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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Schwerpunktthema 01/2017

Ökumenisch feiern?

Gedanken um Reformationsjubiläum

Von Bernward Schmidt
Professor für Kirchengeschichte, Katholische Fakultät Münster

Nach zehn Jahren Vorbereitung wird 2017 das Reformationsjubiläum gefeiert. Nicht nur die evangelische Kirche in Deutschland (EKD), sondern auch Bundesländer und Institutionen des Bundes haben gewaltige Anstrengungen unternommen, um historische Stätten zu sanieren, Sonderausstellungen zu organisieren und die Relevanz der Reformation für die Gesellschaften der Gegenwart zu betonen. Wissenschaftler veranstalteten eine große Anzahl von Tagungen und Workshops; der Buchmarkt erlebt derzeit eine wahre Flut von Reformations- und Luthertiteln von unterschiedlichstem Anspruch und Niveau. Ein wenig ratlos scheinen allerdings katholische Christen, Theologen und Bischöfe vor dem Reformationsjubiläum zu stehen. Kann man denn 2017 einfach mitfeiern? Was ist der Inhalt des Feierns oder Gedenkens?

Ein oberflächlicher Blick auf Texte der EKD, Online-Auftritte und die Presse führt leicht auf falsche Fährten. Das beginnt mit dem Bezug auf das Jahr 1517, der auch die Reformationsjubiläen der letzten Jahrhunderte prägte. Allzu leicht hat sich wieder die Debatte entzündet, ob Luther seine Thesen über den Ablass an die Türen der Wittenberger Schlosskirche angenagelt habe oder nicht. Abgesehen davon, dass ein Thesenanschlag zwar möglich, aber allen Bemühungen einiger Forscher zum Trotz doch wenig plausibel ist, lenkt die Frage vom Eigentlichen ab: Denn nicht zuletzt für Luther selbst war es offensichtlich wenig bedeutsam zu überliefern, was er an diesem Tag genau tat; viel wichtiger war es ihm, dass an diesem Tag durch seine Argumente „die Ablässe umgestürzt wurden“ (so in einem Brief vom 1. November 1527). Die Ereignisse von damals sind spannend zu betrachten und zu erforschen. Doch Luthers Akzente liegen anders: Grundlegend ist für ihn die Bereitschaft, das Evangelium als Geschenk im Glauben anzunehmen und sein Leben immer neu zu überdenken. Das Datum 1517 markiert daher in vielerlei Hinsicht einen Anfang.

LUTHER WAR NICHT ALLEIN

So wie „1517“ nur ein Teil des komplexen Reformationsgeschehens ist, ist es auch die Person Martin Luthers. Auf die Gefahr, dass andere reformatorische Strömungen und damit auch aktuelle Gemeinschaften, die sich auf sie zurückführen, an den Rand des Reformationsgedenkens gedrängt werden, ist häufiger hingewiesen worden: Huldrych Zwingli und Johannes Calvin in der Schweiz, William Tyndale in England oder die Täufer in ganz Europa. Von dieser europäischen Dimension der Reformation ist bei der EKD und den staatlichen Institutionen, die sich hierzulande des Reformationsjubiläums angenommen haben, nicht viel zu merken.

Die Frage, was es eigentlich zu feiern oder zu gedenken gibt, heißt auch: Was war die Reformation im 16. Jahrhundert und was kann sie für uns heute bedeuten?

