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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Interview 01/2014

Armut um der Sendung willen

Interview mit Schwester Sabine Adam, Provinzoberin der Congregatio Jesu

Schwester Sabine Adam stammt aus Hamburg. Seit 1984 ist sie Mitglied der Congregatio Jesu, besser bekannt als Maria-Ward-Schwestern. Nach dem Noviziat hat sie Religionspädagogik und Gemeindepastoral studiert, war etwa 10 Jahre Gemeindereferentin. Sieben Jahre davon war sie mit zwei Mitschwestern in einem Pfarrhaus Ansprechpartnerin der Gemeinde. Anschließend hat sie neun Jahre das Noviziat geleitet, die Ausbildung der Schwestern. Bevor sie 2011 Mitglied der Provinzleitung wurde, lebte sie in Mittelamerika. Ab Januar 2014 hat sie das Amt der Provinzoberin übernommen.



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Gemeinde creativ: Wenn man in einen Orden eintritt, spielt der evangelische Rat der Armut eine Rolle. Wie war das für Sie beim Eintritt in den Orden, diese Vorstellung, ‘ich habe nichts mehr selbst‘?

Sr. Sabine: Gemessen an den beiden anderen Gelübden war das Thema Armut eher nachgeordnet. Aber es war schon eine Überlegung: Will ich das, kein Verfügungsrecht über nichts? Ich habe mich dann bewußt dafür entschieden. Mein Lebensstandard hat sich nicht vereinfacht, muss ich dazu sagen. Das sehe ist durchaus auch kritisch.

Gemeinde creativ: Man hat als Ordensfrau aber alles was man braucht, oder?

Sr. Sabine: Es ist ein Lernprozess: Wie bewerte ich meine Bedürfnisse? Muss ich alles haben, was ich haben kann? Ich habe es eher so erlebt, dass ich selbst gefordert bin, als dass mir die Vorgesetzten das nicht gestattet hätten.

Gemeinde creativ: Auf was haben Sie dann bewusst verzichtet?

Sr. Sabine: Ich hatte mehrfach Einladungen von Mitschwestern oder einem Ordensbruder nach Kanada und nach Australien, die mich aus Sympathie eingeladen haben. Nur so zum Urlaub dahin fahren, konnte ich mir nicht vorstellen, wenn ich keinen dienstlichen Auftrag habe. Ich habe mich gegen einen Flug entschieden ohne meine Vorgesetzten. Heute bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob das richtig war, aber das war für mich nicht drin Ansonsten überlege ich bei Büchern oder anderen Dingen, ob ich sie wirklich brauche oder ich das anderswie lösen kann. Wir haben ja auch eine Bücherei.

Gemeinde creativ: In Ihrer neuen Rolle als Provinzoberin sind Sie verantwortlich für Ihre Mitschwestern. Verantwortung heißt aber auch finanzielle Verantwortung.

Sr. Sabine: Ja, aber ich bin froh, dass wir Personal haben, das in wirtschaftlichen Dingen ausgebildet ist. Ohne unseren Verwaltungsleiter, ohne die Beratung und die solide Arbeit, was die Zahlen angeht, könnte ich unmöglich dieses Amt ausüben.

Gemeinde creativ: Das heißt, die einzelnen Schwestern leben zwar in Armut vom Evangelium her, sind aber finanziell gut abgesichert?

Sr. Sabine: Wir sind zum Glück finanziell noch gut abgesichert, wir haben aber natürlich auch eine Verpflichtung. Wir haben im Moment 467 Schwestern und davon sind - glaube ich - 39 jünger als 65 Jahre. Wir bekommen kein Geld vom Staat, wir müssen für die Altersvorsorge zu 100 Prozent selber sorgen und das ist natürlich schon eine Last die man Schultern muss.

Gemeinde creativ: Was heißt denn dann in Armut zu leben, in einem Orden der im Grunde finanziell abgesichert ist.

