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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Schwerpunktthema 01/2014

Armut, die zu Gott führt

Seit der Wahl von Papst Franziskus ist viel von Armut die Rede. Auch die evangelische Kirche macht sich Gedanken, was es heißt „Kirche für die Armen“ zu sein. Die meisten, die von Armut reden, sind nicht direkt betroffen. Auch der Autor der folgenden Gedanken nicht. Aber Jesus hat die Armen seliggepriesen.

Von Thomas Jablowsky
Redaktionsleiter

Vor vielen Jahren habe ich einen „Berber“ kennengelernt. So bezeichnete er sich, nicht als Obdachloser oder gar „Penner“. Er hat auf mich immer einen gepflegten Eindruck gemacht. Zweimal die Woche ging er ins Schwimmbad – zum Duschen. Einmal im Monat zum Frisör, mit gebetteltem Geld. Er erzählte mir, dass er alles, was er tagsüber bekomme, wie auch immer, bis zum Schlafengehen ausgibt. Warum? „Weil ich sonst von anderen Berbern überfallen werde. Wegen der paar Kröten riskiere ich nicht mein Leben“. Und zum Zahnarzt ging er im Sommer in Italien, per Anhalter oder zu Fuß, an den Unis dort behandeln Medizinstudenten angeblich umsonst.

„Selig, die arm sind“, heißt es im Matthäusevangelium, nicht: Selig, die im Elend leben. Aber ist das nicht die Folge, wenn man dem Rat Jesu folgt: Geh, verkaufe alles! Nein, ein Leben im Elend und Hunger, ein menschenunwürdiges Leben aufgrund fehlender Lebens-Mittel kann Jesus, der Menschenfreund, nicht gewollt haben. Vielleicht helfen einige andere Begriffe, Synonyme, um der Armut auf die Spur zu kommen.

Freiwillig Arm

In der Kirchengeschichte wurde die Armut als Rat des Evangeliums immer hochgehalten, prominentestes Beispiel ist der Hl. Franziskus. Aber es handelt sich bis heute immer um freiwillige Armut. So mancher Eintritt ins Kloster – und das damit verbundene Armutsgelübde - war sogar eine Flucht heraus aus der Armut. Denn im Kloster gab es Arbeit, war man versorgt, die Grundbedürfnisse waren abgedeckt. Der Preis dafür mag manchen heute hoch erscheinen.

Die Folge dieser freiwilligen Armut ist Freiheit. Freiheit wovon? Freiheit von der Verantwortung, über diesen Zusammenhang wird noch zu reden sein. Aber es ist auch Freiheit für: frei, um nur mit einem Koffer an einen anderen Ort zu gehen, wo ich vielleicht dringender gebraucht werde. Frei von der Sorge um den Besitz, um den Erhalt von Gebäuden oder frei vom Zwang zur neuesten Mode. Frei um des „Himmelsreiches willen“, wie es im Evangelium heißt. „Armut, Bruder Franz, Freiheit, Flammentanz“ hieß es in den 1980er Jahren im christlichen Musical. Armut erleichtert den Zugang zu Gott. Der Heilige Franziskus hat dies gelebt, die Umkehr zu und das Bleiben bei Gott führte in die Armut.

Verzichten können

Mit (freiwilliger) Armut verbunden ist Verzicht. Hierbei kann es nicht um das Verzichten Müssen gehen. Die Kunst ist das Verzichten Können. Bei anderen Entscheidungen ist es oft klar: Wähle ich eine Sache, bedeutet dies den Ausschluss einer anderen. Beim Verzichten bleibt der Gewinn oft versteckt. Oder man nimmt ihn nicht wahr. Denn eigentlich müsste es auch umgekehrt gelten: Verzichte ich auf etwas, eröffnet sich dadurch – und nur dadurch – eine andere Möglichkeit, die ohne den Verzicht nicht zu haben gewesen wäre. Selig, die verzichten können, ihnen wird das Himmelreich dazu geschenkt. Der Berber wurde mit dem Verzicht, Geld für den nächsten Tag aufzubewahren, von der Angst um Überfälle befreit, weil sein Verhalten in der Szene bekannt war.

Wer verzichten kann, hat auch die Anlage zur Bescheidenheit, begnügt sich mit dem, was er hat. „Es muss nicht immer Kaviar sein“ –dieser Buchtitel beschreibt aber auch die Gefahr der Bescheidenheit, gönnerhaft von oben: Weil ich weiß, morgen fließt der Champagner, kann ich auch mal Wasser trinken. Vielmehr gilt es in einer Grundhaltung der Bescheidenheit zu leben, mit wenig auskommen, einfach zu leben – sogar dann, wenn es gar nicht nötig wäre!

Mitten in einer Konsumgesellschaft Verzicht zu leben, ist allerdings ungleich schwerer, als in einer „armen“ Umgebung. Ein ehemaliger Entwicklungshelfer – er war im Sudan – lebt bis heute hier bei uns in einer Kreisstadt ohne Auto. Obwohl er es gar nicht möchte, fühlen sich viele Autobesitzer durch seinen Verzicht provoziert.

