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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Meditation 01/2014

Mit Christus Brücken bauen

Von Christian Liebenstein

Es war wirklich eine unmögliche Situation dort bei Sychar am Jakobsbrunnen: im kulturellen Umfeld Jesu sprach kein Mann in der Öffentlichkeit eine fremde Frau an. Juden sprachen nicht mit Samaritern – sie betrachteten diese schon fast als Ungläubige. Und dass ein Rabbi Kontakt mit einer Sünderin aufnahm, deren Schande stadtbekannt war und die sich nirgends mehr blicken lassen konnte – deswegen ist sie in der Mittagshitze an den Brunnen gekommen – ist einfach unvorstellbar.

Und doch: Das Gespräch am Jakobsbrunnen zwischen Jesus und der samaritischen Frau (Joh 4, 1–26) gehört zu den ausführlichsten und geistlich tiefsten Gesprächen, die in den Evangelien überliefert sind.

Jesus zeigt sich immer wieder als einer, der Brücken zu Menschen baut, zu denen kein Weg hin führt: er hat einen Blick für den blinden Bettler am Wegesrand, er holt den neugierig-ängstlichen Zachäus von seinem Baum-Versteck herunter und feiert mit Zöllnern und Sündern. Und er wagt, die Brücke zu begehen, die ihm die syrophönizische Frau baut: Sie besteht darauf, dass er auch ihre Tochter heilt, weil ihr als „Nichtjüdin“ wenigstens die „Brotkrümel“ vom Tisch des Heiles zustehen (vgl. Mt 15, 21–28). Sie vertraute darauf, dass Gott das Heil nicht nur für das Volk Israel will; während Jesus sein Heilshandeln in dieser Situation zunächst noch auf seine Landsleute beschränken wollte.

„Mit Christus Brücken bauen“ ist das Leitwort des diesjährigen Katholikentags. Es ist eine Herausforderung für unsere Pfarrgemeinden: Wir als christliche Gemeinden wollen ja offen sein für alle Menschen, die in der Gemeinde leben und für die, die zu uns kommen – und nehmen doch oft wahr, dass die Kreise kleiner werden. Wir müssen feststellen, dass die Botschaft Jesu, die wir als heilsam und lebensfördernd erfahren, viele Menschen nicht mehr erreicht. Es gibt ungewollte Gräben und kaum sichtbare Schluchten, die die frohe Botschaft anscheinend nicht mehr zu überwinden vermag.

Es ist also nötig, neue Brücken zu bauen, und dazu braucht es Mut und eine großzügige Gelassenheit. Es braucht den Mut zu ungewöhnlichen,zu scheinbar unmöglichen Schritten. Papst Franziskus bestärkte südamerikanische Ordensobere in einem Gespräch: „Habt Mut! Schlagt neue Richtungen ein! Fürchtet Euch nicht vor den Risiken, wenn ihr auf die Armen und die Menschen zugeht, die gerade beginnen, im Kontinent ihre Stimme zu erheben. Ihr werdet Fehler machen, ihr werdet anderen auf die Füße treten. Das passiert. Mir ist eine Kirche lieber, die etwas falsch macht, weil sie überhaupt etwas tut, als eine Kirche, die krank wird, weil sie sich nur um sich selbst dreht.“

Es braucht in der Gemeindearbeit Mut, ungewöhnliche, ja „unmögliche“ Wege zu gehen. Es braucht den Mut, Fehler zu machen, Enttäuschungen zu ertragen und sich vielleicht auch mal Blessuren zu holen. Und für die, die neue Wege versuchen und dabei möglicherweise auch Fehler machen, braucht es den Rückhalt ihrer Vorgesetzten und der Gemeinden.

Es braucht auch die Gelassenheit, dass Brücken Angebote sind. Nicht jede Brücke wird sofort begangen, dennoch ist es wichtig, dass sie da ist. Brücken sind auch keine Einbahnstraßen, die die Aufgabe haben, Kirchen oder Veranstaltungsräume zu füllen. Brücken ermöglichen Begegnungen – dann, wenn es dafür Zeit ist.

Davon, dass die Frau von Sychar oder Zachäus Jünger Jesu wurden, berichten die Evangelien nichts. Die Begegnung mit Jesus hat ihnen aber neue Perspektiven erschlossen und eine neue Hoffnung gegeben.