Sr. Sabine: Für mich heißt es zum einen, dass ich weiß, dass ich nicht selber verfügen kann, sondern die Vorgesetzen fragen muss. Ich würde mich auch zum Beispiel mit meiner Stellvertreterin beraten, wenn es um etwas Größeres geht. Das kann ich nicht einfach selbst entscheiden. Für mich heißt es, die Dinge auch mal so zu nehmen, wie sie sind. Ich habe in Pasing eine sehr komfortable Wohnsituation. Ich hatte in Nürnberg ein winziges Zimmer. Das konnte ich beides so hinnehmen und musste nicht etwas einfordern. Unsere Armut steht immer im Dienst der Sendung, alle unsere Gelübde stehen im Dienst der Sendung.

Gemeinde creativ: Ihre Sendung ist, für Menschen da zu sein und sie auf dem Glaubensweg zu begleiten?

Sr. Sabine: Eine unserer Juniorinnen hat mich neulich gefragt, was Armut heißt. Nach dem Noviziat studiert sie noch einmal. Ihre Frage war, ob sie mit anderen Studentinnen weg gehen könne. In dem Fall halte ich den sozialen Aspekt für wesentlich. Sie muss ja nicht das teuerste Menü wählen, aber um des Kontakt Willens, um der Kommunikation, eine dieser Studentinnen unter den anderen zu sein, ist es wichtig an solchen Unternehmungen teilzunehmen. Sie könnte Geld sparen, wenn sie sich bei uns zu Hause in der Küche versorgt. Aber in ihrer Lage als Studentin soll sie sich als Schwester auch mit und unter den anderen zeigen. Da steht das als Sendung im Vordergrund.

Gemeinde creativ: Haben Sie in El Salvador Armut nicht ganz anders erlebt?

Sr. Sabine: Auf jeden Fall. Ich habe da in einem Slum mitgelebt, im Barrio (Barrio ist der lateinamerikanische Ausdruck für Slum, insofern hier richtiger) in einer Wohnung einer pastoralen Mitarbeiterin. Das ist eine ganz andere Welt, da ist es schwer Brücken zu schlagen. Am stärksten habe ich die Armut darin erlebt, dass ich mich als Frau nicht frei auf der Straße bewegen konnte. Dass ich auf keinen Fall nach Einbruch der Dunkelheit auf der Straße sein konnte. Auch die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel war sehr gefährlich. Ich habe es dann trotzdem getan, aber gewisse Sicherheitsmaßnahmen beachtet. El Salvador ist das Land mit der prozentual höchsten Mordrate der Erde. Hier in Deutschland am Abend hinaus zu gehen, ohne Angst zu haben, das habe ich erst jetzt erlebt, was das für ein Luxus ist. In vielen Ländern kann man als Frau nicht alleine auf die Straße.

Gemeinde creativ: Wie waren Ihre Erfahrungen als Ausländerin aus dem Westen?

Sr. Sabine: Meine Absicht war, bei den Menschen zu sein, einfach mit den Leuten leben. Dann habe ich aber gemerkt, dass sich die Tatsache, dass ich aus einem „Geberland“ komme und die Menschen, die dort leben aus einem „Nehmerland“, sich auf persönliche Beziehungen auswirkt. Die Leute haben nicht verstanden, dass ich nur da sein wollte. Entweder kennen sie Leute aus dem reichen Europa, die sich Projekte anschauen wollen und zu Hause Spenden rekrutieren. Die kommen, weil sie sich informieren wollen oder sie sind da, weil sie als Sozialarbeiter oder Krankenschwester mitarbeiten. Aber da zu sein, um in Kontakt zu kommen mit den Leuten, um mitzubekommen wie sie leben, das war fast nicht vermittelbar.

Gemeinde creativ: Können Sie etwas erzählen von dieser existenziellen Armut dort?

Sr. Sabine: Ja, auf jeden Fall. Ich war bei alten Leuten eingesetzt, die zum Teil vom Betteln gelebt haben und die zu uns ins soziale Zentrum kamen, um dort eine warme Mahlzeit zu bekommen. Viele von ihnen sind von ihrer Familie abgeschnitten, weil von El Salvador ganz viele versuchen nach Nordamerika zu kommen, weil die Arbeitslosigkeit zu hoch ist. Viele alte Leute verlieren deshalb den Kontakt zu ihren Kindern. Damit sind sie von der Versorgung abgeschnitten, Renten gibt es nicht.

Gemeinde creativ: Da bekommt Armut noch einmal eine andere Farbe.

