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  • GC 002 2017 Titel

Schwerpunktthema 02/2017

Eine Kirche des Zuhörens

Von Dorothea Sattler
Sprecherin des Sachbereichs „Pastorale Grundfragen“ im ZdK

Papst Franziskus hat bereits vielfach mit Taten und Worten überrascht. Der Toten, die auf der Flucht waren und im Mittelmeer ertranken, hat er gedacht. Frauen im Gefängnis hat er an Gründonnerstag die Füße gewaschen. Vom Lutherischen Weltbund hat er sich am Reformationstag nach Lund einladen lassen. Er will in strittigen Fragen im Blick auf das Leben in menschlichen Beziehungen (Ehe, Familie, Sexualität) nicht entscheiden, ohne zunächst zu hören, wie in der römisch-katholischen Kirche weltweit diesbezüglich gedacht wird. „Eine synodale Kirche ist eine Kirche des Zuhörens“ - so lautet ein Gedanke, den Papst Franziskus anlässlich der 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode im Oktober 2015 formuliert hat (vgl. auch Seite 18). Er prägte dabei einen neuen Begriff und sprach ausdrücklich von der zu formenden „synodalen Kirche“. Viele denken heute darüber nach, was genau er mit dieser Rede meinen könnte. Die Rückbindung, die Franziskus bei seiner Initiative für möglich erachtet, kann stärker nicht sein: Nach seiner Einschätzung erwartet Gott selbst von der Kirche im dritten Jahrtausend, dass sie den Weg der Synodalität wählt.

SYNODALITÄT ALS GRUNDHALTUNG

Zwischen dem Wesen von „Synodalität“ im Sinne der Bestimmung einer geistlichen Haltung auf der einen Seite und den spezifischen Formen eines Ereignisses – einer Synode beispielsweise auf diözesaner oder nationaler Ebene – gilt es zu unterscheiden.

Synodalität meint begrifflich: einen Weg gemeinsam gehen. Als getaufte und geistbegabte Menschen gehen Christen gemeinsam auf einem Weg von der Zeit in die Ewigkeit. Christenmenschen leben eine Existenz auf dem Weg – wandernd immerzu wie Jesus in seiner Zeit in Galiläa und Judäa, gemeinsam miteinander unterwegs als Volk Gottes, begleitet dabei vom lebendigen Heiligen Geist. In diesem viatorischen Dasein des Menschen (‚via‘ lateinisch für ‚Weg‘) ist es eine angemessene geistliche Grundhaltung, sich in den eigenen Lebensprozessen von anderen Menschen trösten, aufrichten, beraten und zur Umkehr rufen zu lassen.

Synoden hingegen sind vereinbarte Gesprächsformen. In ihnen werden kirchliche Handlungsweisen und Verantwortlichkeiten besprochen. Bei diözesanen und nationalen Synoden sind kirchenrechtlich vorgegebene Bestimmungen zu beachten. Gesprächsprozesse, Foren und andere Formen des Dialogs können sich eine offenere und freier zu gestaltende Geschäftsordnung geben.

ERFAHRUNGEN BEI SYNODALEN PROZESSEN

Das Zweite Vatikanische Konzil setzte sich für eine Stärkung der synodalen Beratungen in der Kirche ein: „Diese Heilige Ökumenische Synode wünscht, dass die ehrwürdigen Einrichtungen der Synoden und Konzilien mit neuer Kraft aufblühen; dadurch soll besser und wirksamer für das Wachstum des Glaubens und die Erhaltung der Disziplin in den verschiedenen Kirchen, entsprechend den Gegebenheiten der Zeit, gesorgt werden“ (vgl. Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe in der Kirche, Christus Dominus, Nr. 36).

Bei den Reflexionen über die synodalen Beratungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind von kirchlich engagierten Christen neben Aspekten der Zustimmung auch Problemanzeigen formuliert worden. Formale und inhaltliche Aspekte lassen sich dabei zwar unterscheiden, jedoch letztlich nicht voneinander trennen.

