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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Interview 01/2015

 

Würde am Ende des Lebens

Interview mit Elisabeth Linseisen


Elisabeth Linseisen ist gelernte Krankenschwester und hat in einem kirchlichen Krankenhaus gearbeitet. Dann hat sie Pflegemanagement und Pflegewissenschaft studiert und in der ambulanten Pflege gearbeitet. Aktuell promoviert sie in Pflegewissenschaft. Sie ist Lehrbeauftragte an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München im Fachbereich Pflege. Als Vorsitzende des Katholischen Pflegeverbandes e.V., Landesgruppe Bayern, hat sie sich an einem Projekt der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Frauen zum Thema „Würde am Ende des Lebens“ beteiligt.

Gemeinde creativ: Seit vielen Jahren wird der Pflegenotstand prognostiziert. Wann kommt er?

Linseisen: Den Pflegenotstand haben wir schon, qualitativ und quantitativ. Es gibt nicht mehr überall genügend ausgebildete Pflegekräfte. Und es gibt zunehmend mehr Kenntnisse und Wissen zum Thema Pflege, was aber nicht immer ausreichend vermittelt wird.

Gemeinde creativ: Diesen Pflegenotstand gleichen dann oft pflegende Angehörige aus, oder?

Linseisen: Das können Angehörige eigentlich nicht ausgleichen. Es kommt darauf an, was man unter Pflege versteht. Für mich bedeutet professionelles Pflegehandeln, dass ich aktuelles Fachwissen habe und – ganz wichtig – gleichzeitig eine professionelle Beziehung zum Pflegebedürftigen aufbaue. Nur so kann ich dann den Betroffenen in seiner Einzigartigkeit und mit seinen aktuellen Bedürfnissen in der jeweiligen Situation verstehen und das mit dem Fachwissen verknüpfen. Auf dieser Grundlage kann ich dann pflegerische Handlungen durchführen.

Gemeinde creativ: Aber die emotionale Bindung von Angehörigen ist doch ein wichtiger Wert in der Pflege?

Linseisen: Ja, freilich. Die professionelle Pflege kann nicht leisten, was die familiäre Pflege leisten kann und umgekehrt. Die Beziehung zum Gepflegten ist jeweils anders. Es ist beides nötig, die enge Beziehung der Angehörigen und das mit der professionellen Beziehung verknüpfte Fachwissen der Pflegekräfte.

Gemeinde creativ: Sie haben selbst auch familiäre Pflege miterlebt in der eigenen Familie.

Linseisen: Dabei hat mir natürlich meine Ausbildung geholfen, es war gleichzeitig aber ganz anders, als in der Pflege an fremden Menschen.

Gemeinde creativ: Braucht Pflege nicht auch eine gesunde Distanz, gerade wenn die Grenzen des Lebens erreicht werden?

Linseisen: Ja, das muss man auch lernen. Es ist manchmal nicht ganz einfach, es gibt verschiedene Beziehungsaspekte, aber das gehört zur Ausbildung dazu. Und als Angehörige ist die Erfahrung von Tod ganz anders als im Beruf.

Gemeinde creativ: Anders als in Ihrer Familie wird heute Tod nicht mehr als Teil des Lebens wahrgenommen. Warum?

Linseisen: Früher mussten mehrere Generationen zusammenleben, da war der Tod allgegenwärtig. Mit der veränderten Familienstruktur, aber auch durch die neuen medizinischen Möglichkeiten ist der Tod weniger gegenwärtig. Früher wurden Tod und Sterben mehr erfahren, weil heute vergleichsweise harmlose Leiden früher zum Tod geführt haben, wie etwa ein Oberschenkelhalsbruch. Das war „normaler“. Auch die Kindersterblichkeit ist zurückgegangen. Die Menschen werden älter, der Tod ist weniger allgegenwärtig. Und in der Regel findet der Tod im Krankenhaus oder in Altenhilfeeinrichtungen statt, weniger zu Hause. Deshalb muss sich der Einzelne weniger mit dem Tod beschäftigen. Auch die Mobilität und die Entfernung der Lebensmittelpunkte der Familienmitglieder spielt eine Rolle.