Sr. Sabine: Ja, eine völlig andere Farbe und sie ist kombiniert mit dem Thema Gewalt. Die Jugendbanden, die Maras, setzen Leute unter Druck, erpressen sie: Entweder es gibt Geld oder es wird ein Mitglied der Familie umgebracht. Viele Leute haben gezögert, mich in ihre Wohnung aufzunehmen. Ich nehme an, dass das mit der Angst vor den Maras zu tun hat: Wer Kontakt zu jemanden aus dem Westen hat, könnte Geld haben - dann ist die Gefahr der Erpressung umso größer. Meine Mitschwester, die in El Salvador als Professorin lebt, hat immer gesagt, ich sähe ganz typisch aus wie die Leute von der Kirche. Das bedeutet einen gewissen Schutz, denn auch die Maras respektieren in der Regel die Kirchen. Wenn man aber in einen Überfall, z.B. in den öffentlichen Verkehrsmitteln, hineingerät, da muss man um sein Leben fürchten. Ich hatte Spendengelder dabei. Es war sehr schwierig, sie zu verteilen. Ich habe bis zuletzt damit gewartet, denn als die Leute mitbekommen haben, ich habe etwas Geld, das ich verteilen will, wurden die Beziehungen zum Teil unangenehm. Dann habe ich für das Altenzentrum dort eine neue Küche finanziert, also das heißt einen neuen Gasherd und so weiter und dann haben alle etwas davon.

Gemeinde creativ: Papst Franziskus spricht jetzt davon, arme Kirche für die Armen zu sein. In den Verhältnissen, die Sie jetzt von El Salvador beschrieben haben, kann man sich das ein Stück weit vorstellen, auch wenn es sehr schwierig ist. Wie sieht es denn für Deutschland aus?

Sr. Sabine: In Deutschland sind wir in unserem Orden aufgrund unserer Räumlichkeiten angefragt, ob wir noch andere unterbringen, wie etwa auch die Pfarreien in Bezug auf Flüchtlinge. In Hannover machen wir das jetzt. Die Diözese Hildesheim hat zugestimmt, dass in dem Haus, in dem unsere Schwestern wohnen, das aber Eigentum der Diözese ist, das dritte Stockwerk für syrische Frauen mit ihren Kindern zur Verfügung gestellt wird. Sechs Frauen und sieben Kinder ziehen dort im Februar ein. In unseren eigenen Häusern haben wir aufgrund unserer langen Schultradition in der Regel allen überzähligen Wohnraum bereits an unsere ehemaligen Schulen abgegeben. Manche Gebäude stammen aber auch aus Zeiten, wo der Gedanke an effiziente Raumnutzung noch fremd war, so dass viel Raum verschenkt wurde.

Gemeinde creativ: Welche Rolle könnte denn in solch einem Konzept von Kirche für die Armen das Ordenscharisma spielen, wo Armut im Geist des Evangeliums eine Rolle spielt?

Sr. Sabine: In Deutschland müssen wir uns darauf einstellen, dass der bisherige Lebensstandard gesenkt werden muss, beispielsweise im Gebrauch von Autos oder Energie. Oder schauen sie auf die Mitschwester, die als Pastoralreferentin versucht, Weihnachten nachts um 24 Uhr in eine Hochhaussiedlung zu gehen um da auf der Straße etwas anzubieten für Menschen, die nicht in die Kirche gehen. Die, die dort wohnen, sind eher die Armen. Für uns könnte es auch heißen, dass wir für Leute, die sich das sonst nicht leisten können, Exerzitienangebote bezuschussen.

Gemeinde creativ: Welche Rolle werden Ihrer Meinung nach Orden überhaupt in der Kirche in Zukunft spielen?

