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Schwerpunktthema 01/2015

Zum Lebensende fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!?

Von Johannes Brantl
Professor für Moraltheologie an der Kath.-Theol. Fakultät der Uni Trier

Die Vorstellung, in der letzten Phase des Lebens womöglich unerträgliche Schmerzen erleiden zu müssen, immer mehr die Kontrolle über den eigenen Körper und Geist zu verlieren und nahezu in jeder Hinsicht auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, stellt für nicht wenige Menschen ein Horrorszenario dar. „So möchte ich auf gar keinen Fall sterben! Das ist doch nur eine Quälerei, menschenunwürdig und sinnlos!“ – Aussagen wie diesen begegnet man in Gesprächen über das Thema Sterben in Würde und Autonomie relativ oft.

Doch ist es so einfach, das Sterben selbst in die Hand zu nehmen und einen würdigen Schlussakkord zur Melodie des eigenen Lebens zu setzen? Tatsächlich gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von jedermann zugänglichen Dokumentationen eines so gesehen „selbst-bestimmten“ bzw. „selbst-inszenierten“ Abschieds aus dem Leben – erinnert sei zum Beispiel an den Film „The Suicide Tourist“ aus dem Jahr 2007, in dessen Verlauf sich der Engländer Craig Ewert, unterstützt von der Schweizer Sterbehilfeorganisation „Dignitas“, das Leben nimmt, oder auch an die Videobotschaften der 2014 aus dem Leben geschiedenen Amerikanerin Brittany Maynard.

Wer sich nun etwa auf Youtube die menschlich berührende, ja erschütternde Inszenierung des Sterbens von Craig Ewert ansieht, der muss schon ein recht hartgesottenes Gemüt haben, um in einem solchen Vorgang den besonderen Ausdruck von Freiheit und Würde zu erkennen. Weit mehr ist in diesen Szenen, die den Eindruck erwecken, Craig Ewert habe den widerlich schmeckenden Giftbecher beim zweiten Versuch eher aufgenötigt als gnädig gereicht bekommen, eine tiefe Tragik abzulesen. Und zwar besteht diese Tragik darin, dass sich die ersehnte Würde des Sterbens ganz offensichtlich nicht einfach von Menschenhand planen und bewerkstelligen lässt, dass sich ihre Präsenz womöglich sogar in dem Maße entzieht, je mehr sie herbei gezwungen werden soll. Menschliche Würde ist und bleibt weit mehr Geschenk als Verdienst – das bewahrheitet sich gerade auch mit Blick auf die Versuche, um der Würde willen das Sterben selbst in die Hand zu nehmen.

WARUM DAS LEBEN NIEMALS SINNLOS IST

Ein neuer Trend zum „vorweggenommenen Sterben“, wie er sich in der bereits vielfach praktizierten und immer offensiver auch hierzulande postulierten Suizidbeihilfe abzeichnet, wirft jedoch noch eine weitere, recht grundsätzliche Fragestellung auf: Ergibt es einen echten Sinn, wenn man die Existenz eines Menschen vorzeitig beendet und damit die eigentümliche Spannung aufhebt, welche die Unberechenbarkeit des gewissen, aber nie genau festgelegten Todes in jedes Leben hineinlegt? Wer kann sagen, ob nicht doch vielleicht erst in der letzten, mit Hinfälligkeit und Schwäche belasteten Phase des Lebens ein unvorhersehbares Ereignis eintritt oder eine unerwartete Erfahrung zuteilwird, die für die Vollendung einer Persönlichkeit und ihrer Biographie noch überaus wichtig ist? Den Menschen zeichnet es aus – so hat es der Psychiater und Philosoph Viktor E. Frankl mit Nachdruck betont –, dass er nicht nur als „homo faber“ (der Sinnerfüllung findet, indem er schöpferische Werte verwirklicht) oder als „homo amans“ (der Sinnerfüllung im Erleben, Begegnen und Lieben findet) sondern gerade auch als „homo patiens“ (der Sinnerfüllung in der Art und Weise findet, wie er sich zu Krankheit und Leid verhält) zu agieren bzw. zu reagieren vermag (vgl. V. Frankl, Der leidende Mensch. Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie, Bern 1998). Damit verbunden ist die Überzeugung, dass sich in jeder auch noch so belastenden und beängstigenden Situation des menschlichen Lebens bis zu seinem Ende eine Chance zur Sinnerfahrung und Sinnverwirklichung bietet. Durchaus in diesem Sinne hat unlängst auch der ehemalige Bundesminister und SPD-Vorsitzende Franz Müntefering mit einem sehr persönlichen Plädoyer in der aktuellen Debatte um den medizinisch assistierten Suizid Stellung bezogen und sich in einem Interview mit dem Wochenmagazin „Die Zeit“ folgendermaßen geäußert: „Ich, Sie, uns alle gibt es nur einmal in der Geschichte der Welt, ein einziges Mal. Das Leben ist so einzigartig und wichtig, dass ich jeden ermutige, zu sagen: Nimm so viel davon, wie du kannst. Und geh nicht beiseite.“ (Sterbehilfe. Ein Gespräch mit dem ehemaligen SPD Generalsekretär Franz Müntefering über den Tod und das Sterben, in: Die Zeit vom 23. 12. 2014, S. 9)