Gemeinde creativ: Welche Rolle spielen denn die geringer gewordenen kirchlichen Bindungen?

Linseisen: Wenn die Menschen weniger in den Gottesdienst gehen oder sich die Beziehung zur Kirche verringert hat, erleben sie den gemeindlichen Umgang mit Tod nicht mehr wie früher. Wenn jemand verstorben ist, gibt es einen Gottesdienst, wird ein Pfarrer geholt. Wer nicht kommt, erfährt kaum etwas vom Tod, setzt sich nicht auseinander damit. Der Gottesdienst, der Glaube ist dafür ein guter Ort.

Gemeinde creativ: Wird das ewige Leben von der ewigen Jugend verdrängt?

Linseisen: Für diejenigen, die glauben, sicher nicht. Aber wie viele Leute machen sich noch Gedanken um den Tod, um Ewigkeit, um ewiges Leben? Aus meiner beruflichen Perspektive beobachte ich, dass die Information über eine Krankheit Menschen erschreckt und Ängste auslöst. Dann wird darüber nachgedacht um bald wieder verdrängt zu werden. Aber vielleicht ist das auch normal.

Gemeinde creativ: Öffentlich wird zurzeit viel über das Sterben gesprochen, wenn von Sterbehilfe die Rede ist. Bevor man Menschen hilft zu sterben, muss man ihnen helfen zu leben, ist eine Position. Haben wir in der Gesellschaft das Leben verlernt?

Linseisen: Was heißt leben? Da kann ich nur persönlich antworten: Leben heißt, sich auseinander zu setzen mit dem, was gerade da ist, mit den augenblicklichen Gegebenheiten. Das heißt, hinauszugehen auf die Straße oder singen oder spielen oder sich auseinander zu setzen mit Leid und Tod, wenn mir das gerade begegnet. Beruflich bedingt musste ich mich natürlich damit auseinandersetzen, auch wenn ich nicht jeden Tag darüber nachdenke.

Gemeinde creativ: Was heißt dann für Sie, jemandem leben zu helfen?

Linseisen: Ich versuche pflegebedürftigen Menschen, dort wo ich ihnen begegne, in ihrer Situation zu helfen. Es sind ja kranke, alte oder behinderte Menschen, die irgendetwas nicht mehr können. Wenn ich ihnen begegne, versuche ich zu tun, was gerade nötig ist, sie zu unterstützen. Da versuche ich ganz da zu sein und herauszufinden, was gerade das Richtige ist. In der Situation des Sterbens kann es sein, dass ich dann die Hand halte. Oder vielleicht sogar bewusst das Zimmer verlasse, weil manche alleine sterben möchten. Auch das habe ich beobachtet und muss das möglicherweise mit den Angehörigen besprechen.

Gemeinde creativ: Aus der Sicht von Menschen, die weitgehend autonom sind, noch alles selbst können, müsste sich bei denen, die aufgrund einer Krankheit oder Behinderung eingeschränkt sind, die Frage nach dem Lebenswert stellen.

Linseisen: Nicht immer, aber manchmal. Manche Menschen äußern sich nicht dazu – vielleicht auch nicht mir gegenüber. Aber es gibt auch die, die sagen, ich möchte nicht mehr leben, das hat alles keinen Wert. Das Problem starker Schmerzen erlebe ich weniger, weil es, seit ich beruflich mit Pflege zu tun habe, eine gute Palliativversorgung gibt. Ich habe aber auch Menschen erlebt, von denen ich dachte, so möchte ich nicht leben, für die die Situation aber vollkommen in Ordnung war. Sie freuen sich, weil heute die Sonne scheint oder ein neuer Bettnachbar ins Krankenzimmer einzieht, mit dem sie reden können. Die Leute denken eher selten darüber nach, was sie noch wert sind.

Gemeinde creativ: Aber wird die Frage nach dem Wert des Lebens heute angesichts der Ökonomisierung der Welt und des Menschen nicht von außen an den Menschen gestellt? Kann man sich dieser Frage noch entziehen?