Sr. Sabine: In Zukunft wird es nur noch wenige Ordensleute geben. Ich glaube aber, dass wir eine Zukunft haben. Vielleicht gibt es auch eine Renaissance. Es gibt Frauen, die von der Karriere übersättigt sind und erkennen: Das ist es alles nicht. Es gibt natürlich keine materiellen Gründe mehr in einen Orden einzutreten. Ich kann jede Ausbildung woanders machen. Es gibt nur noch spirituelle Gründe und das ist eine andere Situation als es früher war. Das wirft noch einmal ein anderes Licht auf den Rückgang der Ordensleute. Wenn man diese Messlatte früher angelegt hätte, wären viele Schwestern nicht da. Es gibt „nur“ noch spirituelle Gründe und es gibt eine Sehnsucht wesentlicher zu leben, das was ich tue mit Sinn erfüllen zu können; es gibt eine Sehnsucht nach Gemeinschaft und gleichzeitig die Unfähigkeit dazu (s. Kurztext). Das muss man leider auch sagen. Ich sehe die Zukunft der Orden einmal in der Begleitung von Menschen, die fragen: Wo finde ich überhaupt Maßstäbe, wie ich entscheiden kann? Wie finde ich zu einer Lebensqualität, zu einem sinnvollen Lebensentwurf? Kontemplative Ordensgemeinschaften können Orte anbieten wo Menschen hinkönnen, wo sie Ansprechpartner finden, wo sie Stille finden, wo sie auch im Gebetsleben einen Rhythmus finden, wo sie sich auf Zeit einklinken können, da sehe ich die Zukunft von Orden. (s. Kurztext)

Gemeinde creativ: Diese spirituelle Ebene wird für die Gesamtkirche eine Herausforderung sein, denn auch hier gilt: Es kommen nur noch die mit spirituellen Bedürfnissen.

Sr. Sabine: Ja, da muss noch viel passieren, damit in den Gemeinden die Spiritualität einen höheren Rang einnimmt. Die Versuche, mit Französischkursen und Yoga die Gemeindehäuser voll zu kriegen, sind es nicht. Das bekommen sie bei der Volkshochschule oder im Fitness-Center. Wenn die Gemeinde eine Zukunft haben soll, dann als spiritueller Ort und da hat man auch den Laien viel zu wenig zugetraut, denn viele Laien bringen jede Menge Kompetenz mit. Das habe ich nicht nur in Stuttgart erlebt. Jeder, der verantwortlich im Beruf steht, möchte in der Gemeindearbeit nicht gegängelt werden und alles zensiert bekommen. Es muss eine gewisse Freiheit und Großzügigkeit herrschen, damit die Leute arbeiten können. Wenn man den Leuten Verantwortung überträgt, dann gibt es eine hohe Bereitschaft sich einzubringen, aber nicht, wenn man jeden kleinsten Schritt vom Pfarrer unterschreiben lassen muss. Auf der anderen Seite habe ich auch erlebt, dass sich Frauen gemeldet haben, Kommunionkinder zu begleiten, die selbst sehr weit weg waren vom Glauben. Sie wollten Kommunionmütter werden und hatten nicht die geringsten Bedenken dabei. Das ist die andere Seite. Einerseits den Laien Verantwortung zu übertragen, andererseits aber als Hauptamtliche auch die Verantwortung für einen glaubwürdigen, theologisch fundierten Umgang mit dem Evangelium zu übernehmen. Da sind dann manchmal Leute von allen möglichen spirituellen Richtungen dabei, die nicht unbedingt auf dem Boden der christlichen Gemeinde ihren Platz haben. Wer in spiritueller Hinsicht mitarbeiten möchte, müsste sich dann auch auf eine entsprechend Schulung einlassen. Wo christlich draufsteht, sollte auch christlich drin sein. Es muss stimmig sein in sich. Das ist auch eine Spannung, die von Verantwortlichen nicht ganz einfach auszuhalten ist. Unsere Gemeinschaft ist nach einer jahrhundertalten Schultradition erst in jüngster Zeit wieder zur Pastoralarbeit zurückgekehrt. Wir haben eine Juniorin, die für den Beruf der Gemeindereferentin studiert; wir haben eine sehr engagierte Pastoralreferentin in Frankfurt. In Bad Reichenhall ist unsere Gemeinschaft sehr gut integriert in die Pfarrgemeinde. Viele von uns sind in der Begleitungs-und Exerzitienarbeit. In kleinen Gemeinden besteht ein guter Kontakt zu den Schwestern, sind sie sichtbar und einladend. In Hannover leben unsere Schwestern in einem Haus der Diözese. Sie leisten Sakristeidienst, organisieren die Gottesdienste, bieten Bibel-und Gesprächskreise an. Kirchliche Gruppen treffen sich im Umfeld des Hauses und kommen so in Kontakt mit den Schwestern.

Das Interview führte Thomas Jablowsky