Angemessen leben

Die Lebensstilfrage stellt sich heute in Westeuropa, besser in der nördlichen Hälfte Westeuropas, erst wenigen und langsam. Nein, es geht nicht darum, welches Auto ich mir leisten möchte, welche Kleidung und welchen Urlaub. Das sind natürlich auch Lebensstilfragen. Es geht um die Frage nach dem Lebensstil, der den Herausforderungen unserer Tage gerecht wird: Verknappung von Energie und Ressourcen, Nachhaltigkeit für eine Zukunft der nächsten Generationen nach uns, Gerechtigkeit für ein würdiges Leben aller Menschen auf dieser Erde, auch derer, die unfreiwillig im Elend leben, also der „Armen“. Insofern ist einfaches Leben sogar bitter nötig.

Einfach Leben kann teuer sein. Auf die Frage in einer Leserkolumne einer Bistumszeitung, ob man sich als Katholik nun keine Uhr mehr kaufen dürfe, weil die Uhr des Papstes auch nur 20 Euro gekostet habe, antwortet der Kapuzinerpater Stefan Huppertz mit der Tugend der Verhältnismäßigkeit. Er fragt: „Wer zahlt drauf, wenn ich mir ein T-Shirt für 5 Euro kaufe? Wie lebt ein Tier, dessen Fleisch ich für 2,49 pro Kilo kaufen kann?“. Er als Kapuziner könne es sich nicht leisten, eine billige Hose zu kaufen. Sie ist wahrscheinlich mit Kinderarbeit entstanden, voller Chemie und nach einer Saison abgenutzt. Allerdings ist die Uhrzeit, meine ich, abgelesen auf einer billigen Uhr dieselbe, wie die einer teuren Markenuhr, bei der ich Angst habe, sie wird mir gestohlen. Es geht um den Blick auf das Wesentliche.

Verantwortung

Wer also Geld hat, um solche Entscheidungen zu treffen, nachhaltig einzukaufen oder solidarisch nachzudenken beim Konsum, der zeigt, dass mit Reichtum immer auch Verantwortung verbunden ist. Diese Verantwortung kann belasten. Wer ein Haus hat, weiß, dass die Verantwortung dafür auch anstrengend sein kann – und teuer, beispielsweise die Instandhaltung. Eigentum verpflichtet, Unternehmer beispielsweise zur Sorge um ihre Mitarbeiter. Schade, wenn sich Manager nur um ihre Share-holder kümmern. Aber auch denen gegenüber geht es um Verantwortung. Wer Geld hat, muss verantwortlich damit umgehen, auch im Sinne des Einsatzes für andere. „Hast du viel, so gib reichlich von dem, was du besitzt; hast du wenig, dann zögere nicht, auch mit dem Wenigen Gutes zu tun.“ (Tob 4,8) Umgekehrt gilt: Wer Verantwortung hat, braucht Geld: Verantwortung als Familienvater oder Familienmutter, Verantwortung als Firmenleitung (oder Bischof, der einer Diözese vorsteht), Verantwortung als Politiker. Man hört allerorten die Klage, dass niemand mehr bereit sei, Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht scheint das finanzielle Risiko zu groß. Ganz offensichtlich ist dies bei der Frage nach der Familiengründung. Wunsch und Wirklichkeit klaffen hier auseinander. Kinder gelten als Armutsrisiko, Armut im Sinne der Verelendung, nicht im Sinne des Evangeliums!

Eher passt ein Kamel (oder, wie manche modernen Übersetzer meinen, ein Schiffstau) durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich. Wo ist das Problem des Reichen? Er glaubt – mit seinem Reichtum – alles selbst machen zu können. Im Psalm 49 heißt es: „Sie verlassen sich ganz auf ihren Besitz und rühmen sich ihres großen Reichtums. Loskaufen kann doch keiner den andern, noch an Gott für ihn ein Sühnegeld zahlen“. Freiwillige Armut, die damit verbundene Haltung, macht frei zur Gnade, öffnet den Himmel. Denn der Arme kann sich nicht auf sich selbst verlassen. Er lernt, letztlich Gott zu vertrauen. Eine Gabe, die der Reiche verlernt haben könnte.

Natürlich weiß ich, dass unsere Gesellschaft auf Besitz, unsere Lebensweise auf Konsum, unsere Wirtschaft auf Wachstum basiert. Aber Geld muss dem Menschen dienen, nicht der Mensch dem Geld. „Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen“, heißt es in „Evangelii Gaudium“, der „Regierungserklärung“ von Papst Franziskus. Wenn das Geld der Kirche anderen dient, ist die Kirche verantwortungsvoll, bescheiden und frei.

Ich habe dem Berber ab und zu ein Brot gekauft. Ich hoffte immer, dass er selbst wieder Verantwortung für seinen Lebensunterhalt übernimmt. Auch die Armen haben eine Würde, die ihnen mit Almosen gestohlen werden kann. Es gilt, Wege zu finden aus der Armut, Strukturen zu erkennen, Ursachen der Verelendung. Erst dann kann ich die Armut preisen, die frei macht und näher zu Gott führt.