Nahezu gebetsmühlenartig wiederholen die Befürworter der medizinisch assistierten Selbsttötung, dass es jede freiheitlich-demokratische Gesellschaft dem einzelnen Individuum erlauben müsse, seine Lebensziele – die Beendigung des eigenen Lebens inbegriffen – selbstbestimmt zu verwirklichen. Und zweifellos stellt auch in theologisch-ethischer Perspektive die Autonomie des Menschen ein hohes Gut dar; niemand möchte bestreiten, dass das Recht auf Selbstbestimmung zur Würde des Menschen, zu seiner Gottebenbildlichkeit, gehört.

PARADOXE SELBSTBESTIMMUNGSLOGIK DES MEDIZINISCH ASSISTIERTEN SUIZIDS

Allerdings entpuppt sich gerade im Kontext des medizinisch assistierten Suizids das so hoch gehaltene Banner der Selbstbestimmung als recht fadenscheiniges Deckmäntelchen, unter dem sich ganz andere Interessen verbergen. Für diese Beobachtung sprechen vor allem zwei Ungereimtheiten, die zu denken geben.

Zum einen: Es ist kein überzeugendes Zeichen des Respekts vor der Würde und Autonomie des Anderen, wenn man ihm bei der Selbsttötung assistiert und somit hilft, die unabdingbare Voraussetzung selbstbestimmten Handelns, nämlich die betreffende Person selbst, zu zerstören. Immanuel Kant, der bekanntlich den Aspekt der Autonomie wie kaum ein anderer in das Zentrum der Moralphilosophie gerückt hat, lehnte daher die moralische Berechtigung einer in freier Entscheidung verübten Selbsttötung entschieden ab (vgl. I. Kant, Metaphysik der Sitten, WW Ausgabe Weischedel, Bd. 8, Frankfurt a. M. 1977, S. 554).

Insofern man außerdem hoch belastende Krisen, Lebensangst, Hoffnungslosigkeit und soziale Isolation als die in den allermeisten Fällen entscheidenden Faktoren für das Aufkommen einer suizidalen Bereitschaft ausmachen kann, wird die Rede vom angeblich selbstbestimmten „Freitod“ geradezu zynisch. Suizidbeihilfe kann sich hier schon gar nicht auf die Achtung der Autonomie des bedrängten Mitmenschen berufen; vielmehr zeugt sie von eigentlichem Desinteresse an der Person des Anderen, von einer Haltung distanzierter Geschäftigkeit, welche die bedrängenden Ängste und Probleme ihrer Mitmenschen lieber schnell und effektiv aus der Welt geschafft wissen will, anstatt sich womöglich langwierig und mühsam mit ihnen befassen zu müssen.

Zum anderen: Viele, die im Namen des Selbstbestimmungsrechtes für eine Liberalisierung der Suizidhilfe durch Ärzte auch hier in Deutschland kämpfen, betonen regelmäßig und mit Nachdruck, dass sie die medizinisch assistierte Selbsttötung nur mit Blick auf jene Menschen befürworten möchten, die an schwersten und unheilbaren Krankheiten leiden. So hält es beispielsweise die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert nicht für „angemessen“, auf einen – wohl gemerkt – „frei verantwortlichen Suizidwillen“ von psychisch Kranken oder einfach „lebensmüden“ hochbetagten Gesunden zu reagieren (vgl. B. Schöne-Seifert, Wenn es ganz unerträglich wird, in: FAZ vom 6. 11. 2014, S. 13). Hieb- und stichfest begründet wird diese Beschränkung nicht; und sie lässt sich auch gar nicht logisch begründen, wenn man mit dem Argument der Autonomie den Anspruch auf Suizidbeihilfe propagiert.