Für viele Katholiken ist Reformation in erster Linie mit der Spaltung der Kirche im westlichen Europa verbunden. Diese bildete sich seit der Exkommunikation Martin Luthers durch Papst Leo X. heraus und führte zu den scharfen gegenseitigen Abgrenzungen des konfessionellen Zeitalters, die teilweise noch immer wirken. Als Wunde am Leib Christi wird die Spaltung häufig beschrieben, was das existentielle theologische Ärgernis auf den Punkt bringt. In diesem Kontext spielt seit der Mitte des 20. Jahrhunderts auch der Gedanke von Schuld eine Rolle: Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) hatte evangelische Christen nicht mehr „Häretiker“, sondern „getrennte Brüder“ genannt, zuvor schon hatten mit Joseph Lortz und Erwin Iserloh bedeutende katholische Luther-Forscher das Bild vom Reformator grundlegend geändert. Da man nun zugestand, Luther habe berechtigte Reformanliegen gehabt, wurde er auch nicht mehr für die Kirchenspaltung verantwortlich gemacht, sondern die sture, reformunwillige und theologisch „unklare“ Kirche seiner Zeit. In diesem Sinn schrieb der bedeutende Theologe Karl Rahner den Repräsentanten der Kirche zu Luthers Zeit „objektive Schuld“ zu. Dass jedoch beide Seiten ihren Teil zur Spaltung beigetragen haben, ist mittlerweile unbestritten – von „Dauerbrennern“ wie dem Umgang mit gesellschaftlichen Minderheiten gar nicht zu reden. Diese Sicht spiegelt sich auch in einem Entwurf für einen ökumenischen Bußgottesdienst, der im Frühjahr 2017 in Hildesheim gehalten werden soll und als Vorlage für weitere derartige Gottesdienste gedacht ist.

REFORMATION ALS PROZESS

Eine andere einflussreiche Deutung sieht Reformation insbesondere unter dem Aspekt der politisch-gesellschaftlichen Neuordnung. Erst durch die Herauslösung von Städten und Ländern aus dem Gefüge der Papstkirche, die Einführung eines neuen kirchlichen Rechts und volkssprachlichen Gottesdienstes wird die Theologie der Reformatoren zur umfassenden Reformation. Die Herausbildung von Konfessionen kann nur als Prozess gedacht werden, der die gesamte Gesellschaft einer Stadt oder eines Landes betraf. Dabei wurden die Landesherren in den reformatorischen Gebieten des 16. Jahrhunderts in der Regel auch zu Kirchenherren, die enge Verbindung von Staat und (evangelischer) Kirche ist hier grundgelegt. Die Betonung der politisch-rechtlichen Seite von Reformation wird derzeit vor allem vom Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann vertreten. Der Aspekt passt zweifellos gut ins Konzept der staatlichen Förderung des Reformationsjubiläums. Immerhin fließt aus den Haushalten der Bundesregierung und verschiedener Länder ein zweistelliger Millionenbetrag in Baumaßnahmen, Medien und Veranstaltungen. Mutige Zeitgenossen lassen gar mit der Reformation die Grundlagen moderner Staatlichkeit und moderner Freiheitsrechte entstehen. Dies jedoch ist nicht nur historisch fragwürdig, sondern enthält auch eine anti-katholische Spitze: Ist die katholische Kirche ungeachtet der Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils eine „Kirche der Unfreiheit“? Diese Sichtweise vernachlässigt jedoch die religiös-theologische Seite von Reformation und damit ihre Grundlagen. Für das ökumenische Gespräch sind diese aber von besonderer Bedeutung, woran etwa der Tübinger Kirchenhistoriker Volker Leppin erinnert. Leppins Luther steht vor allem in einer Kontinuität zu Strömungen der Theologie im ausgehenden Mittelalter, hat vor allem Konsequenzen aus der Mystik gezogen. Reformation und Konfessionsbildung erscheinen somit als Prozesse der Vereinheitlichung, die innere Pluralität der spätmittelalterlichen Kirche wandelte sich in die Pluralität miteinander konkurrierender Konfessionen.

UND HEUTE?

In unserer Gegenwart kann es weder um eine Konkurrenz der Konfessionen gehen, noch um Schuldzuweisungen oder Selbstbeschuldigungen. Niemand zwingt uns, einander Worte und Handlungen des 16. Jahrhunderts zum Vorwurf zu machen. Martin Luthers grundlegende Erkenntnis war, dass am Kreuz das Entscheidende der Sündenvergebung geschehen ist. Wir Menschen sind damit vor Gott gerechtfertigt und dürfen auch einander als Gerechtfertigte annehmen. Dies können Katholiken mittragen, erst recht seit der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999. Und sie dürfen sich freuen über die Prozesse des Lernens und der gegenseitigen Annäherung, die in den letzten Jahrzehnten Früchte getragen haben. Wenn wir uns gemeinsam auf den Kern unseres christlichen Glaubens besinnen, miteinander beten, feiern und den Herausforderungen einer säkularen Welt stellen könnten, dann wäre das Grund zu ehrlicher Jubiläumsfreude.