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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Kommentar 01/2015

Das Erinnern braucht einen Namen und einen Ort

Von Martin Riedlaicher
Theologe und Mitglied im Redaktionsbeirat von „Gemeinde creativ“, Passau

In der modernen Welt darf wohl vieles nicht so bleiben, wie es ist. Das gilt auch für die Kultur des Bestattens und des Trauerns. Das Bestatten der sterblichen Überreste in einem Sarg in einem Erdgrab – das war über Jahrtausende die gängige Art und Weise, wie man sich zur letzten Ruhe betten ließ. Aber auch hier halten moderne „Trends“ Einzug, weg vom Friedhof. Wer genug Geld hat, muss bei seinem letzten Gang nicht mehr „in die Grube“ fahren, wie es der Volksmund kräftig formuliert, sondern kann die Urne mit seiner Asche in den Weltraum schießen lassen. Ein anderer lässt seine Überreste zu einem Diamanten verpressen. Gar nicht wenige lassen sich nach dem Tod Kunststoff in die Adern pumpen, um sich als Plastinat bei der Ausstellung „Körperwelten“ zu präsentieren. Andere wollen gar nicht sterben, sondern lassen nach dem Tod ihre Körper mit Kühlflüssigkeit abfüllen, sich dann einfrieren. Der Plan: Auftauen und „auferstehen“ in späteren Jahrhunderten, wenn die medizinische Technik es erlaubt.

Das alles sind Kuriositäten und Extrembeispiele – sicher. Aber ohne Zweifel ist auch im katholisch-bürgerlichen Milieu einiges im Fluss, was die Bestattungskultur betrifft. Selbst in den ländlichen Gebieten werden Urnenbeisetzungen die klassische Sargbestattung in Kürze zahlenmäßig „überholen“, in Städten kommt die Urne teils auf über zwei Drittel.

Was noch wichtiger ist: Selbst christlich geprägte Bürger finden Gefallen an „alternativen“ Bestattungsarten, weg vom Friedhof. Sei es das Verstreuen der Asche auf dem Meer, auf einem See oder auf dem Lieblingsberg des Verstorbenen. Viele Angehörige würden gern die Asche ihrer Toten im Garten beisetzen oder tatsächlich die Urne auf das Regal stellen.

Viele Gemeinden oder auch Privatinvestoren reagieren derzeit auf die Nachfrage und legen „Trauerwälder“ oder „Friedwälder“ an. Es gibt viele Vorbestellungen dafür. Meist stecken zwei Überlegungen dahinter: Zum einen will man den Angehörigen die Kosten für die Grabpflege ersparen, zumal diese oft in der mobilen Welt nicht mehr vor Ort und weit verstreut wohnen. Zum zweiten gefällt vielen die romantische Idee, im Wald oder auf einer Wiese bestattet zu werden. Am besten unter einem Baum, um über das Wurzelwerk wieder in den Kreislauf des Lebens zurückzukehren, sich quasi zu Acker zu machen. Immer mehr wollen auf diese Weise sogar anonym bestattet werden. Man will niemandem zur Last fallen.

Diese Vorstellungen sind zum Teil verständlich. Christlich sind sie nicht. Die naturreligiöse Vorstellung vom Kreislauf des Lebens unter dem Wurzelwerk des Baums widerspricht der christlichen Überzeugung von Tod und Auferstehung. Der christliche Glaube braucht Friedhöfe. Das Erinnern braucht einen Ort der Erinnerung, einen Raum, der für diesen Zweck reserviert und gestaltet ist. Ein Toter darf nicht verschwinden, wenn er stirbt, Abschied und Erinnerung brauchen einen Platz, der allen aus der Gemeinschaft zugänglich ist. Damit entfällt das Grab im Garten oder die Urne auf dem Regal.

Abschiednehmen und Erinnern an einen Verstorbenen brauchen nicht nur einen Ort, sondern auch einen Platz, auf dem sein Name steht. In der Taufe ist der Name unauflöslich mit dem Namen Gottes verbunden. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“, heißt es im Alten Testament. Daher können anonyme Bestattungen nie christlichen Werten entsprechen.

All das spricht nicht automatisch gegen Fried- oder Trauerwälder. Aber diese muss man entsprechend gestalten. Denn auch solche Wälder oder Parks müssen die Toten „verorten“ und mit ihrem Namen klar erkennbar an sie erinnern. Denn kein Trend und keine Mode kann und darf etwas daran ändern: Erinnern und Trauern brauchen einen Namen und einen konkreten Ort.