Warum soll – diese provozierende Frage sei in diesem Zusammenhang gestattet – die Selbstbestimmung eines sterbewilligen, einsichtsfähigen und freien Menschen nun wieder einem ärztlichen Paternalismus weichen, der das letzte und entscheidende Urteil darüber zu sprechen hat, ob ein Suizidwunsch berechtigt ist oder nicht bzw. ob die erbetene Unterstützung zur Selbsttötung gewährt werden soll oder nicht? Und was qualifiziert eigentlich ausschließlich Ärzte dazu, eine solche Entscheidung zu beurteilen, bei der es sich ja gar nicht um eine medizinische Entscheidung im engeren Sinn, sondern vielmehr um eine Lebensentscheidung im wahrsten Sinne des Wortes handelt? Könnte nicht ebenso auch jeder Apotheker mit der nötigen Empathie sich ein entsprechendes Urteil bilden und das benötigte Barbiturat – sobald es der Gesetzgeber zulässt – rezeptfrei an die Sterbewilligen bzw. ihre rührigen Suizidhelfer ausgeben? Dann wäre man in der Tat bei dem Motto angekommen, das sich in freier Anlehnung an eine bekannte Formulierung aus den gängigen Medikamenten- Beipackzetteln so fassen ließe: Zum Lebensende fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!

VORBILDER (VER-)FÜHREN ZUR NACHAHMUNG

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass sich in Zukunft weder die Beschränkung der Suizidbeihilfe auf Patienten mit schwersten und unheilbaren Krankheiten noch ein Verbot kommerzieller Suizidassistenz aufrechterhalten lassen werden, wenn erst einmal die ärztliche Beihilfe zum Suizid rechtlich geregelt und institutionalisiert ist. Die Schweizer Sterbehilfeorganisation EXIT beispielsweise hat bereits in aller Offenheit angekündigt, künftig auch gesunde Menschen, die schlicht und einfach des Lebens müde und überdrüssig sind, bei ihrer Selbsttötung zu unterstützen.

Zwar wird in ethischen Diskursen gegenüber dem Argument des Dammbruchs immer wieder eingewandt, dass es ein schwaches Argument sei, insofern es lediglich mit unsicheren Prognosen operiere. Gerade die Entwicklung der letzten Jahre im Bereich der konkreten Praxis von Suizidbeihilfe, Tötung auf Verlangen und aktiver Sterbehilfe – bis hin zu den jüngsten Entwicklungen in Belgien, auch schwerkranken Kindern oder einem gesunden Mann in Sicherungsverwahrung zumindest grundsätzlich das Recht auf aktive Sterbehilfe zuzugestehen – dokumentiert allerdings überzeugend, dass sich eine Wahrscheinlichkeit nur allzu schnell in eine harte Wirklichkeit verwandeln kann.

Abschließend bleibt noch ein wichtiger Sachverhalt zu erwähnen, der im Rahmen der gesellschaftspolitischen Debatte um eine Regelung der Suizidhilfe relativ oft übersehen oder auch bewusst verschwiegen wird: dass Suizidhandlungen nämlich eine nachgewiesene Vorbildwirkung haben und zur Nachahmung (ver-)führen. Diese in der Suizidforschung mit dem Begriff „Werther- Effekt“ bezeichnete Tatsache lässt ernsthaft befürchten, dass sich in einer Gesellschaft, die den Tod durch eigene Hand als eine selbstverständliche Option erachtet, eine ganz spezielle Dynamik entwickelt. Immer mehr schwerkranke, pflegebedürftige, behinderte, von der Angst vor Schmerzen und Einsamkeit erfüllte Menschen werden sich die Frage stellen, ob sie ihr Leben sich selbst und/ oder ihrem Umfeld noch länger zumuten wollen bzw. können; immer mehr Menschen werden einem subtilen Druck folgend jene Vorbilder nachahmen, die ihnen dann als Beispiele eines rechtzeitigen Abschieds aus dem Leben, um nicht zu sagen: eines „sozialverträglichen Frühablebens“, vor Augen stehen.

A. Huxley, Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft, Vorwort Ausgabe 1949, Frankfurt a. M. 1986, S. 17.) Es ist wahrhaft beängstigend, wie hellsichtig diese Einschätzung Huxleys doch gerade auch mit Blick auf die gegenwärtigen Entwicklungen und Diskussionen im Zusammenhang eines geplanten bzw. vorweggenommenen Abschieds aus dem Leben wirkt!

„Das Leben ist so einzigartig und wichtig, dass ich jeden ermutige, zu sagen: Nimm so viel davon, wie du kannst. Und geh nicht beiseite.“ Franz Müntefering