Linseisen: Die Ökonomisierung, also das Streben nach monetärer Gewinnmaximierung, ist gefährlich und problematisch mit älteren, schwerstkranken und behinderten Menschen. Sie können oft ihre Bedürfnisse nicht lautstark öffentlich machen. Über sie wird entschieden, sie werden in den gesellschaftlichen Diskurs nicht mehr eingebunden.

Gemeinde creativ: Ist das nicht die Angst der Menschen: gestorben zu werden?

Linseisen: Bei den direkt Betroffenen habe ich das bislang nicht wahrgenommen. Da geht es eher darum, wie geht es mir heute und morgen, was kann ich tun, um schmerzfrei zu sein, wie finde ich den passenden Arzt. Auf einer übergeordneten Ebene und bei denen, die noch nicht direkt betroffen sind, wird das viel mehr überlegt. Und das schwappt dann irgendwann über und wirkt sich aus in den unmittelbaren Situationen ernsthafter Erkrankung und den Zeiten, in denen Menschen wahrnehmen, dass ihr Leben begrenzt ist. Wobei Leben ja immer begrenzt ist. Aber irgendwann treten massive Ängste auf.

Gemeinde creativ: Gab es die Angst vor dem Sterben nicht immer schon?

Linseisen: Es gibt die Angst vor dem Vorgang des Sterbens und den damit vorgestellten unbekannten Vorgängen, zum Beispiel die Angst vor Schmerzen. Es gibt die Angst, was nachher sein wird. Darüber haben wenig Sterbende mit mir gesprochen. Dann gibt es noch die Ängste um die Angehörigen, wie es denen ergehen wird. Die Ängste um das Sterben herum sind vielschichtig. Man kann diese Ängste auch nicht vollständig nehmen. Sterben ist etwas Einmaliges. Keiner von uns weiß wie es wirklich ist, auch wenn es Nahtodberichte gibt. Wie es tatsächlich ist, werden wir alle erst erleben.

Gemeinde creativ: Hat sich im Umgang mit Sterbenden in den Krankenhäusern nicht einiges verändert?

Linseisen: Seitden 1990er Jahren gibt es in Krankenhäusern zunehmend Palliativstationen und Hospize im außerklinischen Bereich. Das hat natürlich Einstellungen geändert. Es wird aber auch immer noch „normal“ gestorben. Es müssen nicht alle Sterbenden auf die Palliativstation, wenn eine gute Versorgung anders eben- Rahmenbedingungen schwieriger, da gibt es zum Beispiel nicht immer Einzelzimmer.

Gemeinde creativ: Ist es für Ärzte schwierig jemanden sterben zu sehen? Sich eingestehen zu müssen, dass sie nicht mehr helfen konnten?

Linseisen: Das ist sehr unterschiedlich. Palliativmediziner haben da nach meiner Erfahrung von vorne herein vielleicht eine andere Einstellung. Bei anderen Ärzten erlebe ich alle Schattierungen, vom einfachen Annehmen des Todes bis hin zur Erfahrung, dass ein Arzt sagt, der Patient dürfe doch jetzt nicht sterben. Ich kann mich erinnern an einen Patienten, bei dem in der letzten Lebensphase diskutiert wurde, ob er wiederbelebt werden solle. Dann argumentierte ein Oberarzt, dass der Patient nicht sterben dürfe, weil er gerade noch so viele Mühe mit ihm hatte mit der Operation. In einem anderen Fall starb der Patient während der Körperpflege. Wir verständigten den Arzt, der vollkommen schockiert war, dass der Patient jetzt schon gestorben ist, obwohl er eigentlich wusste, wie schlecht die Prognose war.

Gemeinde creativ: Und wie ist es bei Pflegekräften?

