftrag, den wir als Christen haben.

Gemeinde creativ: Angenommen Papst Franziskus persönlich würde bei Ihnen nachfragen: Frau Eberl wo drückt denn der Schuh besonders, was würden Sie ihm antworten?

Ute Eberl: Ich würde ihm zwei Sachen sagen wollen: Zum einen, dass in Familien so viel Liebe gelebt wird zwischen Großeltern und Enkeln, zwischen Kindern und Eltern, zwischen erwachsenen Geschwistern und zwar ganz konkret: Von der Pflege der Alten angefangen bis zum nächtlichen Trösten des Babys oder wenn die jugendliche Tochter spätnachts mit Liebeskummer nach Hause kommt. Ich würde ihm sagen: Hört auf die Familien, sie haben ganz viel zu sagen! Aber keine Familie und keine Ehe ist perfekt, auch bei den besten Anstrengungen und Bemühungen. Darum würde ich ihm als zweites sagen: Lieber Papst, sage laut und deutlich, dass Gott immer mit seiner Zärtlichkeit für die Menschen da ist, für alle Menschen und sie gerade dann umarmt, wenn unser Plan vom Leben nicht gelingt.

Das Interview führte Alexandra Maier