Im Blick auf die Gestalt synodaler Beratungen stellen sich folgende kritische Fragen: Welche Möglichkeiten zu einer entscheidungsrelevanten Partizipation von Laien gibt es bei der Initiierung, der Vorbereitung, der Durchführung und der Ergebnissicherung synodaler Prozesse? Wer entscheidet im Hinblick auf die Auswahl der Personen, die als Synodale berufen werden? Sind ergebnisoffene Kommunikationsprozesse vorgesehen? Gibt es eine von den kirchenamtlich Verantwortlichen unabhängige Prozessbeobachtung? Sind transparente Regularien zur Begleitung von Konflikten vereinbart? Wer verantwortet die öffentliche, medial zugängliche Präsentation des synodalen Prozesses? Welcher Umgang mit nach den Beratungen noch verbleibenden Kontroversen ist vorgesehen? Werden verbindliche Vereinbarungen zur Fortsetzung der Gespräche getroffen?

Zu den Themen, die viele der kirchlich engagierten Menschen heute ergebnisoffen unter synodalen Rahmenbedingungen besprechen möchten, gehören vor allem:

  • der Zuschnitt der pastoralen Räume in Achtung der Ämter von ordinierten und nicht-ordinierten getauften Christen;
  • die Diskrepanz zwischen der römisch- katholischen Lehre und der gelebten Praxis im Blick auf das Beziehungsleben der Menschen mit seinen biographisch bedingten Wandlungen;
  • Wege, die bei der Suche nach Gott unter missionarischer Perspektive hilfreich sind;
  • neue Formen der Liturgie, die einladend auf Menschen wirken;
  • die diakonische Dimension kirchlicher Existenz;
  • Fragen der christlichen Ökumene und des interreligiösen Dialogs;
  • die sozial-politische und ökologische Verantwortung der christlichen Gemeinden.

DAS ZDK UND DIE „SYNODALITÄT“

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) ist seit seiner Gründung im 19. Jahrhundert eine Institution, die große Erwartungen mit synodalen Prozessen in der römischkatholischen Kirche verbindet. Die Katholikentage verstehen sich als ein Ort des kritischen Dialogs. An der Würzburger Synode (1971-1975), ihren Beratungen und Beschlüssen, hat das ZdK intensiv mitgewirkt. Die „Gemeinsame Konferenz“ zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem ZdK wurde im Anschluss an die Würzburger Synode begründet, um einen stetigen Ort des Austauschs über Themen zu gestalten, bei denen Laien wie Bischöfe Kenntnisse, Erfahrungen und Anliegen haben. Immer wieder hat das ZdK die Bedeutung der authentischen und offenen Gesprächskultur in der römisch-katholischen Kirche angemahnt – beispielsweise auch in dem Dokument „Dialog statt Dialogverweigerung“ zu Beginn der 1990er Jahre. Der jüngste Beschluss zur Sache steht somit in einer langen und verzweigten Tradition, die durch ein hohes Zutrauen zur Bedeutung der Stimmen der Laien in gesellschaftlichen und religiösen Themenbereichen geprägt ist. Dieser Beschluss vom 19. November 2016, der vom Ständigen Arbeitskreis im Sachbereich „Pastorale Grundfragen“ des ZdK vorbereitet wurde, trägt den Titel „Synodalität. Strukturprinzip kirchlichen Handelns“.

SCHLÜSSELQUALIFIKATIONEN BEI GELEBTER SYNODALITÄT

Die kirchliche Lehre kannte die Rede von einer „synodalen Kirche“ bisher nicht. Papst Franziskus hat mit Worten und Taten einen neuen Stil im Miteinander eingefordert. Die Bereitschaft, einander zuzuhören, gehört für ihn zu den wichtigen Voraussetzungen für gelebte Synodalität. Diese weise Einsicht lässt sich mit weiteren Gedanken zu wichtigen Qualifikationen bei der Gestaltung synodaler Prozesse verbinden: einander mit Wertschätzung und Aufmerksamkeit begegnen, Neugier zeigen und Interesse an den Gedanken und den Lebenserfahrungen anderer Menschen haben, fachliche Kompetenzen achten, Dialogregeln besprechen und einhalten, Ergebnisse sichern und Entscheidungen transparent machen.

Machen wir uns auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens immer wieder neu miteinander und mit Vertrauen auf den Weg – so sieht Synodalität heute aus.