Linseisen: Auch sehr unterschiedlich. Ich kenne Kollegen im Krankenhaus, die große Schwierigkeiten haben mit dem Sterben. Sie suchen sich als Arbeitsfeld Stationen, auf denen weniger häufig gestorben wird. Eine Studierende der Pflege hat sich als Hausarbeit im ersten Semester bewusst das Thema „Palliativ und Sterben“ ausgesucht. Sie hat erzählt, dass sie während ihrer Ausbildung zur Pflegekraft nie Erfahrungen mit Sterben gemacht hat und sich diesem Thema jetzt stellen möchte. Sie hat Bedenken, wenn sie in ihrer beruflichen Zukunft dann doch damit konfrontiert wird.

Gemeinde creativ: Was heißt dann, Menschen im Sterben zu begleiten?

Linseisen: Zunächst muss ich damit klar kommen, was für mich Sterben bedeutet. Ich muss mich auch auseinander setzen mit der Frage, was Leben nach dem Tod bedeutet. Ich bin gläubig und tue mich da vielleicht leichter. Professionell Pflegende müssen auch die körperlichen Symptome kennen. Sie müssen wissen, wie man beispielsweise Schmerzen lindern kann oder welche Lagerungsmöglichkeiten die Atmung unterstützen. Und sie müssen eine Beziehung aufbauen können zum Sterbenden und zu den Angehörigen, um zu sehen, was der Patient in der Situation braucht.

Gemeinde creativ: Was heißt menschenwürdig sterben?

Linseisen: Die Ökonomisierung ist auch hier eine Gefahr. Der Mensch muss mehr wert sein als monetärer Gewinn. Das könnte etwa für einen Sterbenden im Krankenhaus bedeuten, dass er ein Einzelzimmer bekommt, auch wenn er nicht privat versichert ist. Die goldene Regel scheint mir grundlegend für menschenwürdiges Sterben: Tue nur, was du selbst haben wolltest. Menschenwürdig heißt dann auch, auf die Wünsche des Sterbenden einzugehen.

Gemeinde creativ: Und wenn jemand den Wunsch hat schneller zu sterben?

Linseisen: Dann habe ich ein Problem. Dann muss ich mit demjenigen überlegen, woran das liegt. Sind es die Schmerzen, die Ängste vor dem Alleinsein? Dann muss ich darauf eingehen und vielleicht ändert sich der Wunsch wieder.

Gemeinde creativ: Es gibt aber auch die Angst vor dem Leben, bei Schwerbehinderten etwa oder bei dem lebenslang Verurteilten in Belgien.

Linseisen: Die Frage taucht beispielsweise auch bei Depressiven auf. Es ist problematisch. Man muss dann das je einzelne Leben anschauen. Für mich gilt, dass Selbsttötung nicht geht. Ich kenne aber Kollegen, die darüber anders denken.

Gemeinde creativ: Dem steht der oft unbändige Wunsch nach Leben gegenüber, das weiß man aus Extremsituationen. Ist es nicht eine übermenschliche Anstrengung sich selbst zu töten?

Linseisen: Ich glaube, wenn jemand unbedingt sterben will, dann wird er es auch. Erlebt habe ich es, dass sterbende Menschen nicht verstarben, solange jemand dabei war. Gingen dann Angehörige oder Pflegende kurz aus dem Zimmer, starben sie genau zu dem Zeitpunkt. Freilich ist es etwas anderes, wenn man Hand an sich selbst anlegt. Ob es den unbedingten Lebenswillen gibt, weiß ich nicht. Aber ich kann mich an einen Patienten erinnern, wo der Arzt gesagt hat, wir setzen alle Medikamente ab, geben nur noch Schmerzmittel, weil der Mann im Sterben liegt. Dieser Patient hat uns dann 10 Jahre später besucht, er hatte einen unbändigen Lebenswillen.

Gemeinde creativ: Wie geht es ihnen, wenn ein Patient stirbt?

Linseisen: Ich habe es oft erlebt, dass ich sagte, es ist gut so. Aus der Außenperspektive hat es so ausgesehen, dass der Mensch sein Leben gelebt hat. Auch selbst sagen solche Menschen, es ist jetzt gut so. Vieler dieser Menschen schlafen dann lebenssatt ein, wie man so schön sagt.

Das Gespräch führte Thomas Jablowsky